Mein
01.10.2012  |  von Stefan Hilser  |  0 Kommentare

Überlingen Für diese Liebe kam die Wende zu spät

Überlingen -  Zum 3. Oktober ein Beispiel aus dem Alltag des gelebten Sozialismus, den DDR-Verklärer gern' vergessen möchten: Der Kfz-Mechaniker Dieter Schnack berichtet über seine verbotene Liebe zu einer Frau in der DDR, der die Stasi ein Riegel vorgeschoben hatte.

Ein Bild mit Symbolkraft: Dieter Schnack mit seinem Wessi-Auto in der DDR, das erste Bild mit damaliger Freundin. Sie zu heiraten, das wusste die Staatssicherheit zu verhindern.  Bild: privat

Hammer und Sichel: Für Dieter Schnack ein Symbol, unter dem er jahrelang gelitten hat. Entsprechend zeigt er es heute mit einem großen Schuss Ironie vor seiner Kfz-Werkstatt im Oberriedweg.  Bild: Hilser

Service
Artikel drucken  Artikel drucken
  Artikel versenden

  Newsletter
  RSS-Feed
Autor
Stefan Hilser
Redakteur / Lokalredaktion Überlingen

Pfeil Autor kontaktieren


Fünf Tage zuvor war die Berliner Mauer gefallen. Da hielt es Dieter Schnack nicht mehr aus – wann kommt sie mich endlich besuchen? Wann fährt auch sie, im Tross der DDR-Bürger, in jenem Treck aus Trabis, in den Westen, an den Bodensee, zu ihm, der sie liebte? Das erste Chaos an den Grenzübergängen war beendet, die DDR wie entvölkert, es war der November 1989 – und Dieter Schnack wartete auf seine Verlobte. Des Wartens nicht mehr fähig, fuhr er in seinem Ford Capri rüber, nach Halle-Neustadt, in eine Plattenbausiedlung, klingelte an der Türe, seine gedachte Schwiegermutter machte auf und offenbarte ihm: „Sie ist im Krankenhaus, sie brachte gestern ein Baby zur Welt.“

Weitere Informationen
So endet die Geschichte des Kfz-Mechanikers Dieter Schnack, 1966 in Überlingen geboren, der sein Herz an eine Frau in der Deutschen Demokratischen Republik verloren hat, der von der Stasi bespitzelt, verhört und schikaniert wurde. Der aber nie den Mut verlor.

Dieter Schnacks große Geschichte dauert von 1985 bis 1989. Es ist eine jener deutschen Geschichten, die gerne vergessen werden und deshalb erzählt werden müssen. Wer sich in Schnacks Werkstatt, zwischen Hebebühne und Schmierölflasche, diese Geschichte erzählen lässt, sollte Zeit mitbringen – um das „Wesentliche“ zu erfahren, wie Dieter Schnack nach dreistündigem Bericht die Erzählung schließt.
 

In den Sommerferien ging es in die DDR

Schnacks Reise hinter den Eisernen Vorhang beginnt im Jahre 1961. Fünf Jahre vor seiner Geburt. Dieter Schnacks Vater war gerade noch rechtzeitig vor dem Bau der Mauer in den Westen ausgereist. Ganz regulär, weshalb er immerfort zurückkehren durfte, um die (Groß-)Eltern in Neurandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) zu besuchen. Ab 1967 war auch das Baby Dieter Schnack dabei – „und so war ich von Kindesbeinen an bei der Stasi registriert“. Das habe ihm einen guten „Leumund“ eingebracht im Überwachungsstaat. Von ihm war nie eine Gefahr für die innere Sicherheit der DDR ausgegangen. Das war später wichtig, als dieser Staat dem Dieter Schnack scheinbar bedenkenlos ein Visum ausstellte.

Während andere Kinder aus Überlingen nach Italien zum Baden fuhren, lernte Dieter Schnack die DDR kennen. Außer seinen Lehrern habe das nach den Sommerferien niemanden beeindruckt. Er aber habe erfahren, dass alle DDR-Klischees zutreffen: „Es hängt definitiv in jedem Zimmer ein Bild von Erich Honecker.“

Mit 18 Jahren fuhr Dieter Schnack – aus purer Gewohnheit – auf eigene Faust in die DDR, im Ford Capri, Baujahr 1971, einer Kiste, die selbst in der BRD als Angeberkarre durchgegangen ist. Da in die DDR nur durfte, wer eine Einladung von unverdächtigen Verwandten vorliegen hat, ging die Reise auch 1985 nach Neubrandenburg - wieder zu den Großeltern. Der angeordnete Zwangsumtausch von 25 D-Mark schmerzte den Kfz-Lehrling, in einer Zeit, in der er 600 Mark Ausbildungsgeld bekam. Er erinnert sich, dass er für die harte Westmark im Tausch eine Unmenge an „Alu-Chips“ erhielt, die er nur dadurch zu verprassen vermochte, indem er, Tankfüllung für Tankfüllung, mit seinem Ford durch die Dörfer und Städte der DDR kutschierte. Und da, ja da, stand sie irgendwann als Tramperin am Straßenrand.


Während Dieter Schnack berichtet, fährt er fortlaufend mit seinem Zeigefinger über die Tischkante im Verkaufsraum seiner Kfz-Werkstatt. Als gelte es ihm, den Staub der Geschichte wegzuwischen und die vergessene Wahrheit ans Tageslicht zu holen. Wie zur Beweissicherung holt er ein Fotoalbum hervor. Es zeigt ein junges Paar, lässig am Ford Capri lehnend. „Das Auto habe ich noch heute“, sagt er.
 

Mal kam die Post an, mal verschwand sie im Aktenberg der Stasi

„Warum suchst Du Dir eine Gefangene, warum nicht eine dort, wo Du wohnst“, fragte ihn seine Großmutter, die fürchtete, dass aus der jungen Liebe nichts werden kann. „Auch uns war klar: Da liegen massive Balken in unserem Weg. Es wäre besser, man verliebt sich nicht.“

Doch sie verliebten sich. Das Abschiednehmen tat weh, er jenseits, sie diesseits des „Imperialistischen Schutzwalls“. Sie schrieben täglich Briefe, tauschten Fotos aus. Teilweise kam die Post an, teilweise verschwand sie im Aktenberg der Stasi.

An Weihnachten 1985 unternahm Dieter Schnack seine erste Fahrt nach Halle-Neustadt. Zu ihr. Es schneite, die Straßen trugen keine Namen, nur die immergleich aussehenden Plattenbauten und Blocks waren mit Nummern versehen. Dieter Schnack war ja kein Neuling in der DDR und wusste, dass man in der Anonymität am besten lebte. „Ich wusste, wenn ich nicht auffallen wollte, durfte ich nirgendwo lange stehen bleiben oder nach dem Weg fragen." Er frug nicht und fand ihre Adresse in einer Plattenbausiedlung doch. Vor den Häusern standen Tausend Trabis, daneben parkte er seinen Capri – „Neeein, das Wessi-Auto fiel gaaar nicht auf!“, sagt er.

Dieter Schnack knetet und quetscht seine kräftigen Mechanikerhände, er presst seine mit Bedacht gewählten Sätze förmlich hervor. Zwischen den einzelnen Episoden liegen Pausen, in denen er nachdenkt und sich selbst wieder klar zu werden scheint, wie sein Stück deutscher Geschichte eigentlich funktionierte. „Alle wussten, dass sie alles verlieren können.“ Die Mutter seiner Verlobten war Lehrerin „und sollte Staatstreue vermitteln“, der Vater war in leitender Position in einem großen Chemiebetrieb, ein Onkel war Kapitän einer Hochseeflotte. Und trotzdem: „Ihr Vater gab unserer Beziehung seinen Segen, mit allen Konsequenzen.“ Es klingt dankbar, wenn Dieter Schnack das sagt. Realistisch betrachtet, setzten alle Familienangehörigen ihre Karriere aufs Spiel, als sie es duldeten, dass ein Wessi eine junge Frau, die als Melkerin in der LPG gebraucht wurde, dem Staate abspenstig machte. „Heute verbuche ich ihre Zustimmung unter ‚Liebe zu ihrer Tochter'.“
 

Wollte die Stasi Dieter Schnack als Spitzel anwerben?

1986, 1987 – Dieter Schnack kann sich nicht mehr genau erinnern, wie oft er in diesen Jahren in die DDR reiste. Das „Du-Dumm, Du-Dumm, Du-Dumm“ der Betonautobahnen hat sich ihm eingeprägt. Dieter Schnack ist sich fast sicher, dass man ihm die Einreiseerlaubnis nur deshalb so oft ausstellte, damit man ihm hinterher etwas lieb Gewonnenes nehmen und ihn damit unter Druck setzen konnte. Er durfte öfter und länger als 30 Tage im Jahr einreisen. Nun spekulierte er damit, dass er als Spitzel angeworben werden sollte. Denn schon sein Wohnort im Westen, am Bodensee, die vielen Rüstungsbetriebe, machte ihn für den Staatssicherheitsdienst zu einem interessanten Menschen. Er hatte förmlich ein „Angebot“ erwartet, als sein Schwiegervater ihm eröffnete: „Die Stasi hat sich für zehn Uhr angemeldet.“ Das Angebot würde lauten: Er darf weiterhin einreisen, muss dafür aber bitteschön Informationen mitbringen.

Schlag zehn Uhr klingelte es an der Haustüre. Schnack erinnert sich noch genau, wie sie in der Platte auf dem Sofa saßen, der Zeiger auf Zehn schnappte und im gleichen Moment die Klingel tönte. Stasi-Präzision. Zwei „graue Mäuse“ fragten nicht lange, sie hakten Schnack unter und fuhren ihn an einen unbekannten Ort – hinter schallgedämpfte Türen. „Was machen Sie so oft in der Deutschen Demokratischen Republik“, fragten die Herren. Und bekamen von Schnack eine ehrliche Antwort: Er wolle heiraten und, wenn es ihr vielleicht gestattet werde, seine Frau mit in den Westen nehmen.

