Mein

Überlingen Gedenktafeln für KZ-Friedhof: Aus nüchternen Zahlen werden Namen

Auf dem Birnauer KZ-Friedhof zerbröseln die Betonkreuze. Neue Gedenktafeln sollen die Namen der 97 Opfer tragen. Ein Internationales Workcamp beteiligt sich an einem Austausch.

Die 46 Kreuze auf dem KZ-Friedhof Birnau stehen für 97 Opfer des Dachauer KZ-Außenlagers unterhalb von Aufkirch, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs am Überlinger Stollen Zwangsarbeit verrichten mussten. Nach einer Schändung und Verwüstung der Gräber mit dem dortigen Ehrenmal im Oktober 1992 waren Kreuze aus Beton angebracht worden. Diese zerbröseln teilweise schon wieder. Eine Reparatur sei hier schwierig und auch nicht zielführend, wie Martin Widmann von der städtischen Abteilung Grünflächen und Oswald Burger, Vorsitzender des Stollenvereins, jetzt vor dem Bauausschuss erläuterten. Wenn die Kreuze jetzt durch flache Steine mit kleinen Gedenktafeln ersetzt werden, bekommen die Opfer künftig auch an dieser Stelle einen Namen. Die vorgesehenen Tafeln seien leichter zu pflegen und weniger anfällig für Vandalismus, betonte Martin Widmann.

Oswald Burger kam am Bodensee zur Welt, in einer Flüchtlingsfamilie, staatenlos. Seine Familie war aus dem Banat geflohen. Er erlebte viel Ablehnung.
Oswald Burger kam am Bodensee zur Welt, in einer Flüchtlingsfamilie, staatenlos. Seine Familie war aus dem Banat geflohen. Er erlebte viel Ablehnung. | Bild: Hanspeter Walter

Vor 23 Jahren waren längst nicht alle der hier bestatteten Menschen namentlich bekannt gewesen, deshalb waren die Kreuze 1993 mit jeweils zwei, manchmal drei Nummern versehen worden. Inzwischen hat Oswald Burger auf Grundlage des Gedenkbuches für die Opfer des Konzentrationslagers Dachau ausnahmslos alle Namen und Identitäten mit Geburtsort und Herkunftsland rekonstruieren können. Diese Daten sollen nun auf neuen Bronzereliefplatten auch eingraviert werden, die auf Natursteinplatten festgedübelt werden. Sie werden schräg aufgestellt, um gut lesbar zu sein. Angefertigt werden sie von Steinbildhauer Peter Wiest aus Andelshofen. "Wir haben uns entschlossen, auf die Schreibweise im jeweiligen Herkunftsland zurückzugreifen", erläuterte Burger, "um dies für Angehörige bei Besuchen verständlich zu machen – es steht also Milano auf der Platte und nicht Mailand."

Vandalen auf KZ-Friedhof

Nachdem allein 2007 die damalige Gedenktafel sieben Mal besprüht und teilweise unleserlich gemacht worden war, hatte die Stadt 2008 eine neue Tafel aus Edelstahl mit dem damals bekannten Teil der Namen angebracht. Auch davor machten allerdings Vandalen nicht halt. Zunächst hatte die Stadt daraufhin ein Schild mit der Warnung Videoüberwachung angebracht, dann auch eine Anlage installiert. Nicht einmal das half. "Damit wurde sogar ein Sprayer gefilmt", weiß Oswald Burger. "Die Polizei hat ermittelt, doch die Person konnte nicht identifiziert werden." Wenn die Gedenktafeln mit den Namen angebracht sind, soll die große Edelstahltafel wieder entfernt werden. Auf der Rückseite des großen alten Gedenksteins, der gleich mit der Einrichtung des Friedhofs am Zugang in zentraler Position aufgestellt worden war, ist eine kurze sachliche Darstellung des KZ-Außenlagers und des Stollenbaus mit Informationen über die Zahl der Opfer vorgesehen.

Noch unvollständig war die Liste der Namen auf der Edelstahltafel von 2008, die mehrfach beschmiert und besprüht wurde. Sie soll nach dem Anbringen der Gedenktafeln wieder entfernt werden. Bild: Hanspeter Walter
Noch unvollständig war die Liste der Namen auf der Edelstahltafel von 2008, die mehrfach beschmiert und besprüht wurde. Sie soll nach dem Anbringen der Gedenktafeln wieder entfernt werden. Bild: Hanspeter Walter | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Text

Ausgetauscht werden sollen Kreuze und Gedenktafeln in der ersten Julihälfte. Zur Mithilfe bei den Arbeiten konnte Oswald Burger wieder eine Gruppe der internationalen Freiwilligen-Workcamps "Service Civil International" (SCI) für Jugendliche gewinnen, wie es vor längerer Zeit schon mehrfach an anderen Stellen in der Stadt geschehen war – an Spielplätzen, an der Burgbergschule und im Bereich des Überlinger Stollens. Inzwischen sind gut zehn junge Menschen angemeldet, die die Aufgabe unter Anleitung eines städtischen Mitarbeiters in der Zeit zwischen dem 3. und 16. Juli ausführen werden. Der bunt zusammengewürfelten Truppe werden neben zwei Deutschen auch junge Frauen und Männer von Russland bis Mexiko angehören.


Das Workcamp

Die internationalen Workcamps des „Service Civil International“ haben in Überlingen schon Tradition. So arbeitete im Jahr 2001 eine 20-köpfige Gruppe, um dem Jugendzentrum Rampe im ehemaligen Nußdorfer Bahnhof ein attraktiveres Gesicht zu geben. Ein Jahr später baute ein anderes Team den Spielplatz am sogenannten „Kinderkreis“ an der Grabenstraße um und installierte neue Spielgeräte. 2007 kamen junge Menschen sogar bis vom Baikalsee an den Bodensee, um an der ersten Etappe zur Neugestaltung des Schulhofs der Burgbergschule und der Schaffung eines grünen Klassenzimmers mitzuwirken. Auf dem Freigelände von Wiestor- und Franz-Sales-Wocheler-Schule gestaltete eine globale Gruppe Attraktionen für die Schüler. Aus Deutschland, der Schweiz, England, Russland, Spanien und Mexiko kommen die jungen Helfer, die im Juli auf dem KZ-Friedhof Birnau mit anpacken werden. (hpw)

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Überlingen
Überlingen
Interview
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren