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Überlingen Ein halber Blick auf den Sensationsfund

23.04.2009


Die Stadt Überlingen präsentierte am heutigen Donnerstag das in der städtischen „Leopold-Sophien-Bibliothek“ zufällig entdeckte originale Notenblatt von Robert Schumann. Fachleute sprechen von einem „höchst bedeutenden Dokument“. Der erste Blick auf den Sensationsfund allerdings beschränkte sich auf einen Teil der Notenhandschrift – sie blieb zu einem Teil abgedeckt.

Verhüllt von einem weißen Stofftuch steht sie unter Glas auf dem Notenständer des Bechstein-Flügels im prachtvollen Barocksaal des Überlinger Museums. Feierlich lüften Oberbürgermeisterin Sabine Becker und Michael Beiche, von der Robert-Schumann-Forschungsstelle in Düsseldorf an den Bodensee angereist, das Geheimnis. Dass die Handschrift nicht komplett zu sehen sein wird, hatte Becker bereits angekündigt. Ein Portrait von Klara Schumann verdeckt sie zum Teil, so dass nicht das gesamte Blatt mit seinen 24 bisher unbekannten Takten aus der Hand des großen Komponisten und Pianisten zu sehen war. Komplett präsentieren wird es die Stadt erst, wenn sie sich die Rechte gesichert hat. Spätestens am 15. September soll es als Faximile käuflich zu erwerben sein, wenige Tage später, am Sonntag, 20. September, wird das unbekannte Schumann-Werk im Überlinger Kursaal uraufgeführt. Es hätten Anfragen von vielen Pianisten vorgelegen, erklärte der Überlinger Kulturreferent Michael Brunner. Erst in der Nacht vor der gestrigen Pressekonferenz sei die endgültige Entscheidung gefallen. Zur Uraufführung kommt die international gefeierte Pianistin Luiza Borac an den Bodensee. Die in Hamburg lebende, aus Rumänien stammende Künstlerin wird das nur etwa 70 Sekunden dauernde Werk innerhalb eines Klavier-Recitals präsentieren.

Die Komposition gehört sehr wahrscheinlich zu dem im Frühjahr 1838 entstandenen Zyklus „Kinderszenen“ und trägt den Titel „Ahnung“. Der Fund zeigt außerdem eine Widmung Clara Schumanns an den befreundeten Julius Allgeyer, über dessen Bruder Leo das Autograph 1888 in die Überlinger Bibliothek gelangte. Nach Auskunft der Stadt und der Fachleute handelt es sich bei der Notenhandschrift um das erste Schumann-Manuskript mit einer unbekannten Komposition, das seit dem frühen 20. Jahrhundert neu entdeckt wurde.

Roswitha Lambertz, die Leiterin der Überlinger Leopold-Sophien-Bibliothek, hatte die Schumann-Handschrift bereits 2006 entdeckt. Seither wurde das Blatt von Fachleuten untersucht und die Hintergründe recherchiert, wie es nach Überlingen kam. Lambertz stieß im Zuge der Katalogisierung der Bibliotheksbestände auf das Blatt. So sei es sicher keine „spannende Schatzfindung“ gewesen, meinte Lambertz, „aber der überraschende und krönende Abschluss der seit 1996 laufenden Katalogisierung“. Die Noten waren Bestandteil des Nachlasses von Leo Allgeyer (1827 bis 1891), Mitbegründer des Städtischen Museums Überlingen und Sekretär des Münsterbauvereins. Die Mappe schenkte er der Leopold-Sophien-Bibliothek im Jahr 1888. Darin befanden sich einzelnen Schriftstücke, hauptsächlich Briefe. Wie Leo Allgeyer selbst an das Blatt kam, ist ungeklärt. Vermutlich schenkte oder verkaufte es ihm sein Bruder Julius Allgeyer (1829 bis 1900). Dieser erhielt das mit einer persönlichen Widmung und dem Datum 7. Oktober 1856 versehene Notenblatt von Clara Schumann als Geschenk.

Aus einem Brief an ihre Freundin Emilie List geht hervor, dass sich die Pianistin und Komponistin am 23. August 1856 in Überlingen aufgehalten hatte, als Julius Allgeyer hier eine Lungenkrankheit kurierte, bevor er am 13. Oktober 1856 mit einem Stipendium nach Rom reiste. Die Brüder Julius und Leo Allgeyer waren beide in Überlingen aufgewachsen und hatten hier die höhere Bürgerschule besucht. Julius begann 1843 eine Lehre in der lithographischen Anstalt Creutzbauer in Karlsruhe und Leo 1848 eine kaufmännische Lehre in Offenburg. Beide führten von etwa 1861 bis 1871 ein bekanntes und beliebtes fotografisches Atelier in Karlsruhe. Anschließend trennten sich ihre Wege.

Leo Allgeyer lebte mit Unterbrechungen von 1873 bis zu seinem Tode 1891 als Privatier in Überlingen. Er betätigte sich als Kunstsammler und -händler, war Sekretär des Münsterbauvereins, aktives Mitglied im Bodenseegeschichtsverein und im Kurkomitee und zusammen mit Theodor Lachmann Wegbereiter des Städtischen Museums Überlingen. Er veröffentlichte Bücher, Aufsätze und Zeitungsartikel zur Überlinger Geschichte und gründete das Überlinger Tagblatt. Der Leopold-Sophien-Bibliothek schenkte er seit 1861 immer wieder Bücher, Stiche und Fotografien sowie 1888 die Mappe mit Autographen, unter denen sich auch das Schumann-Notenblatt befand.

Leos jüngerer Bruder, zu seiner Zeit bekannter Kupferstecher und gesuchter Fotograf, war mit Clara Schumann befreundet. Lebenslange Freundschaften verbanden ihn auch mit dem Komponisten Johannes Brahms, dem Maler Anselm Feuerbach und Hermann Levi, dem Dirigenten und Münchener Hofkapellmeister. Darüber hinaus pflegte er freundschaftliche Kontakte zu zahlreichen weiteren Musikern, Schriftstellern und Künstlern seiner Zeit.

Nach seiner Ausbildung und Tätigkeit als Lithograph und Kupferstecher erhielt er 1853 ein Stipendium an der Kunstschule in Düsseldorf. Hier lernte er Johannes Brahms und Clara Schumann kennen. 1856 reiste er mit einem Stipendium nach Rom, wo er sich mit den Maler Anselm Feuerbach befreundete. Über ihn schrieb Julius Allgeyer die erste und noch heute geschätzte Biographie, die 1894 erschien. Seit 1898 arbeitete er im Auftrag Maries, der Tochter von Clara und Robert Schumann, an einer Biographie der Clara Schumann. Das bei seinem Tod 1900 unvollendete Manuskript gilt heute als verschollen. (mba)

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