Mein

Bodenseekreis Herbsttagung der Weltbürger: Flüchtlinge besonders im Fokus

Seit zwölf Jahren engagiert sich die Sektion der Weltbürger für Humanität. Bei der Herbsttagung am Samstag, 8. Oktober, in Überlingen sind Till Bastian und Jürgen Weber vom Flüchtlingsrat mit dabei.

Überlingen – Weltbürgerliche Verantwortung zu übernehmen, scheint nötiger denn je. Doch die Initiative der Deutschen Sektion der Association of World Citizens (AWC) wirkt vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen eher wie ein Rufer in der Wüste. Vor zwölf Jahren hat sich der deutsche Ableger der internationalen, in den USA begründeten Vereinigung unter dem Vorsitz von Ingrid Schittich formiert, die mit ihrem Mann Klaus Schittich damals am Bodensee zu Hause war. Inzwischen leben die beiden ehemaligen Pädagogen zwar in Freiburg, mit ihrer alljährlichen Herbsttagung sind sie ihren Wurzeln in Überlingen und der Bodenseeregion aber treu geblieben.

In Liberia erlebte Ingrid Schittich einst hautnah, wie ehemalige Kindersoldaten mit den psychischen Folgen ihres Tuns zu kämpfen haben, engagierte sich für den Aufbau einer Schule in Monrovia und warb für Unterstützung. Eine Lanze brach die nimmermüde politische Aktivistin auch für Minderheiten in Lettland. Das "Weltbürgertum" rangiere irgendwo "zwischen Schnapsidee und politischer Philosophie", sagte Klaus Schittich etwas flapsig bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Vereinigung vor zwei Jahren.

"Unser Bild vom Menschen – Beiträge zu einer weltbürgerlichen Verantwortung" lautet der Titel der diesjährigen eintägigen Veranstaltung, die am morgigen Samstag, 8. Oktober, erstmals im Kolpinghaus in der Überlinger Münsterstraße stattfinden wird. "Wir können auch dieses Mal keine einfachen und schnellen Lösungen anbieten", erklärt Ingrid Schittich. "Aber wir wissen, wo wir hingehen wollen." Der Arzt und Autor Till Bastian wird fragen, was geschehen muss, um eine solidarische, weltbürgerliche und globale Gesellschaft entwickeln zu können. Die junge Journalistin und Flüchtlingshelferin Elizabeth Fleckenstein und der Konstanzer Filmemacher Jürgen Weber, Mitglied des Flüchtlingsrats, werden, ein weltbürgerliches Menschenbild vorwegnehmend, Flüchtlinge "in erster Linie als Mitbewohner dieser Erde sehen und einen würdevollen Umgang mit ihnen einfordern".

Informationen im Internet:http://www.worldcitizens.de

Die Tagung

Die AWC-Tagung findet am morgigen Samstag, 8. Oktober, erstmals im Überlinger Kolpingsaal in der Münsterstraße 55 statt. Zum Auftakt spricht um 11 Uhr der Arzt und Autor Till Bastian aus Isny über die „Psychosoziale Voraussetzungen für das Gelingen einer Weltgesellschaft“.

Die Journalistin und „humanitäre Helferin“ Elizabeth Fleckenstein beleuchtet um 14 Uhr „menschliche und rechtliche Aspekte der Flüchtlingshilfe“. Zum Abschluss der Veranstaltung wird der Konstanzer Filmemacher Jürgen Weber, der dem Landesflüchtlingsrat angehört, aus seinen dokumentierten Erfahrungen berichten. Sein Vortag beginnt um 16 Uhr. (hpw)

"Weil wir Ehrfurcht vor dem Leben haben"

 

Ingrid Schittich hat die Deutschen Sektion der Weltbürger gegründet und ist deren Vorsitzende.

Woraus schöpfen Sie die Geduld und die Kraft, alljährlich eine thematisch so anspruchsvolle Veranstaltung auf die Beine zu stellen?

Weil wir Ehrfurcht vor dem Leben haben, Menschen mögen und weil wir überzeugt davon sind, dass das Konzept des Weltbürgertums langfristig die einzig mögliche Chance für das Überleben der Menschheit ist.

Die Resonanz ist stets positiv. Doch eine echte Dynamik hat die Bewegung hierzulande noch nicht bekommen. Sind Sie nicht entmutigt?

Entwicklungen, die auf grundlegende Veränderungen hinarbeiten, brauchen Zeit und den sehr, sehr langen Atem derer, die sich für sie einsetzen. Denken Sie an die Friedensbewegung, an die Gleichstellung der Frau, an die Überwindung von Vorurteilen gegenüber Ethnien, an die Ökologiebewegung. Wir können nur hoffen, dass immer mehr Menschen das trostlose Bekenntnis der Mutlosen "Da kann man ja doch nichts machen!" hinter sich lassen.

Mit Ihrem Engagement am Bodensee haben Sie die Idee des Weltbürgertums hier besonders verankert. Doch selbst in Europa sind die "Nationalbürger" und "Patrioten" auf dem Vormarsch. Wo liegt Ihre Hoffnung?

Nationalistinnen und Nationalisten folgen einem vermeintlich tief menschlichen Reflex, nämlich die eigene Gruppe, das eigene Volk, die eigene Nation als grundsätzlich überlegen und allein schützenswert zu betrachten. Die einfachen und schnellen Lösungen, die ihnen ihre politischen Führungskräfte anbieten, haben noch immer in das Unglück von Gewalt und Krieg geführt. Unsere Hoffnung liegt im Bereich der Globalisierung, besonders bei jüngeren Menschen. Bei ihnen vollzieht sich schon viel Globales im Alltag: im Musikgeschmack, in den sozialen Medien, bei Reisen, beim weltweiten Online-Einkaufen. All das könnte eines Tages zu einer politischen Globalität beitragen. Diese Globalität könnte die derzeitigen von Gier getriebenen und ausschließlich an Profit orientierten Gesellschaften ablösen und den Weg zu einer Weltgesellschaft frei machen, in der jeder Mensch ein einklagbares Recht auf Menschenwürde hat.

Morgen findet die zehnte Tagung statt. Woran erinnern Sie sich im Rückblick besonders gerne?

Besonders gern erinnere ich mich an die Tagung vor zwei Jahren, in deren Rahmen wir so richtig unbeschwert und fröhlich das zehnjährige Bestehen unseres Vereins gefeiert haben. Lustig-Sein und Lachen sind die Geschwister von Diskussion, Nachdenken und Engagement.

FRAGEN: HANSPETER WALTER

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Interview
Überlingen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren