Als die Schauerromane in verwitterten Ruinen, düsteren Wäldern oder des Mitternachts auf Friedhöfen spielten, da waren die sagenumwobenen Überlinger Heidenhöhlen eine Attraktion vom selben Rang wie die Mainau und die gerade – im Jahr 1838 – von Josef Freiherr von Laßberg vor dem Verfall gerettete Burg Meersburg. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten wohlhabende Menschen immer mehr Freitzeit und vergnügten sich als Sommerfrischler bevorzugt an solchen Sehnsuchtsorten der Romantik. Jene Epoche hatte eine Mittelalter-Begeisterung hervorgerufen, von der auch Joseph Victor von Scheffel getragen war, als er 1855 seinen berühmten „Ekkehard“ schrieb und den Heidenhöhlen darin ein literarisches Denkmal setzte.
Die Ausstellung, deren großer Erfolg zeigt, wie sehr die Heidenhöhlen auch heute noch faszinieren, wurde vom Konstanzer Historiker Franz Hofmann kuratiert. Maßgeblich an der Umsetzung beteiligt war das Kustodenehepaar Peter und Bozena Graubach, denen es gelang, die alten Legenden im Museum auferstehen zu lassen. Fast erwartet man in den nachgebildeten Höhlen unvermittelt vor dem „kleinen Fidele“ zu stehen, dem Räuber, der sich dort um 1750 versteckt haben soll.
Neben dem Burgenspezialist Michael Losse steuerte auch der aus Herdwangen stammende Archäologe Ralf Keller seine neuesten Forschungsergebnisse zur Ausstellung bei. Und mag der derzeit promovierende Keller als Ur- und Frühgeschichtler auch durch und durch seriöser Wissenschaftler sein, so kann auch er sich der märchenhaften Faszination der Heidenhöhlen am westlichen Bodensee nicht entziehen. Mehrfach schon hat er darüber veröffentlicht.
Tatsächlich konnte Keller im Zuge seiner aktuellen Forschungen neue Erkenntnisse zu den Überlinger Heidenhöhlen gewinnen. Durch Vergleich alter Fotos mit solchen, die bald nach der Sprengung von 1960 gemacht wurden, ist er sich sicher, dass im Fels noch mehr vorhanden ist, unter anderem eine Treppenhaushöhle, als bisher gedacht. Allerdings ist alles zugewachsen und verdeckt von Buschwerk.
Was Archäologe Keller besonders reizt, das ist die Chance, jenem Geheimnis der Heidenhöhlen doch noch ein Stück mehr auf die Spur zu kommen als die Fachleute bisher zu hofften wagten. Denn die barbarische Spengung von 1960 vernichtete zwar fast alles, doch seit Ralf Keller nach einem ersten Aufrug von einer entfernten Verwandten jene alte Fotografie mit den vier jungen Männern in ihren Sonntagsanzügen erhielt, vermutet er, dass das Innere der Höhlen zwischen den Sprengungen von 1847 und 1960 über die wenigen bekannten Bilder und Postkarten hinaus doch dokumentiert worden sein könnte: Auf Erinnerungsfotos wie eines in einem Fotoalbum von Annemarie Widmer klebte.
Leider weiß weder Annemarie Widmer noch sonst jemand in der Verwandschaft etwas zum Bild. Wer waren die vier jungen Männer, die sich in ihren wohl besten Anzügen in den Heidenhöhlen ablichten ließen. War es ein Sonntagsausflug? Kamen sie von einer Beerdigung – der Mann rechts trägt einen Trauerflor? Oder haben sich vier gute Freunde am Ort ihrer Erinnerungen an die Lausbubenzeit verewigen lassen, bevor sie 1914 in den ersten Weltkrieg mussten? Ralf Keller fragt deshalb die SÜDKURIER-Leser: Kennt jemand einen der Männer auf dem Foto?
Und dann hat der Heidenhöhlenforscher die große Hoffnung, dass es ähnliche Bilder noch in anderen Fotoalben, Schuhkartons oder Umschlägen gibt. Denn das Foto der vier unbekannten Herren, die im guten Zwirn über die steilen Stege, Leitern und Treppen nach oben in die Sandsteinhöhlen kletterten, ist auch ein Beweis für die Bedeutung der frühen Touristenattraktion am Bodensee. Beweist das Bild doch auch, dass das geheimnisvolle Ausflugsziel es einst sogar wert war, wegen eines Erinnerungsfotos eine schwere, sperrige Plattenkamera nach oben in die Höhlen zu transportieren.
