Mein

Überlingen Professer Antônio Inácio Andrioli sprach in Lippertsreute über Gentechnik und Agrarökologie

Einen Blick über den Tellerrand ermöglichten das Bündnis Gentechnikfreie Anbauregion Bodensee – Allgäu – Oberschwaben und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

„Wir können in Brasilien auf zehn Jahre Erfahrung zurückblicken und ich bin der Meinung, dass Europa nicht wiederholen sollte, was bei uns nicht funktioniert hat“ - Professer Antônio Inácio Andrioli sprach deutliche Worte bei seinem Vortrag, zu dem das Bündnis Gentechnikfreie Anbauregion Bodensee – Allgäu – Oberschwaben und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft eingeladen hatten. Dabei ging es nicht um die gentechnikfreie Region Überlingen, sondern um einen mutigen Blick über den Tellerrand. Dass auf dem Teller kein genverändertes Lebensmittel Platz hat, war kurz vor Mitternacht wirklich jedem klar. Der Agrarexperte und Mitkämpfer der Nationalen Biosicherheitskommission ließ keine Gelegenheit verstreichen, um auf die Wirkung der Toxine hinzuweisen. Ratten mit riesigen Tumoren, resistente Schädlinge und Unkräuter kamen ebenso in seinen Ausführungen vor wie schockierende Zahlen. „Der Saatgutpreis hat sich bei uns im vergangenen Jahr um 245 Prozent erhöht“, berichtete der Deutschstämmige und, dass sein Land weltweit den höchsten Pestizidverbrauch habe. Vor allem aber ging es um die verantwortungslose Zulassung der chemischen Mittel und deren Einsatz. „Zugelassen sind 0,2 Milligramm dieses Pestizides – im Mais nachgewiesen sind 33 Milligramm.“

Der Redner malte ein schauriges Zukunftsszenario in den Klauen der Toxinindustrie und bemühte dramatische Vergleiche.

Am Ende von Terminator-Gen und Augenwischerei, Argumentationsfehlern und Verschwörungstheorien stand sein Plädoyer für Laborkontrollen der einführenden Länder, Langzeitstudien unabhängiger Wissenschaftlier und eine weltweite Vernetzung. Er berichtete über Zulassungen, die auf Studien der Konzerne beruhen, über dehnbare Grenzwerte oder die Macht der Lobbyisten und stellte klar: „Wenn alle Sorten auf dem Markt verseucht sind, gibt es kein Zurück mehr.“

Zwischen Mais und Soja tauchten immer wieder die EU und der neue Koalitionsvertrag auf. „In Deutschland könnte man dieses Thema noch in den Griff bekommen“, ist sich Anneliese Schmeh vom Hagenweiler-Hof sicher. Sie war 25 Jahre lang Landesvorsitzende beim ABL und ist vom Autor des Buches „Agro-Gentechnik. Die Saat des Bösen“ tief beeindruckt. „Wir sind hier sehr rührig – aber das, was Professor Andrioli erzählt, kann einen neidisch machen. Dass Universitäten vom Staat bezahlt werden, dass so viel Gelder für Forschung und Bauern zur Verfügung gestellt werden oder dass es in Kantinen Bioessen gibt – davon können wir nur träumen.“ Die Linzgauerin meint, dass man in Brasilien die Grenzen erkannt habe, während in Europa immer noch ein großer Informationsmangel herrsche. EU-Parlamentarier stimmten beispielsweise über Zulassungen ab, ohne dass sie überhaupt Zugang zu den Fakten hätten. „Aufklärung ist wichtig, damit wir umdenken“ sagt Anneliese Schmeh. „Es wird auf jeden Fall eine Maissorte geben, die Inhaltsstoffe des berüchtigten Agent Orange enthält“, sagte der Professor. So pendelte die Stimmung an diesem beunruhigenden Abend in Lippertsreute zwischen Entsetzen und vorsichtiger Zuversicht.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Überlingen
Überlingen
Interview
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren