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Überlingen Martin Walser erhöht Finderlohn für Tagebuch

04.10.2012
Überlingen -  Schriftsteller Martin Walser vermisst schmerzlich sein Reise-Tagebuch. Er hat es auf einer Fahrt von Innsbruck an den Bodensee im Zug liegen lassen. Der Rowohlt Verlag setzte einen Finderlohn von 3000 Euro aus.
Martin Walser

Martin Walser  Bild: Patrick Seeger, dpa

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Für Martin Walser ist es ein schwerer Verlust, ein schier unerträglicher Zustand: Der in Überlingen lebende Schriftsteller hat sein Reisetagebuch verloren, „ein aufgeschriebenes Leben“, wie er das in rote Leinen gebundene Buch bezeichnet. Man könne seinen Zustand mit einem Kaufmann im 17. Jahrhundert vergleichen, dem ein mit Gewürzen beladenes Schiff sinkt. Es enthält auf 200 Seiten Romanpläne und Essays, Ideen und Gedanken. Walser vermisst das Buch seit einer Zugfahrt am 17. September, die ihn von Innsbruck (Abfahrt 8.56 Uhr) nach Friedrichshafen brachte. Der Zug fuhr weiter Richtung Münster, Walser stieg um in Richtung Überlingen. Der Rowohlt-Verlag setzte einen Finderlohn von 3000 Euro aus, Walser gibt 2000 Euro dazu, und über die Deutsche Presseagentur setzte er eine Art Suchmeldung ab. Wie er im SÜDKURIER-Interview sagte, wäre es für ihn die „peinlichste Vorstellung“, dass die Aufräumer der Bahn das insgesamt gut 400 Seiten dicke Buch zum Altpapier steckten. Doch überwiegt die Hoffnung.

 

Wann haben Sie den Verlust bemerkt?

Sofort, nachdem ich in Friedrichshafen umgestiegen bin. Ich habe die Bahn verständigt. Sie haben noch nichts gefunden. Nach dem Verlust habe ich gleich dem Verleger angerufen und gefragt, was mache ich jetzt? Soll ich für eine Zeitung etwas schreiben? Dann hat er gesagt, am Aussichtsreichsten wäre doch der Südkurier, weil jemand von hier das Buch mitgenommen haben könnte. Aber das stimmt nicht, weil die Leute ja weitergefahren sind, nur ich bin in Friedrichshafen ausgestiegen.

 

Haben Sie auf der Zugfahrt in Ihrem Tagebuch geschrieben?

 

 

Ich habe nichts gelesen, sondern zum Fenster hinaus geschaut, weil ich die Gegend mag, an den Skiorten vorbei. Ich habe mir noch die Stationsnamen notiert: Dalaas, Rankweil, Hohenems, das sind schöne Wörter, die habe ich ins Tagebuch geschrieben. Mir ist es völlig unverständlich, dass so ein dickes rotes Buch auf dem Sitz liegen bleibt und ich es nicht bemerkt haben sollte. Ich hatte in Innsbruck keine Zeitung gekauft, unter der es liegen geblieben sein könnte.

 

Könnten Sie rekonstruieren, was Sie aufgeschrieben haben, oder ist alles das unwiederbringlich verloren?

 

Ich darf mich mit dem endgültigen Verlust noch nicht abfinden. Der wäre sehr sehr groß. Das wäre, wenn ich es drastisch vergleiche, wie wenn im 17. oder 18. Jahrhundert einem Kaufmann ein Schiff mit Gewürzen auf dem Weg von Indien nach Bremen untergegangen wäre. Mindestens so. Da stehen Entwürfe und Romanpläne drin, es muss schon mindestens drei Jahre lang in Gebrauch sein. Darunter Notizen für „Der Gefangene“, die ich geschrieben habe auf einer Fahrt von Überlingen nach Weimar, mindestens 40 Seiten. Wenn jemand das Buch findet, der kann doch nichts damit anfangen, nicht? Es müsste gerade ein Schriftsteller finden und der würde das… Unvorstellbar! Zum Teil ist es mit meiner Stenographie vermischt, besonders gut lesbar ist es auch nicht. Das ist jetzt eine politische Unterstellung: Wenn ich es in der zweiten Klasse hätte liegen gelassen, dann wäre es vielleicht schon wieder zurück.

 

Was wollen Sie damit sagen?

 

In der ersten Klasse kommt so etwas nicht so leicht zurück.

 

Weil jemand für sich den Fund als Schatz aufbewahrt, der sehr wohl weiß, dass es sich um Ihr Tagebuch handelt?

 

Nein, das weiß niemand. Das kann niemand wissen, ich habe ja keinen Namen darin. Wenn es jemand ist, der mich so gut kennt, dass er mich erkennt, würde er es zurückgeben. Der Verlag zahlt ja auch 3000 Euro Finderlohn.

 

Rowohlt hat ein vitales Interesse daran, dass das Buch auftaucht?

 

Ja, ich hoffe.

 

Legen Sie zu den 3000 Euro Finderlohn von Rowohlt noch etwas oben drauf?

 

Sie haben völlig Recht. Ich dachte, wenn es noch acht Tage geht, lege ich 2000 Euro dazu, das wäre es mir gerne wert.

 

Wenn Sie sich doch mit dem Verlust abfinden müssen?

 

Nein, nein, nein, Herr Hilser, abfinden hieße, dass ich daran denken könnte, ohne schmerzlich zu bedauern – das kann ich nicht. Mir bleibt nichts anderes übrig als eine Hoffnung.

 

In welcher Weise nutzen Sie Ihr Reisetagebuch?

 

Reisen servieren einem ja ununterbrochen etwas, das man gerne sprachlich fassen möchte. Ich war in einem Jahr in Chicago, Boston, Paris, London, Kopenhagen, Brüssel, Luxemburg und Helsinki. Weil man eben ein Schriftsteller ist, möchte man sprachlich beantworten, was einem optisch serviert wird. Wenn Du in Chicago, im 95. Stock des Hancock-Buildings bist, es ist November, die Sonne scheint ganz gerade, nachmittags um fünf zu den Fenstern herein, in ein überfülltes Café, da erlebst Du wirklich etwas Amerikanisches und möchtest das dann auch ausdrücken. Du weißt nicht, für was, es ist ein Training, ein Bedürfnis. Ich fühle mich erst wohl am Tag, wenn ich sprachlich etwas beantwortet habe. Davon ist eben ein Tagebuch voll. Vielleicht brauchst Du später, in einem Erzählzusammenhang, eine Szene, die in Brüssel spielt, und schaust im Tagebuch nach, welche Farben Du gespeichert hast von dort.

Nicht so geizig, Martin
von unbekannt
Also 50.000 sollten schon drin sein. Sonst schreib' ich den nächsten Walser-Roman. mehr ...
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