Überlingen Knochenmark- transplantation gut überstanden
Mein Weg zu Liron führt mich durch die Kinderkrebsstation des Universitätsklinikums Tübingen. Bevor ich in den Transplantationsbereich darf, muss ich durch die Besucherschleuse. Hände reinigen, desinfizieren, Schuhe ausziehen.
Ich bin in Begleitung von Lirons Vater Rainer Schüle. Am Ende des Flurs, sitzt Lirons Mutter Dorle. Wie es ihr gehe, frage ich. „Ich bin aufgeregt“, sagt Dorle Schüle. „Was heute passiert, kann sein Leben retten.“
Aufgeregt ist Dorle Schüle auch, weil das Knochenmark noch nicht da ist. Ein Kurier ist nach Hamburg geflogen, um es zu holen. „Was, wenn etwas schief geht?“, fragt Dorle Schüle bang. Denn Liron könnte ohne das fremde Knochenmark nicht überleben. Durch die vorangehende Chemotherapie wurden seine Leukozyten auf 80 gesenkt. Normalerweise, erklärt Rainer Schüle, hat ein Mensch zwischen 9000 und 14 000 Leukozyten pro Mikroliter Blut.
„Je weniger der eigenen kranken weißen Blutkörperchen Liron noch hat, desto größer ist die Chance, dass das fremde Knochenmark angenommen wird“, so Rainer Schüle.
Das Warten beginnt. Auch für den kleinen Liron. Eine halbe Stunde nach meiner Ankunft darf ich zu ihm. Mit Mundschutz und in sterilem Kittel. Gelb ist der Kittel und Liron freut sich: „Du siehst aus wie eine Sonne.“ Dann will Liron mit mir spielen. Klar. Wir spielen. Liron gewinnt immer. Und ich schiele immer wieder zur Uhr. 17 Uhr. 17.30 Uhr. 18 Uhr. Wo bleibt das Knochenmark? Rainer Schüle wird nervös. Er kann nicht mehr stillstehen. Dann die Meldung: Das Knochenmark ist am Flughafen und wird nun im Auto gebracht. Wenig später: Das Knochenmark ist da. Dorle Schüle wird weiß vor Erleichterung. Stürzt an den Empfang. „Ich will den Kurier sehen. Ob er weiß, was er für einen Schatz gebracht hat?“
19 Uhr. Der Arzt kommt um die Ecke. Und wir Erwachsenen, die wir im Flur sitzen, zucken zusammen. Geht es los? Nein, lächelt der Arzt. Das Knochenmark muss erst noch untersucht werden. Mittlerweile sind Lirons Großeltern gekommen und spielen mit ihm. Und wir, wir sitzen und warten. Warten. Warten. Immer wenn Schritte ertönen, zucken wir zusammen und starren dem Menschen entgegen, der den Flur entlang hastet. Und lange Zeit ist es nicht der, auf den wir warten. Dann, endlich, kommt der Arzt wieder. Mit dem Knochenmark. Dorle Schüle faltet die Hände. „Das ist sein Geburtstag“, ist Rainer Schüle sich sicher. Wir betreten Lirons Zimmer. Die Großeltern erheben sich. Es ist ein feierlicher Moment. Im Halbkreis stehen wir um das Bett und beobachten, wie der Arzt den Transfusionsbeutel befestigt. Dorle Schüle schlägt die Hände vors Gesicht. Rainer Schüle presst die Lippen zusammen. Der Großvater legt den Arm um die Schultern der Großmutter. Und Liron? Der liegt still im Bett. Mit großen Augen. Dann sagt der Arzt: „Wir müssen noch eine Kreuzprobe machen.“ Die Transplantation beginnt noch nicht.
Aber dafür beginnt das Warten von vorne. Acht, viertel nach acht, halb neun, viertel vor neun. Und dann ist es soweit. Eine junge Ärztin kommt. Wieder stellen wir uns um Lirons Bett. Beobachten jede Handbewegung der Ärztin.
Und dann fließt das Knochenmark durch den langen, durchsichtigen Schlauch auf Lirons kleinen Körper zu. Als es bei ihm angekommen ist, schaut Liron uns an. Ganz lange und ganz ruhig. Und ich denke: „Du wirst gesund werden, kleiner Liron. Ganz bestimmt.“
