Ganz schön kess, was sich der Frauenchor der Chorgemeinschaft Überlingen fürs Sommerkonzert ins Programmheft geschrieben hatte. Von Johann Jeep, dem 1644 in Hanau verstorbenen Liedmeister, bis hin zum heute 48-jährigen Filmkomponisten Marc Shaiman eine musikalische Zeitreise anzutreten, das schaffen viele Chöre. Aber wo wird zwischendurch noch Karl Valentin mit Hingabe rezitiert, verblüffende Bodypercussion präsentiert und wer kann obendrein mit so einem virtuosen Begleit-Pianisten wie Jürgen Jakob am Flügel aufwarten?
Vielleicht war es ja gerade diese Mischung, die dafür sorgte, dass der Festsaal im Stadtmuseum trotz einer Fülle an Parallelveranstaltungen bis auf drei einsame Plätzchen ausverkauft war. Wahrscheinlicher ist, dass die Zuhörer weder wegen Jeep, Kopetzki oder gar Karl Valentin gekommen sind, sondern ganz einfach, um diese 25 Frauen bei ihrem Sommerkonzert zu erleben. Und zwar in der Rolle, die ihnen am besten steht: nämlich die der verliebt schwungvollen Rossini- und Bachinterpretinnen. Es ist kein Geheimnis, dass bei Dirigentin Ulrike Köberle ohne Gioaccino Rossini nichts geht, am Samstag huldigte sie dem Meister mit la Carita, la Speranza, la Foi und Canzoni di Nife - schließlich kommt die Dirigentin und Gesangslehrerin aus der Oper. Ebenso bekannt ist ihre Schwäche für Johannes Brahms, die mit Barcarole, der Bräutigam und Minnelied zum Ausdruck kam. D
ie 24 Sängerinnen lassen sich von der Begeisterung ihrer Dirigentin und Gesangslehrerin gerne mitreißen - und diese ist schier grenzenlos. Selten hat man bei solch einer Gelegenheit ein Dirigat mit so viel Körpereinsatz und Hingabe in der Mimik gesehen. Wenn die herkömmlichen Möglichkeiten erschöpft sind, dann kann es schon passieren, dass Ulrike Köberle stampft, mit den Fingern schnippt und - wenn es sein muss - einen kleinen Luftsprung à la Bernstein macht. Am Samstag hinderte sie der Holzboden im Festsaal nur knapp daran. Diese Freude an der Musik, übrigens auch an der von Franz Schubert ("Der Gondelfahrer"), Emily Crocker ("A Summertime Dream") und John Hilton ("Now is the Summer springing") überträgt sich auf die Chordamen. Dank der tollen Akustik im Festsaal kam jede Menge davon beim Publikum an und im Applaus zurück.
Ulrike Köberle kitzelte die Emotionen aus den Notentexten und beflügelte in "Sister Act" noch einmal die ganze Lebensfreude ihrer Chorsängerinnen. Im Festsaal hatten neben dem Gesamtchor auch die beiden Solo-Sopranistinnen Ricarda Kammerer ("La Carita") und Jutta Kessler ("Summertime"/George Gershwin) Gelegenheit, mit ihrem Können zu glänzen.
Das taten übrigens auch die eingangs erwähnten Bodypercussionisten von der Musikschule Stockach. Andreas Freudenthaler hat seinen Musikschülern nicht nur den Umgang mit Schlaginstrumenten beigebracht, Susann Weber, Daniel Meiselbach, Yannik Truckenbrod und Florian Mayer gehen souverän mit Schlagzeugstöcken um, er lehrte sie auch ohne Instrumente, durch schnippen, stampfen und klatschen, rhythmische Klänge zu erzeugen. Eckhart Kopetzkis Komposition "Samba Life" ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, das von den Zuhörern begeistert aufgenommen wurde. Bleibt nur noch einmal die Sache mit Karl Valentin zu beleuchten. Ulrike Köberle im Liegestuhl ließ sich seinen "Literarischen Gruß an den See" so köstlich gekonnt und humorvoll auf der Zunge zergehen, dass auch der letzte Zuhörer im Saal überzeugt war: "Ungewöhnlich zwar, aber eine tolle Idee!"
Andrea Fritz