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Überlingen Offene Tür für „fragwürdige Krebstherapie“

Der städtische Kursaal ist heute und morgen an die Überlinger Heilpraktikerin Isolde Riede vermietet, die dort eine kommerzielle Tagung zu „Amanita und Integrative Medizin“ veranstaltet. Die 80 Teilnehmer, Therapeuten und Patienten, zahlen zwischen 90 und 170 Euro.
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Wann übernimmt die Oberbürgermeisterin Schirmherrschaften?

Der städtischen Kursaal öffnet seine Türen für ein Seminar zu „Amanita Tumor Therapie“.
Der städtischen Kursaal öffnet seine Türen für ein Seminar zu „Amanita Tumor Therapie“. | Bild: Bild: BAur

Im Mittelpunkt steht eine von der Biologin selbst entwickelte alternativmedizinische Krebstherapie mit Präparaten aus dem grünen Knollenblätterpilz, für die es keinen anerkannten wissenschaftlichen Nachweis einer Wirkung gibt. Im Gegenteil warnen Fachleute wie der seit Jahren onkologisch tätige Internist Jürgen Schmidt. Der Chefarzt der Medizinischen Klinik des Überlinger Helios-Spitals sagt: „Die Amanita Therapie ist eine sehr fragwürdigen Therapieform bei Krebs.“

Auch der von Bund und Land mitgetragene Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg als „Nationales Referenzzentrum für Krebsinformation“ warnt. Auf SÜDKURIER-Anfrage hieß es von dort: „Aufgrund unserer Recherchen mussten wir Patienten oder Angehörigen von Krebspatienten, die sich mit Hoffnung an uns gewendet haben, allerdings darauf aufmerksam machen, dass ein moderner wissenschaftlich fundierter Wirkungsnachweis für die Angebote Frau Riedes nicht vorliegt.“

Zwar hält Oberbürgermeisterin Becker nun lediglich ein Grußwort, doch noch gestern wies die Internetseite zum Seminar sie als Schirmherrin aus.
Zwar hält Oberbürgermeisterin Becker nun lediglich ein Grußwort, doch noch gestern wies die Internetseite zum Seminar sie als Schirmherrin aus. | Bild: screenshot: Baur/Grafik: Pavlicek
Selbst wer nicht den Aufwand einer solchen Recherche betreiben will, sieht im Internet nach wenigen Sekunden zumindest einen Anfangsverdacht bestätigt. Die aus der Esoterik- und Heilerszene wegen ihrer anonymen Urheberschaft immer wieder massiv angegriffene Seite „Esowatch“ kritisiert die Amantia-Therapie ausführlich. Ausgedruckt ist der – mit Belegen unterfütterte Artikel – fünf DIN A 4 Seiten lang.

Dennoch kann das Seminar, bei dem auch für andere umstrittene Krebstherapien geworben wird, in einem städtischen Gebäude, dem Kursaal stattfinden. Mehr noch, Oberbürgermeisterin Sabine Becker selbst gibt der Veranstaltung einen seriösen Anstrich. Ursprünglich sollte sie sogar als „Schirmherrin“ ideelle Unterstützerin sein. „Frau Oberbürgermeisterin Becker hatte mir das mal spontan angeboten“, sagt Riede im SÜDKURIER-Gespräch. Es sei dann aber doch nicht dazu gekommen, erzählt die Heilpraktikerin weiter, die die OB auch aus der Kommunalpolitik kennen muss, Riede ist Vorsitzende des im April gegründeten Bündnsigrünen Ortsverbandes.

Die Oberbürgermeisterin habe eine „wohlwollende Prüfung“ der Schirmherrschaft versprochen gehabt, teilt Pressesprecher Raphael Wiedemer-Steidinger mit. Da „für die Teilnahme aber Gebühren anfallen“ habe sie „auf der Basis der Richtlinie keine Schirmherrschaft übernommen“. Allerdings warb Riede noch gestern auf ihrer Homepage mit der prominenten Schirmherrin.

Dr. med. Jürgen Schmidt, Internist und Chefarzt im Überlinger Helios-Spital: "Die Amanita Therapie ist eine sehr fragwürdige Therapieform bei Krebs."
Dr. med. Jürgen Schmidt, Internist und Chefarzt im Überlinger Helios-Spital: "Die Amanita Therapie ist eine sehr fragwürdige Therapieform bei Krebs." |
Stattdessen hält die OB nun ein Grußwort. „Frau Becker möchte diese Gäste aus Nah und Fern begrüßen und dabei in ihrer Rolle als Oberbürgermeisterin für Überlingen als erholsame Kur- und Tourismusstadt am schönen Bodensee werben. Sie identifiziert sich dabei weder mit dem Seminarthema noch wird sie sich mit dem Inhalt des Seminars auseinandersetzen“, verlautet dazu weiter aus dem Rathaus.

Riede habe den Kursaal im Dezember 2010 angemietet, erinnert sich der zuständige Mann bei der städtischen Kur- und Touristik GmbH (K+T), Reinhard Wasowicz. Er habe damals das Thema als „grenzwertig“ eingeschätzt und im Internet recherchiert. Nachdem er jedoch keine kritischen Veröffentlichungen gefunden habe, hätte er den damaligen Geschäftsführer Thomas Götz informiert. Später habe er „was von einer Schirmherrschaft der Oberbürgermeisterin“ mitbekommen und von einem Grußwort. „Da dachte ich mir dann, dann muss das ja in Ordnung gehen.“

„Wenn es um eine nicht anerkannte Therapie geht und jemand Heilungsversprechen gibt, dann würde das nicht im Kursaal stattfinden“, formuliert Wasowicz für die K+T eine Regel. Würde er heute im Internet recherchieren, fände er mehrere solche Versprechen. Zum Seminar selbst schreibt Riede über ihre Amanita Therapie: „ . . . das Tumorwachstum wird gebremst.“ Und auf der Internetseite des Berufs- und Fachverbandes „Freie Heilpraktiker: „Mit dieser Therapie steht dem Naturheilkundigen eine wirksame Therapie für Tumore zur Verfügung.“

Ob sie keine Sorge habe, dadurch in Konflikt mit dem Heilmittelwerbesetz zu kommen? „Nein, das komme ich nicht“, weist Riede zurück. „Ich bin ja Privatdozentin und als solches Forscherin.“ Eine medizinrechtlich arbeitende Informantin dieser Zeitung behauptet indes: „Doch, das ist ein Verstoß gegen Paragraph 12, ein solches Heilunsgversprechen ist eine unzulässige Werbung für eine Behandlung, die sich auf Linderung oder Beseitigung einer Krebserkrankung bezieht.“


 

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