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Überlingen Im Zeitzeugengespräch mit DDR-Bürgerrechtler Siegbert Schefke

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Siegbert Schefke schildert auf dem Überlinger Campus Härlen Episoden aus seiner DDR-Kindheit bis zum Mauerfall und zeigt Filmausschnitte und Fotos.

Der geschichtsträchtige Herbst 1989 wurde vergangenes Jahr mit vielen Veranstaltungen, Artikeln und Filmen gewürdigt. Vielleicht blieben deshalb beim Zeitzeugengespräch mit dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Fernsehjournalisten in der Aula des Salem Kollegs viele Stuhlreihen leer. Dabei ist die Botschaft von Siegbert Schefke brandaktuell: Es lohnte sich damals und es lohnt sich heute, sich für Demokratie einzusetzen.

Das machte auch Christian Niederhofer, Geschäftsführer der Schule Schloss Salem und des Kollegs, deutlich, der in seiner Begrüßung den 1789 in Baden geborenen Phillip Jakob Siebenpfeifer zitierte: „Die Presse muss notwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller. Ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit. Jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, dass sie die Presse knebelt.“

Siegbert Schefke ist ein Mensch mit Mut und Rückgrat. Ihm verdankt die westliche Presse Filmaufnahmen von der größten Montagsdemonstration mit mehr als 70 000 Menschen am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Er drehte diese Bilder mit seinem Freund Aram Radomski auf dem Turm der Reformierten Kirche. Wie er damals aus der bewachten Wohnung im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg über die Hausdächer entwischte, mit Zeitschaltuhren der Staatssicherheit seine Anwesenheit vorgaugelte, es mit Radomski bis nach Leipzig und wieder zurück schaffte ist ein spannendes Husarenstück. Durch den geheimen Kontakt mit dem Spiegel-Korrespondenten Ulrich Schwarz gelangten die Bilder in den Westen und wurden am nächsten Tag von der Tagesschau ausgestrahlt. Als Quelle nannte die Redaktion damals ein „italienisches Kamerateam“. Wie Schefke später erfuhr, war dies eine bewusste Fehlinformation, um ihn und Radomski zu schützen.

Bei der Staatssicherheit füllten seine Akten acht Ordner. Drei davon sind Schefke bisher bekannt. Wie er inzwischen weiß, haben 30 Menschen ihn bespitzelt, angeschwärzt und verraten. Ein Vertrauensbruch, über den er bis heute nicht gerne redet. Das SED-Regime fürchtete ihn, weil seine Berichte auch die DDR-Bevölkerung erreichten – jedenfalls diejenigen, die westliche Sender empfangen konnten.

Die Stasi habe ihm schließlich die Kamera weggenommen, erinnert sich Schefke. „Sie wussten aber nicht, dass ich aufgrund meiner Westkontakte drei hatte.“ Die Stasi sei deshalb zu dem Schluss gekommen, dass es sich um eine vom Bundesnachrichtendienst finanzierte Gruppe handeln müsste.

Die Antwort auf die Frage, warum ihn die Stasi nicht dauerhaft hinter Gittern verschwinden ließ, erhielt er nach der Wende von seinem Überwacher. Er habe über ein zu großes Netzwerk verfügt und man sei nicht daran interessiert gewesen, einen weiteren Märtyrer aufzubauen. Und sein Deckname „Satan“? „Ich wollte Sie schon von anderen abheben: Sie waren etwas Besonderes“, lautete die Erklärung.

Mit Episoden aus seiner DDR-Kindheit bis zum Mauerfall sowie Filmausschnitten und Fotos gewährte er seinen Zuhörern überraschende als auch nachdenklich machende Einblicke in die Mechanismen einer Diktatur und in Strategien, um in ihr zu (über)leben. Rund 80 Prozent, so die Einschätzung von Niederhofer, „waren damals noch nicht geboren“.

Mit Blick auf die aktuelle politische Lage ist Schefke überzeugt: „Die Welt hat sich nicht gebessert, wie wir damals gedacht haben.“ Er ist jedoch überzeugt davon: „Wir werden auch den Islamismus besiegen. Die Islamisten werden letztendlich eine Randnotiz der Weltgeschichte sein.“

 

Zur Person

Siegbert Schefke:

 

1959 in Eberswalde (DDR) geboren, Sohn eines Maurers. Nach dem Grundwehrdienst Studium an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus, Bauleiter für Neubausanierung.

Bürgerrechtliches Engagement:

 

ab 1986 Aktivitäten in Friedens- und Umweltkreisen, Mitbegründer der Umwelt-Bibliothek in der Berliner Zionsgemeinde.

Journalistisches Engagement:

 

Ab 1987 freiberuflich als Fotograf, Kameramann und Reporter für westliche Fernsehmagazine wie das ARD-Magazin Kontraste und Zeitungen tätig. Seine Themen: Umweltzerstörung und Verfall historischer DDR-Städte. Seit 1992 ist er Fernsehredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk.

Auszeichnungen:

 

1991 Siebenpfeiffer-Preis für Journalisten, 2005 Bundesverdienstkreuz am Bande, 2009 Bambi in der Kategorie „Stille Helden“.

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