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Überlingen Michael Butter klärt über Verschwörungstheorien auf

Im evangelischen Pfarrhaus hält der Amerikanistik-Professor Michael Butter einen Vortrag über die Kulturgeschichte der Verschwörungstheorien.

Für den Titel seines Vortrags über Verschwörungstheorien, den der Tübinger Amerikanist Michael Butter auf Einladung der evangelischen Erwachsenenbildung hielt, hatte er eine der gängigsten ausgewählt: „Waren die Amerikaner wirklich auf dem Mond?“ Diese Verschwörungstheorie ist noch recht harmlos, verglichen mit jenen zum Kennedy-Attentat, zum 11. September, und, ganz zu schweigen, von der mörderischen „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“, die die Nazis propagierten.

Tatsächliche Verschwörungen gibt es seit Menschengedenken. Julius Cäsar könnte das ebenso bestätigen wie der 1953 gestürzte iranische Premierminister Mossadegh. Verschwörungstheorien hingegen tauchen erst seit der Aufklärung, ab dem 18. Jahrhundert, auf. „Ein scheinbares Paradoxon“, sagt Butter. Doch sie füllten das Sinndefizit, das die Aufklärung schuf. „Nicht mehr Gott lenkt die Welt, sondern Verschwörer.“ Das sei für viele leichter zu akzeptieren als Chaos und Zufälle, für die es keine Erklärung gebe und gegen die man ohnmächtig sei.

Verschwörungstheorien zeichneten drei Grundannahmen aus: 1. Nichts ist, wie es scheint. 2. Alles ist miteinander verbunden. 3. Alles wurde geplant. Besonders verbreitet sind sie in den USA. Dabei war bis etwa 1960 die Angst vor Verschwörungen „vollkommener Mainstream“, so Butter. Denn bis dahin habe man weder eine Vorstellung von komplexen sozialen Systemen gehabt noch von der Psychologie des Unbewussten. US-Präsidenten von Washington bis Eisenhower fürchteten Verschwörungen gegen die Regierenden. Seit etwa 1960 jedoch mache man sich mehr Sorgen um Verschwörungstheorien. Befördert wurden letztere in den USA durch zunehmendes Misstrauen gegen die Regierung, hervorgerufen durch Ereignisse wie die Watergate-Affäre und den Vietnamkrieg. Richtig Fahrt nahmen sie ab den 1970er Jahren auf. Das gilt laut Butter auch für die Spekulationen über den Mord an Präsident Kennedy, die erst Jahre nach dem Attentat zu wuchern begannen. Die Watergate-Affäre sei für Skeptiker übrigens der „ultimative Gegenbeweis“: Wenn es nicht einmal der Präsident schaffe, seinen politischen Gegner abzuhören, ohne dass es herauskäme, wie hätte man dann die wahren Hintergründe des Kennedy-Attentats vertuschen und die Mondlandung vortäuschen können? Das beste Argument gegen letztere These sei: „Warum haben die Russen nichts gesagt?“ Aber, so Butter, laut der Verschwörungsanhänger waren diese ebenfalls Teil der „Neuen Weltordnung“, die im Hintergrund die Strippen ziehe. „Wenn ein Verschwörungstheoretiker Gegenbeweise vorgesetzt bekommt, glaubt er hinterher noch mehr daran.“ Deshalb bringe es nichts, mit ihnen zu diskutieren.

Auch unter den rund 25 vorwiegend männlichen Zuhörern geht es einigen nur darum, ihre Überzeugungen kundzutun. So zählt ein Besucher, sich mehr und mehr ereifernd, scheinbare Belege dafür auf, dass die offizielle Erklärung für „9/11“ verlogen sei. Ein anderer warnt aber auch: „Wer kritisch nachfragt, wird schnell als Verschwörungstheoretiker abgestempelt.“ Butter nickt. „Man darf Verschwörungstheorien nicht pathologisieren.“ Denn manchmal wiesen sie, wie aktuell in Deutschland, auch auf gesellschaftliche Probleme hin, die man ernst nehmen müsse.

 

Historiker Daniele Ganser fordert kritischen Medienkonsum

Der Friedensforscher Dr. Daniele Ganser mit Vortrag an der Waldorfschule
Der Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser vom Schweizer Institut für Friedensforschung und Energie (SIPER) in Basel machte auf seiner Vortragstour am Mittwochabend Station in Überlingen.

 

Der große Saal der Waldorfschule konnte die Zahl der Interessenten kaum fassen. Das Haus war voll. Und das Thema lautete: „Medienkompetenz - Wie funktioniert Kriegspropaganda und was kann man dagegen tun?“ Es scheint derzeit viele Menschen zu bewegen angesichts der weltweiten Konflikte. Daniele Ganser erregt seit Jahren schon die Gemüter mit seinen Forschungsergebnissen und Ansichten, sucht bewusst die Konfrontation zur offiziellen Berichterstattung, indem er diese kritisch hinterfragt und damit Interessenkonflikte provoziert.

 

Ganser polarisiert und dies durchaus nicht unangefochten. So manche seiner Theorien über die Machenschaften der Politik und Wirtschaft, vor allem bei der Provozierung von Kriegen als Machtinstrument und profitables Geschäft, bedienen eine weit verbreitete Verunsicherung und Skepsis dem „Imperium“ gegenüber, wie er die Supermacht USA bezeichnet. Als Historiker sei er aufgefordert, alle Hintergründe aufzuspüren, die zu bestimmten Entwicklungen geführt haben, unvoreingenommen und unbestechlich.

Dass so manchem die präsentierten Ergebnisse nicht passten, sei angesichts der manipulativen Macht der Medien durchaus zu verstehen. Er ruft zu einem kritischen Hinterfragen der als offiziell präsentierten Fakten auf. Unser digitales Zeitalter biete im Internet ein breites Spektrum an Informationsmöglichkeiten und so kämen auch alternative oder kontroverse Ansichten zum Zuge.

In seiner legeren Art aufzutreten und seinen Vortrag mit plakativen Beispielen zu spiken, hatte er schnell das Publikum auf seiner Seite. So mancher wurde nachdenklich, als er die Ereignisse am 11. September 2001 in New York hinterfragte. Seine Aussagen standen in der Nähe von Verschwörungstheorien, für die Ganser selbst keine solide Informationsbasis bot. Andererseits gab er seinen Zuhörern die zentrale Empfehlung an die Hand, sie mögen doch bitte alles aus verschiedensten Quellen hinterfragen, um sich selbst ein Bild machen zu können.

 

Erwin Niederer

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