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Bodenseekreis Kontroverser Diskurs unter Grünen

Landtagspräsidentin Muhterem Aras war zu Gast bei "Talent im Land" in Überlingen. Tübingens OB Boris Palmer sprach sich bei der Veranstaltung weiter für die Kontrolle der Grenzen aus.

Überlingen – Um mehr Bildungsgerechtigkeit geht es den Förderern des Projekts "Talent im Land", das derzeit seine Sommerakademie auf dem Campus des Salem College in Überlingen veranstaltet. Vor diesem Hintergrund hätte wohl niemand besser auf das Podium des Gästeabends gepasst als Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), die in ihrer Begrüßung zwar den eigenen Berufsweg und den politischen Erfolg als Qualität "dieses offenen Landes" bezeichnete, allerdings auch auf die Defizite hinwies.

Der Verfechterin einer offenen Flüchtlingspolitik ("Wir schaffen das, auch wenn es noch ein paar Jahre dauert") quasi als Sparringspartner zur Seite gesetzt hatten die Organisatoren den Tübinger OB und Parteikollegen Boris Palmer, der für seine pragmatische Erdung viel Kritik einstecken musste ("Wir schaffen das im Moment nur, weil die Grenzen jetzt zu sind."). Und mit DRK-Geschäftsführer Bruno Gross einen echten Praktiker, der im Vorjahr binnen weniger Stunden in Rottenburg-Ergenzingen ein Erstaufnahmelager für tausend Flüchtlinge vorbereiten musste – und dies auch schaffte. "Wir dürfen uns von diesen rechtsextremen Kräften nicht vom Kurs abbringen lassen," bleibt Gross seiner Linie treu.

Die 50-jährige Aras musste ihren Erfolg noch ohne "Talent im Land" schaffen. Als kurdische Familie aus dem ländlichen Anatolien seien die Eltern nach Deutschland gekommen, die Mutter als Analphabetin. Doch sie hätten die Bildungschancen für ihre Kinder genutzt. Nach Hauptschule, mittlerer Reife, Abitur und Wirtschaftsstudium habe sie inzwischen ein Steuerberaterbüro mit über zehn Mitarbeitern und sei Landtagspräsidentin. Nicht ihre eigene Leistung wolle sie damit in dem Vordergrund stellen, sagte Aras, sondern das "offene Land, in dem so etwas möglich ist". Ungeachtet dessen sei die Bildung sehr oft "leider von der sozialen Herkunft abhängig".

"Wenn nicht wir, wer dann" könne es schaffen, nahm Muhterem Aras auf das Merkel-Wort Bezug. Musste sich allerdings von Kommunalpolitiker Palmer anhören: "Wir schaffen es im Moment nicht. Wir sind mit 150 Plätzen im Minus." Auch auf die kritische Frage nach der Auswahl der aufgenommenen Flüchtlinge, argumentierte Boris Palmer pragmatisch. Wenn man nicht darüber entscheide und wegschaue, überlasse man dies dem freien Spiel der Kräfte nach dem Motto: "Wer ist stark genug, den Weg zu schaffen?" Dabei könne man durchaus Kriterien aufstellen, betonte Palmer, beispielsweise die Herkunft aus Kriegsgebieten oder die medizinische Hilfsbedürftigkeit. Der Verzicht auf eine Auswahl verschaffe "vielleicht ein besseres Gewissen, aber keine bessere Hilfe".

Auch die Ursachen und der Umgang mit dem zunehmenden "Rechtspopulismus" war ein Thema. "Man muss komplexe Themen auch kritisch hinterfragen dürfen, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden", sagt Muhterem Aras. Auf der anderen Seite würden Ängste bisweilen bewusst geschürt. "Wir haben heute Debatten im Parlament zu Rassismus und Antisemitismus, das hätten wir uns bisher nie vorstellen können". Nach seiner Forderung zu bestimmen, "wie viele zu uns kommen, wer zu uns kommt und in welchem Tempo", sagt Boris Palmer, sei ihm auch der Vorwurf des Rechtspopulismus und Rassismus gemacht worden. Mit diesem Vorgehen produziere man geradezu Rechtsextreme und dürfe sich über den Erfolg der AfD nicht wundern. Im Übrigen sei der Pakt mit der Türkei "das Papier nicht wert".

Auf die Entwicklung dort nahm Muhterem Aras Bezug. "Ich finde es entsetzlich, wenn türkischstämmige junge Menschen – oft deutsche Staatsbürger -, die hier geboren und aufgewachsen sind, die von unserer Demokratie, von Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit profitieren, auf eine Demo gehen, für ein Land, wo diese Rechte mit Füßen getreten werden, das ist so absurd."

Talent im Land

"Schülerstipendium für faire Bildungschancen" nennt sich das Projekt "Talent im Land" selbst, das seit 2003 von der Robert-Bosch-Stiftung und der Baden-Württemberg-Stiftung gemeinsam getragen und gefördert wird. Insbesondere begabte und motivierte Schüler, die mit Nachteilen zu kämpfen haben, vielfach mit Migrationshintergrund, werden hier ideell und finanziell gefördert.

Bewerben können sich jeweils im Frühjahr Schüler ab der siebten Klasse, die noch mindestens zwei Jahre vor ihrem Abschluss stehen. Inzwischen gibt es schon rund 400 Ehemalige, die das Programm mit Erfolg genutzt haben. Derzeit findet am Salem College in Überlingen eine Sommerakademie der aktuellen Stipendiaten statt, die vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen organisiert und begleitet wird. (hpw)

Informationen im Internet: www.talentimland.de

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