Schnack weiß nicht, wie er geantwortet hätte, wenn ihm ein Spionage-Angebot gemacht worden wäre. Darüber habe er sich keine Gedanken gemacht. Das Angebot kam auch nicht. Genauso wenig, wie er jemals wieder ein Visum ausgestellt bekommen hatte. Die Verbindung zwischen Ost und West, einfach gekappt. Warum? „Die Deutsche Demokratische Republik ist nicht dazu verpflichtet, Ihnen Auskünfte zu erteilen.“

1987, 1988 – Dieter Schnack und seine Verlobte, deren Namen er in seinem Bericht nie erwähnt, versuchen, ihre Liebe schreibend oder telefonierend am Brennen zu halten. Man stelle sich das vor: In Telefonaten, die mit großer Wahrscheinlichkeit abgehört wurden! Selten treffen sie sich in der Tschechoslowakei. Aber nie mehr in der DDR.

Hat das Zukunft? Es konnte damals niemand ahnen, dass 1989 die Mauer fallen wird. „Ob wir uns in diesem Jahr noch sehen, im nächsten Jahr, in fünf Jahren, ob wir uns jemals wieder sehen?“, lauteten stattdessen ihre Fragen. Niemand beantwortete sie ihnen.
 

Für diese grenzüberschreitende Liebe kam die Wende zu spät

Die Wende kam zu spät für die beiden. Es deutete sich mittlerweile an, dass ein anderer Mann an ihr Interesse fand. Das machte ihn verrückt vor Sehnsucht. Und der junge Kfz-Mechaniker beging eine Tat, die in der DDR gnadenlos geahndet wurde: Schnack verließ die Transitstrecke Halle – West-Berlin! Legte illegal einen Stopp in Halle-Neustadt ein. Wofür er von der Betonpiste abgebogen war, im Wissen, dass man ihn an der Grenze zu einer bestimmten Zeit erwarten würde und dass es bei Strafe verboten war, sich unangemeldet als Ausländer mit Staatsbürgern der DDR zu treffen.

Aber es war doch nur seine Verlobte?! Schnack riskierte Kopf und Kragen, um sie für kurz zu treffen. „Du bist wahnsinnig“, fuhr es ihm durch den Kopf. „Es war aber auch ein irres Gefühl, nach all der Zeit“ – in der er kein Visum mehr erhalten hatte und die Fernbeziehung vom Stacheldrahtzaun zerstochen wurde. Vollgepumpt mit Adrenalin, raste er nach Halle, Glück, dass sie bei seinem Überraschungsbesuch nicht auf Arbeit war. Er erinnert sich des Moments: „Ich fühlte mich nach wie vor bei ihr zu Hause.“ Zurück auf der Transitstrecke, wurde er bald gestoppt, was zu erwarten war. Wieder griffen ihn zwei graue Mäuse unter die Achseln, führten ihn zum Verhör in einen Keller – „ganz klassisch mit Schreibtischlampe aufs Gesicht gerichtet“.

Dieter Schnack klagt nicht an, er berichtet. Er prahlt nicht, er lässt seine Zuhörer teilhaben an dem Schrecken, der ihm in die Glieder fuhr, als er dort im Keller saß. Gefühlt eineinhalb Stunden, ohne dass er je erfahren hätte, was sie von ihm wollten. Seine Geschichte endet nicht mit einer Verhaftung, sie endet nicht spektakulär, man lässt ihn ziehen – heim in den Westen. Aber allein. Sein Abstecher konnte nicht unbemerkt geblieben sein. Schnack war nie in der Gauck-Behörde und hat seine Akte nie gelesen. Er weiß nicht, warum man ihn ziehen ließ.

Wenn Schnack den Namen Helmut Kohls in den Mund nimmt, schwingt Ehrfurcht mit. „Es ist großartig, wie er das hinbekommen hat, absolut gigantisch.“ Dass bei den Montagsdemos kein Schuss gefallen ist – für Dieter Schnack ein Wunder der Geschichte, nachdem er am eigenen Leib erfuhr, wie wenig die Liebe zählt und wie viel der Überwachungsstaat. „Ich bin dankbar, dass ich diese Einblicke bekommen habe. Ich war als Wessi live dabei.“

Während sich einig Vaterland kollektiv berauschte, saß Schnack vor seinem Fernsehgerät in Überlingen und wartete darauf, dass nun vielleicht sie bei ihm an der Haustür klingelte. Sie klingelte nicht. Sie gebar ihres und eines anderen Mannes Kind. „Sie hat es neun Monate vor mir geheim gehalten.“

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
 Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln

Jetzt Newsletter anfordern:
© SÜDKURIER GmbH 2013