ÜberlingenMehr Lehrer wären ein wichtiger Schritt [0]
Erhard Holler ist Vorsitzender des Beratungslehrer-Verbandes Baden-Württemberg.
Überlingen (emb) Lehrermangel an den Schulen – das ist für den Vertrauenslehrer an der Realschule Überlingen eine mögliche Erklärung für Gewalt und schreckliche Taten wie den Amoklauf von Winnenden. Holler ist auch Vorsitzender des Beratungslehrer-Verbandes Baden-Württemberg. Gäbe es mehr Lehrer, könnte dem einzelnen Schüler viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, Leid erkannt und Aggressionen verhindert werden, sagt Holler. „Ein gemochtes Kind wird nicht das zerstören, was ihm lieb geworden ist und wo es sich gefördert fühlt. Verbindet es aber mit dem Ort Schule sein eigenes Scheitern, so kann etwas Grauenhaftes wie der Amoklauf passieren. Nach dem Motto: ‚Was mich kaputt macht, mache ich kaputt!'“, sagt Erhard Holler. Kinder und Jugendliche, die zu solch schrecklichen Taten wie dem Amoklauf fähig sind, hätten viele Ausgrenzungen erlebt, ist Holler sich sicher. Dieses Gefühl der Ausgrenzung sei bei Jugendlichen nicht selten, warnt der Beratungslehrer. Bei seinen Gesprächen mit den jungen Menschen erfahre er nahezu täglich, wie viele Schüler tiefes Leid in sich tragen und es in sich hineinfressen. Genau hier gelte es, anzusetzen, sich mit den Schülern auseinanderzusetzen, sie wahrzunehmen. „Meine Erfahrungen zeigen deutlich: Wo Beziehungen gelingen, wo die Schüler Vertrauen zu den Lehrern haben, da lebt eine Offenheit, aus der dann Hinweise auf Probleme und auf versteckte Aggressionen erkennbar werden. Darauf baut Sicherheit. Da findet Gewalt nicht statt.“ Um eine solche Beziehung zu erreichen, müsse aber dringend in die Schulen investiert werden. „Lehrer kommen an den Rand ihrer Kraft, wenn sie in der Woche 250 Kinder in unterschiedlichen Klassen unterrichten.“ Holler fordert kleinere Klassen, um den Kindern die persönliche Zuwendung zu geben, die sie brauchen. „Aber statt in die Kinder, also in die Schulen zu investieren, stärkt man lieber die Verwaltungen, schafft Evaluationsinstitute. Die Klassen bleiben groß, die Klassenzimmer werden vollgestopft mit über 30 Kindern“, beklagt der Vorsitzende des Beratungslehrerverbandes. Das habe zur Folge, dass die Lehrer nicht so stark auf das einzelne Kind eingehen können, wie das nötig ist. Und das wiederum schüre Aggressionen: „Kinder – gerade die, die durch ihre Ausgangsbedingungen benachteiligt sind – suchen den Kontakt. Wird er verweigert, so fühlen sie sich hinten angestellt und sind alleingelassen und verletzt. Ich habe schon viele Jugendliche erlebt, die dann äußerst aggressiv über Schule und Lehrer gesprochen haben. Und es ist nicht einfach, ihnen zu vermitteln, dass das Verhalten des Lehrers eine Folge von Überlastungen ist.“ Den Heranwachsenden werde hier ein Verständnis abverlangt, das sie einfach noch nicht aufbringen können. „Wie soll ein Junge mit 13 Jahren Verständnis haben für einen Lehrer, der keine Kraft mehr für ihn hat? Da brauchen wir die Fürsorge unserer Behörden.“ Diese, findet Holler, seien in der Pflicht, die Rahmenbedingungen für eine Pädagogik zu schaffen, in der die Beziehung von Mensch zu Mensch, von Schüler zu Lehrer, von Lehrer zu Schüler gestärkt werden kann. Abschließend sagt Holler: „Wenn wir uns einmal zugestehen, einen Amoklauf in einer Schule als Handlung eines sich ausgegrenzt fühlenden Schülers zu sehen, dann können wir vielleicht die Ursachen solch todbringender Racheakte erkennen.“ Weitere Artikel zu: WinnendenFN, |


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