Überlingen Grüne Jugend: „Verbot macht Konsum sehr reizvoll“
Der Sprecher der Grünen-Jugend, Max Holm, spricht mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Eva-Maria Bast über die Drogenpolitik der Grünen. Bild: Bild: Ill
Herr Holm, durch die Forderung der Grünen Jugend nach der Legalisierung von Marihuana, die Sie auch im Werbeflyer für die U-18-Wahlen formuliert haben, ist die Grüne Jugend stark in Kritik geraten. Und wenn Parteien in Kritik geraten, dann fangen Sie an, über ihr Wahlprogramm nachzudenken. Tut die Grüne Jugend das auch?
Sicher, wobei ich unbedingt darauf hinweisen muss, dass wir ungerechtfertigt in die Kritik geraten sind. Diejenigen, die uns kritisieren, haben sich nicht genügend mit unserem Wahlprogramm auseinandergesetzt und nicht begriffen, was hinter unserer Forderung nach der Legalisierung von Marihuana und der Entkriminalisierung der Konsumenten steht. Ich möchte noch mal deutlich machen, dass wir Drogenkonsum nicht verharmlosen wollen, Drogen auch weiter als Drogen ansehen und dass wir nicht legalisieren wollen, um einfacher an Drogen zu gelangen.
Was ist also Ihr konkretes Ziel? Was wollen Sie erreichen?
Wir haben mehrere Ziele. Zum Beispiel wollen wir mit einer Legalisierung die gesundheitlichen Schäden verhindern, die durch chemische Beimischungen bei den Schwarzmarktdrogen entstehen. Jetzt wird ja genauso konsumiert, nur ist das durch die Beimischungen gefährlicher und das wollen wir durch den Verkauf von Marihuana in den Apotheken verhindern.
Glauben Sie nicht, dass Sie durch eine Legalisierung eher zum Konsumieren anregen?
Nein. Das momentane Verbot macht den Konsum sehr reizvoll, vor allem bei Jugendlichen unter 18 Jahren. Durch die Selbstbestimmtheit der Konsumenten wird das Kiffen unattraktiver. Anders gesagt: Ich darf zwar von der Brücke springen, aber ich tue es nicht, obwohl es erlaubt ist.
Weil der Reiz des Verbotenen fehlt? Dann würden Sie also in der Konsequenz von der Brücke springen, wenn es verboten wäre?
Natürlich nicht, ich nehme ja auch keine Drogen. Die Grünen finden, dass der Konsum von weichen Drogen genauso selbstbestimmt sein sollte wie der Konsum von Alkohol.
Ein gutes Stichwort. Genau hier, beim Alkohol, funktioniert das ja teilweise auch nicht. Und zwar gerade im Kreis der Jugend, die die Grünen-Jugend ja ansprechen will. Ich sage nur: Komasaufen. Haben Sie nicht die Befürchtung, dass es dann zum „Komakiffen“ kommt?
Beides haben wir ja jetzt auch schon: Das Komasaufen und den zu starken Konsum von Marihuana. Und genau deshalb verlangen wir gleichzeitig mit der Legalisierung von Drogen eine verbesserte Suchtprävention, verbesserten Jugendschutz, das Verbot von sämtlicher Drogenwerbung und das Entfernen von Zigarettenautomaten aus der Öffentlichkeit.
Sie wollen Zigarettenautomaten verbieten und den Menschen damit erschweren, an Tabak zu kommen. Gleichzeitig wollen Sie aber das Beziehen von Marihuana vereinfachen. Wie passt das zusammen?
Zum einen darf man es nicht so sehen, dass wir das Beziehen von Marihuana vereinfachen wollen. Man muss sich bewusst sein, dass es auch jetzt schon extrem einfach ist, an Drogen zu gelangen. Ich nehme mal mich als Beispiel: Ich habe noch nie in meinem Leben Drogen konsumiert, ich trinke lediglich mal ein Feierabendbier. Dennoch würde es mich nur einen Anruf kosten und ich hätte innerhalb von 15 Minuten Marihuana. Damit wird deutlich, dass nicht nur Insidern bekannt ist, wo es Drogen gibt.
Dennoch: Sie wollen Marihuana auch deshalb legalisieren, weil Sie vermuten, dass weniger konsumiert wird, wenn der Reiz des Verbotenen weg ist. Aber wenn Sie Zigarettenautomaten abmontieren wollen, bekommt das Rauchen doch auch eben jenen verbotenen Touch. Oder nicht?
Nein, wir sind ja nicht gegen das Rauchen in der Öffentlichkeit. Und deshalb bekommt es auch nicht den Hauch des Verbotenen. Es soll lediglich der Jugendschutz verbessert werden, indem man es den Jugendlichen sehr erschwert, an Zigaretten zu kommen.
Wie ist das eigentlich mit dem Jugendschutz und Marihuana?
Gerade durch die Legalisierung von Marihuana soll ja gleichzeitig der Jugendschutz erhöht werden. Durch den kontrollierten Verkauf und eine kontrollierte Abgabe wird natürlich auch hier der Jugendschutz eingehalten.
Sie sind noch sehr jung, stehen nun das erste Mal so massiv in der Öffentlichkeit und haben deshalb vielleicht noch kein so dickes Fell wie mancher alte Hase. Und Sie sind – unter anderem auf der Homepage des SÜDKURIER – auch persönlich wegen der Forderung der Grünen nach der Legalisierung von Marihuana angegriffen worden. Tut das weh? Spielt man da schon auch mal mit Rückzugsgedanken?
Ich würde nie an einen Rückzug oder einen Rücktritt von meiner Entscheidung, in der Politik mitzumachen, denken, nur weil ich kritisiert werde. Wenn die Kritik konstruktiv ist, denke ich darüber nach. Die Leute, die mir sagen, ich sei ein Grünschnabel und würde völligen Bullshit reden, die haben sich wohl nicht genügend mit dem Programm auseinandergesetzt – und so nehme ich das nicht ernst.
Die Wahlprogramme werden ja nicht in Überlingen gemacht und müssen also von den lokalen Gruppierungen übernommen werden. Wie ist das, wenn man selbst gar nicht hinter einem bestimmten Punkt steht, ihn aber für die Partei propagieren muss?
Wir übernehmen kein Programm einfach so. Zum Beispiel kann sich die Kreisjugend überlegen, welche Themen sie vorzieht, und welche sie nicht so gut findet. Ich stehe auch ganz persönlich hinter dem Punkt Legalisierung von Marihuana.
Apropos lokale Gruppierungen: Am Monatag wird der Vorstand der neu gegründeten Grünen Überlingen gewählt. Wie wollen sich die Grünen denn in Überlingen positionieren? Es gibt da ja auch noch die LBU, die teilweise in die gleiche Richtung geht wie die Grünen und für die auch der neue Grüne Landtagsabgeordnete Martin Hahn lange Jahre im Gemeinderat saß?
Wir müssen gar nicht aneinander vorbeikommen und wir kämpfen auch nicht gegeneinander. Es ist eher ein Miteinander. Wir sehen das nicht wettkampfmäßig, man unterstützt sich, soweit es möglich ist.
Und wie sieht dieses Miteinander aus? Um Kommunalpolitik machen zu können, planen die Grünen doch sicherlich einen Einzug in den Gemeinderat? Nehmen sich LBU und Grüne dann nicht gegenseitig Wählerstimmen weg?
Dazu kann ich keine Stellung nehmen. Wir haben uns bisher komplett auf den Wahlkampf konzentriert. Weiteres wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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