Der aus Sibirien stammende Überlinger Wladimir Bauer ist Temperaturen bis minus 45 Grad gewohnt.
Auf einen Kaffee mit… Wladimir Bauer. Der aus Sibirien stammende Überlinger ist Temperaturen bis minus 45 Grad gewohnt.
Herr Bauer, bei Minus 17 Grad traut sich hier keiner mehr wirklich vor die Tür. Sie kommen aus Sibirien und sind sicherlich deutlich kältere Temperaturen gewöhnt. Haben Sie für die frierenden Überlinger nur ein müdes Lächeln übrig?
Es ist normal, dass die Überlinger frieren. Sie sind diese Temperaturen nicht gewohnt. Aber für mich ist das nicht kalt, denn in Sibirien ist es wirklich viel kälter. Doch es ist eine andere Kälte. Es ist nicht so nasskalt und windig wie in Überlingen und dadurch empfindet man die Kälte nicht so stark. Minus 15 Grad in Überlingen fühlen sich an wie minus 25 Grad in Sibirien.
Was war denn das Kälteste, was Sie in Sibirien erlebt haben?
Minus 45 Grad. Das habe ich mehrmals als Kind erlebt und auch als Erwachsener, an Sylvester 2000.
Und dann frieren selbst Sie, oder?
Wir sind das gewohnt. Wenn man sich warm anzieht, dann friert man nicht. Aber wenn es minus 45 Grad hat, dann haben die Schulen geschlossen und die Kinder bleiben zu Hause. Doch das dauert nie lange. Minus 45 Grad hat es meistens nur eine oder zwei Wochen.
Was sind denn im Winter die Durchschnittstemperaturen in Sibirien?
Minus 30 Grad sind normal. Und im Sommer haben wir dann plus 30 Grad. Das sind 60 Grad Temperaturunterschied.
Und wie ist das mit den Autos? Die springen bei minus 30 Grad doch teilweise sicherlich gar nicht an?
Wir ziehen den Autos einen Mantel an, wie den Menschen auch. Oder man muss das Auto in der Nacht zwei, drei Mal anlassen. In Nordsibirien lassen sie manchmal die Dieselmotoren die ganze Nacht laufen, sonst springen sie nicht an.
Was kann man tun – in Sibirien und auch in Überlingen – um die Kälte zu ertragen?
Warm anziehen ist das allerwichtigste. Ein warmer Mantel, eine Mütze, warme Füße und wenn es ganz kalt ist, kann man auch ein Tuch vor Mund und Nase binden. Wodka wärmt auch, aber nur kurz, das bringt nichts. In Sibirien essen wir viel Speck. Ohne Fleisch könnten die Menschen dort nicht leben.
Sie haben sicherlich viele Erinnerungen an skurrile oder besonders schöne Erlebnisse im sibirischen Winter?
Ja. Als ich ein Kind war, waren die Winter noch stärker und es gab mehr Schnee. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, lag so hoch Schnee, dass wir vom Dach herunter Ski fahren konnten. Die Fenster waren zugeschneit und wir mussten sie von innen freischaufeln, damit Licht ins Haus kommt.
Aber dann sind Sie ja gar nicht mehr zur Haustüre herausgekommen?
Das konnte passieren. Und dann hat der Nachbar von außen die Tür freigemacht.
Und wie kam der Nachbar aus seinem Haus?
Der Schnee wurde ja immer wieder niedergetreten, auf den Wegen. Dass niemand aus seinem Haus kam, das gab es eigentlich nicht.
Sie leben schon eine ganze Weile lang in Überlingen. Fühlen Sie sich wohl?
Es gefällt mir ganz gut, ja. Überlingen ist ein schöner Ort. Und wenn ich Sehnsucht habe, fahre ich nach Sibirien. Ungefähr drei bis vier Mal im Jahr.
Glauben Sie, dass die extrem klimatischen Bedingungen, die Kälte im Winter und die Hitze im Sommer, den Charakter der Sibirien prägen? Und wenn ja: auf welche Weise?
Ja, ich glaube schon. Der Zusammenhalt ist sehr stark und wir sind sehr fröhlich und herzlich. Aber es ändert sich alles. Früher sind wir mit dem Pferd oder mit den Ski ins Nachbardorf gefahren, heute fahren fast alle Auto. Die jungen Leute tragen kaum noch Pelzmäntel.
Und wie erleben Sie die Überlinger in ihrer Mentalität?
Ich habe noch keine schlechte Erfahrung gemacht. Alle, die ich kenne, sind freundlich und sehr nett.
Sie sprechen gut deutsch. Wo haben Sie das gelernt?
Unsere Großeltern haben mit uns Deutsch gesprochen und wir haben auf Russisch geantwortet. Das hat gut funktioniert. Und in der Schule haben wir dann auch Deutsch gelernt.