Überlingen Kletterkunst zum Wohl der Bäume
Baumkletter-Weltmeister Bernd Strasser bei der Arbeit in luftiger Höhe. Bild: Bild: Walter
Der Ast in zehn Meter Höhe biegt sich bedrohlich durch, auf dem sich der Meister vortastet; zwar gesichert an einem Seil, aber fast kopfüber hantiert er mit seiner Handsäge.
Der Spezialist aus Gomadingen auf der Schwäbischen Alb war immerhin Weltmeister und mehrfacher deutscher Meister im Baumklettern. Dass er keine Höhenangst und eine gehörige Portion Kraft in den Armen hat, bewies Strasser bei „Wetten dass“ in Berlin. Einen 100 Meter langes Seil kletterte der Baumpfleger an einer Hochhausfassade nach oben. Das selbst gesetzte Soll von fünf Minuten verpasste Strasser zwar ganz knapp, doch wählten ihn die Zuschauer damals zum Wettkönig des Abends.
„Wir kennen uns schon lange“, sagt Marcus Pietruschinski. Der heutige Überlinger kommt aus dem Nachbardorf des Meisters; früher haben die beiden schon gegeneinander Fußball gespielt. „Bei besonders schwierigen Problemen arbeiten wir zusammen und er hilft uns“, sagt Pietruschinski, der sich mit seinem Baumpflegeteam Bodensee auf Spezialaufgaben konzentriert. Wie bei dem Silberahorn, der auf städtischem Grund zwischen zwei Wohnanlage steht.
„Der Stadt ist es wichtig, das Grün zu erhalten“, betont der Baumpfleger. Dazu sind auch mal Sicherungsmaßnahmen erforderlich. „Das ist ein so genannter Zwiesel“, sagt Pietruschinski und deutet auf den schon von der Basis am Boden zweigeteilten Stamm, der nach einem Riss in jungen Jahren entstanden ist. Mit dem Wachstum des Baumes wuchs auch die Gefahr, dass die Krone auseinander brechen und auf die Straße fallen könnte.
Diesem Risiko beugen die Baumpfleger mit einer „statischen Kronensicherung“ vor. Dazu werden in verschiedenen Höhen zwei Bänder gespannt, die eine Last von acht und zwölf Tonnen stabilisieren können. Gleichzeitig kürzten die Spezialisten die gesamte Krone um vier Meter ein. „Der Silberahorn baut mit dem Wachstum lange Hebel auf, die bei einem Orkan gefährdet sind“, erklärt Pietruschinski. Deshlab wird jeder wichtige Ast auch im Zentrum hinsichtlich seiner Statik überprüft und bearbeitet. „Mit einem Hubsteiger käme man nur von außen an die Krone ran“, sagt der Experte: „Deshalb hat sich die Seilklettertechnik entwickelt und bewährt.“
Jeden Baum betrachtet Pietruschinski als Lebewesen mit individuellen Eigenschaften. Deshalb geht er mit viel Fingerspitzengefühl heran. „Wir brauchen Bäume für unser Wohlbefinden.“ Deshalb sei es lohnend, wenn die Stadt ihren Grünbestand pflege und zu bewahren suche. Rund 1700 Euro lasse sich die Kommune die Pflege- und Sicherungsmaßnahmen an dem Silberahorn kosten. Pietruschinski: „Ihn einfach zu fällen, käme jedoch um einiges teurer.“ Spricht's und zieht sich am Seil hinauf in die Baumkrone.
