Mein
 

Überlingen Klimawandel ist am Bodensee angekommen

Die Landwirte am Bodensee stellen sich auf den Klimawandel ein. Die Bodensee-Stiftung in Radolfzell hat zusammen mit zehn landwirtschaftlichen Betrieben am See eine Studie erstellt, in der konkrete Maßnahmen getestet wurden, dem Klimawandel zu begegnen und den CO2-Ausstoß auf den Höfen zu verringern. Die Studie wurde jetzt im Rahmen der Internationalen Bodenseekonferenz in Nenzingen vorgestellt.

Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess, aber längst in der Bodenseeregion angekommen. Was bedeutet das für die heimische Landwirtschaft? Was sind die Folgen, wie kann man ihnen wirksam begegnen? Was können Landwirte tun, um den dafür hauptsächlich verantwortlichen Kohlendioxyd-Ausstoß auch in ihren Betrieben zu verringern? Ein aktuelles und brisantes Thema, zu der die Internationale Bodenseekonferenz (IBK) in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsamt Stockach und dem Verein der ehemaligen Landwirte Konstanz VLF zu ihrer Veranstaltung zwei Referenten eingeladen hatte. Michael Baldenhofer vom Landratsamt Konstanz konnte im Schönenberger Hof in Nenzingen 50 Landwirte und Betriebsleiter begrüßen.

Holger Fleig vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum (LTZ) Augustenberg in Karlsruhe beobachtet die globalen Klimaveränderungen in einem etwas größeren Fokus. Die Messungen des LTZ beziehen sich auf Zeiträume von 30 Jahren. Mitte der 1980er Jahre sei es losgegangen mit der Klimaerwärmung und 2003 habe es die größte Naturkatastrophe der vergangenen 100 Jahre in Europa gegeben – mit mehr als 70 000 Hitzetoten, davon 10 000 in Deutschland. Im Jahre 2050 werden sich in Baden-Württemberg die außergewöhnlich heißen Tage verdoppelt haben, Ende dieses Jahrhunderts bereits verachtfachen, so die Ausführungen Fleigs. Extremwetter wie Gewitter mit heftigem Hagel stiegen seit 2008 deutlich an.

Rund sieben Prozent der Treibhausgase in Deutschland entstehen durch die Landwirtschaft, die Nutznießer davon sind wir alle, sagte Holger Fleig. „Wir sind heute auf keinem guten Pfad, sondern auf dem, den sich die UN (Vereinte Nationen, die Redaktion) als schlimmstes Szenario ausgedacht haben, ich bin pessimistisch“, beendete der Wissenschaftler seine umfangreiche Analyse der Situation jetzt und in der Zukunft.

Die Landwirtschaft als hauptsächlich betroffene Sparte stellt sich schon jetzt auf das damit verbundene und zu erwartende Szenario ein. Aus diesem Grund hat die Bodensee-Stiftung in einem dreijährigem Projekt mit zehn Betrieben aus den Bereichen Ackerbau, Gemischtbetrieb und Biobetrieb, Futterbau Tal und Berg, Geflügel, Gemüse, Obst, Beeren und Wein in der gesamten Bodenseeregion Anpassungsstrategien der Landwirtschaft an den Klimawandel erarbeitet und eine Energie- und Treibhausbilanz erstellt.

Patrick Trötschler, stellvertretender Leiter der Bodensee-Stiftung mit Sitz in Radolfzell, war für das Projekt verantwortlich und stellte die Ergebnisse in Nenzingen vor. Aus den zehn Portraits der typischen Betriebe konnten am Beispiel des Hofguts Homboll in Weiterdingen praxisnah und in verständlicher Form Chancen und Potenziale der Energieeinsparung verdeutlicht werden. „Der Landwirt kann aber nicht nur Klimaschutz betreiben, er muss vor allem seinen Ertrag sichern“, sagte Trötschler.

Das Hofgut Homboll bewirtschaftet eine Fläche von 91 Hektar, davon 48 Hektar Grünland und 42 Hektar Ackerland. Hauptkulturen sind Mais, Zuckerhirse, Roggen und Weizen. Auf dem Hof leben insgesamt 53 Milchkühen. Trötschler konnte dokumentieren, dass durch Maßnahmen wie den Bau eines neuen Fermenters, reduzierten Einsatz von Stickstoff-Dünger, Anpassung von Kraftfutterrationen, Einsatz einer Biogasanlage und weiteren hier erhebliche Reduzierungen beim CO2-Ausstoß erreicht wurden. Ein vermehrter Anbau tief wurzelnder Feldfrüchte, wie Luzerne und Klee, sowie nächtlichen Weidegang für Rinder, um sie nicht dem Hitzestress auszusetzen, sind weitere Maßnahmen, die ergriffen wurden und der Klimaerwärmung geschuldet sind. Dies sei umfangreich und detailliert dokumentiert und könne bei der IBK auf Wunsch auch eingesehen werden, sagte Trötschler.

Doris Buhl vom Hofgut Homboll schilderte im Anschluss, wie die Erhebung für das Projekt gewesen ist. „Wir haben jeden Dachziegel gezählt und nach zwei Tagen erstmal den Kopf hängen lassen, weil die alles so genau wissen wollten“, erzählte die Bäuerin lachend. Im heißen Sommer hatte ihr Betrieb, er liegt auf 650 Metern über dem Meeresspiegel, täglich Wasser dazukaufen müssen. „Wir haben kein Interesse daran, unseren Boden auszubeuten, wir leben davon“, erklärte sie ihre Bereitschaft, an dem Projekt teilzunehmen. So könne man den Herausforderungen auch in der Zukunft gewachsen sein.

 

Stiftung und Studie

Die Bodensee-Stiftung wurde im Jahr 1994 aus dem Bodensee-Umweltschutzprojekt der deutschen Umwelthilfe gegründet. Sie ist eine projektorientierte Naturschutz-Organisation und setzt sich für nachhaltige Wirtschaftsweisen in der internationalen Bodenseeregion ein.

Die Stifterverbände: Pro Natura (Schweiz), World Wildlife Fund for Nature WWF (Schweiz), Österreichischer Naturschutzbund (ÖNB), Naturschutzbund Deutschland (Nabu), Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Deutschland, Deutsche Umwelthilfe (DUH). Die Bodensee-Stiftung hat ihren Sitz in Radolfzell.

Pilotbetriebe der Studie: Fontanella, Großes Walsertal, Österreich; Weißenberg, Deutschland; Buch am Irchel, Schweiz; Friedrichshafen, Deutschland; Rheineck, Schweiz; Schaffhausen, Schweiz; Steinebrunn, Schweiz; Hilzingen-Weiterdingen, Deutschland; Herdwangen-Schönach, Deutschland; Mühlingen, Deutschland

Regionale Produkte von Bodensee, Schwarzwald und Hochrhein auf SÜDKURIER Inspirationen. Gleich Newsletter abonnieren und sparen!
Erlesene Bodenseeweine jetzt bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren