Mein

Überlingen 28.01.2009: Das neue Leben des Fluglotsen-Mörders

28.01.2009
Schlagwörter


Er verlor beim Überlinger Flugzeug-Unglück seine Familie und erstach den Skyguide-Fluglotsen – Jetzt steckt sein Vermögen in einer Kirche und einer Moschee.
„Sie haben sich sehr geliebt. Der Kaufmann aus Baku und ein Mädchen von hier, aus Wladikawkas. Dann war sie tot“.

Witali Kalojew krampft seine Hände fest um das Lenkrad des altessschwachen „Wolga“. So fest, dass man sehen kann, wie die Fingerknöchel weiß werden. Obwohl es weit nach Mitternacht und das Armaturenbrett die einzige Lichtquelle ist. „Ganz plötzlich war sie tot. Daher“, sagt Kalojew und deutet mit Kopf nach rechts auf die beiden Minarette am Ufer des Terek:“ hat er diese Moschee bauen lassen. Direkt unten am Fluss, wo er sein Mädchen beim Wasserholen das erste Mal sah“.

Kalojews Frau war ganz plötzlich tot: Swetlana. Ebenso die beiden Kinder. Konstantin, elf und Diana, viereinhalb. Kalojew nennt ihre Namen nicht. Doch er denkt sie. Es sind ihre Stimmen, die er hört, wenn in seinem Gesicht plötzlich dieses warme Licht steht, das fasziniert und verwirrt. Und es sind ihre Augen, in denen sein Blick Halt sucht: Die Augen von Swetlana, Konstantin, Diana.

Blumen und Ovationen in Moskau

Alle drei saßen in dem Flugzeug, das im Juli 2002 über dem Bodensee abstürzte. Ein Jahr und acht Monate später ersticht Kalojew Peter Nielsen, den Fluglotsen, der in der Unglücksnacht Dienst hatte. Im Oktober 2005 verurteilte ein Schweizer Gericht Kalojew zu acht Jahren Zuchthaus, im November 2007 attestierte das eidgenössische Bundesgericht ihm verminderte Schuldfähigkeit und verkürzte das Strafmaß auf fünf Jahre und drei Monate. Weil er zwei Drittel davon bereits abgesessen hat, kommt er kurz danach frei.
In Moskau gibt es Blumen und Ovationen auf dem Flughafen, starke Getränke und starke Trinksprüche in der Vertretung Nordossetiens, wo Kalojew zu Hause ist. Seit einem Jahr dient er der Teilrepublik im russischen Nordkaukasus als Vizebauminister. Das Amt, heißt es in der Hauptstadt Wladikawkas, sei eigens für ihn geschaffen worden.

Denn die Seinen haben ihn 2007 zum„Osseten des Jahres“ gekürt, kremlnahe Jugendorganisationen und staatsnahe Medien ihm auch in anderen Teilen Russlands den Titel eines Nationalhelden übergeholfen. Europa, schrieb die „Iswestija“, „kennt keine Shakespeare’schen Leidenschaften mehr. Die saubere, gepflegte, mit Anwaltskanzleien übersäte und von politischer Korrektheit glatt gebügelte Alte Welt fürchtet starke Gefühle und hat sogar Angst, sich das klar zu machen.“

Kalojew, knapp 53, introvertiert und dünnhäutig, sei mit dieser Rolle des Heroen hoffnungslos überfordert, fürchtet ein Freund. Aus dessen Büros sieht man die Minarette der Moschee für das tote Mädchen und die Zwiebeltürme der Kirche, die Kalojew, Bauingenieur und Architekt errichtet hat: Blattvergoldete Kuppeln krönen makelloses Weiß, dessen strenge schlanke Schönheit dem grauen Winterhimmel entgegen wächst.

Die Welt hat ihn allein gelassen

Kalojew, ein erfolgreicher Unternehmer, hat fast sein gesamtes Vermögen investiert und reichlich Spenden für den Bau eingesammelt. Der Innenraum ist dennoch nicht fertig ausgemalt. „Wie denn auch“, sagt die Frau, die den Ständer für die Kerzen blank putzt, die vor den Heiligenbildern brennen: „Kalojew weiß, dass auch er irgendwie einen Schlussstrich ziehen muss, wenn die Maler fertig sind. Er ist mit der Geschichte aber noch lange nicht fertig“.

Auch seine Mitbürger nicht. „Nicht jeder ist fähig zu dem, was Kalojew getan hat“. Einerseits, meint Taxifahrer Gennadi, könne er ihn verstehen. „Andererseits hat er die Kinder des Fluglotsen zu Waisen gemacht“.

Gennadi hat schon des Öfteren Besucher zu dem Grab von Kalojews Familie gefahren. Rote Nelken liegen verstreut vor dem wuchtigen Grabstein aus poliertem, schwarzen Marmor. Erste Schneekristalle fallen auf die eingemeißelten Bilder von Swetlana, Konstantin und Diana. Kalojew, sagt Gennadi, meide den Friedhof, seit ein Paparazzo ihn dort ablichtete und die Fotos an westliche Agenturen verhökerte. Dafür stehe er oft lange auf der Brücke, die in der Nähe der Moschee über dem Terek führt.

Die Welt, sagt der Taxifahrer, habe Kalojews Kummer verstaatlicht, ihn bei dessen Bewältigung aber ebenso allein gelassen, wie mit der Bewältigung der Schuld, die er durch den Mord auf sich geladen hat. Scheinbar resozialisiert, gilt er als schwierig. Lappalien, heißt es in seiner Umgebung, könnten Tobsuchtsanfälle auslösen.

Überlingen auf kyrillisch


Er werde sein Bestes tun, könne aber für nichts garantieren, sagt, um Vermittlung gebeten, ein Beamter aus dem nordossetischen Präsidentenamt, den sie in Wladikawkas die graue Eminenz nennen. In Kalojews Vorzimmer rekapituliert er nochmals die Liste der Tabu-Themen. Tabu Nummer eins: Das Drama auf dem Flughafen in Barcelona, wo Kalojew, der in Spanien Villen für reiche Russen baut, am Abend des 1. Juli 2002 erfährt, dass Frau und Kinder nie ankommen werden. Medien berichten, er habe sich wimmernd auf eine Bank fallen lassen, den Kopf in beide Hände vergraben und den Oberkörper vor und zurück gewiegt. Eine Stunde lang.

Die nächste Maschine nach Zürich ging erst am nächsten Morgen. In der Ankunftshalle dort steht der Flughafenpfarrer, auf dem Schild auf seiner Brust in kyrillischen Buchstaben ein einziges Wort: Überlingen. Bei der Stadt am Bodensee waren knapp zwölf Stunden zuvor, als, ein russisches Passagierflugzeug und eine DHL-Frachtflieger kollidierten, 71 Menschen aus elf Kilometer in die Tiefe gestürzt. Darunter auch die drei, die Kalojew alles bedeuteten: Swetlana, Konstantin und Diana.

„Zu seiner Rolle im Krieg in Südossetien besser auch keine Fragen. Und dann ist da noch…“ Die graue Eminenz verstummt, die Doppeltür aus schwerem Eichenholz öffnet sich, Kalojew steht auf der Schwelle. Mit einem schwer zu beschreibenden Gesichtsaudruck. Ruhig, ohne zu lächeln, aber nicht unfreundlich. Große braune Augen beherrschen das von einem schütteren eisgrauen Bart umrahmte Gesicht und tasten Besucher ab. Es sind die Augen einen Boxers, der schon etliche Schläge unterhalb der Gürtellinie einstecken musste und seine Verteidigung plant. „Bitte“, sagt er nach zehn Sekunden, die sich zur Ewigkeit dehnen, mit knapper, aber einladender Handbewegung. Tee oder Kaffee?“.

Weder Held noch Mörder

Ein Held benimmt sich anders. Ein Mörder auch. Er, sagt Kalojew, sei weder das eine noch das andere. „Ich bin ein Mann. Ein Mann, der für seine Worte und für seine Taten einsteht“. Das habe er auch von Nielsen erwartet. Der Fluglotse sollte sich entschuldigen. Einschlägige Forderungen habe er ihm und der Flugsicherungsfirma Skyguide mehrfach übermittelt. Schriftlich über seine Anwälte und mit einer Dolmetscherin bei Telefonaten mit Skyguide Direktor Alain Rossier. Mit dem, sagt Kalojew, habe er ein Treffen mit Nielsen fest abgemacht gehabt.

„Und was dann? Was machen wir nach der Entschuldigung“, habe Rossier ihn gefragt, Dann, so erzählt es jedenfalls Kalojew, habe gesagt, „trinken wir zusammen eine Kaffee, gehen in Zürich spazieren oder sehen uns ein Fußballspiel an“. Rossier soll daraufhin gesagt haben, man könnte ja auch zusammen essen gehen. Man könnte, fand auch Kalojew. Als er einen konkreten Termin fordert, habe der Eidgenosse jedoch gekniffen.
 
24. Februar 2004. Seit dem Flugzeugunglück sind ein Jahr und fast acht Monate vergangen. In Kloten, der Siedlung am Zürcher Flughafen, fragt kurz vor sechs Uhr abends ein Mann nach einer Adresse: Rebweg 24. Es ist die Adresse von Nielsen. Kalojew hat sie auf einem Zettel notiert. Eine Frau weist ihm den Weg. Statt zu klingeln, geht Kalojew direkt durch den Garten auf die Terrasse und klopft dort. Ehefrau Mette öffnet und ruft, weil der Fremde kein Wort spricht, ihren Mann. Augenblicke später ist Peter Nielsen tot.

Warten auf Entschuldigungen

Der Polizei ist schnell klar, wer der Täter sein muss. Am 25. Februar wird Kalojew im Flughafenhotel "Welcome Inn" festgenommen. Warum hat er sich nicht darauf verlassen, dass ein Gericht Recht schafft? Weil er in Russland aufgewachsen ist? Einem Land mit kaum entwickeltem Rechtsbewusstsein und einer von Gewalt geprägten Geschichte, aus der die Nation bis heute ihre Identität bezieht?

„Recht?“ Kalojew hebt kaum merklich die Stimme und dehnt das Wort. Dass vier der acht leitenden Skyguide-Angestellten, die sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten müssen, im September 2007 mit Bewährungsstrafen davonkamen, kann er nicht verstehen. Auch nicht, dass das Bezirksgericht in Bülach bei Zürich für die Urteilsfindung fünf Jahre brauchte. „Obwohl schon nach ein paar Wochen alles klar war“: Dass Nielsen allein vor den Kontrollbildschirmen saß, dass es Telefon- und Computerprobleme gab.

Fast ebenso lange muss Kalojew auf die offizielle Entschuldigung von Skyguide warten. Zu der ringt sich erst der neue Direktor Francis Schubert im Mai 2007 durch. Entschuldigung, das hatten die Anwälte versucht, Kalojew, der im Hochsicherheitstrakt einer psychiatrischen Klinik in Zürich sitzt, klarzumachen, sei gleichbedeutend mit Eingeständnis von Schuld und für Skyguide mit Zahlung von Entschädigung in Milliardenhöhe verbunden.

Gefahren, die vom Tisch sind, als Schubert sich entschuldigt. Zahlen, heißt es im Urteil des Konstanzer Landgericht vom 27. Juli 2006, müsse die Bundesrepublik, die durch Übertragung der Luftsicherungsrechte an eine Schweizer Firma gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen habe. Aber Geld ist doch nicht alles“, Kalojew, der sagt, die Ermittler hätten versucht, auch ihm als Tatmotiv Geldgier zu unterstellen, schreit es fast und steckt sich eine neue Zigarette an. Die dritte in weniger als 40 Minuten.

Nur mal eben weg

Ähnlich schnell voll wird der Aschbecher auch daheim bei Kalojew, wo, seit Swetlana und die Kinder nicht mehr sind, alles ein paar Nummern zu groß ist: Die Küche, der Küchentisch und das Haus. Mit ersten Entwürfen, sagt Soja Konstantinowna, Kalojews älteste Schwester, habe ihr Bruder begonnen, gleich als er Swetlana kennenlernte. Im Dezember 1990. „Januar 1991 haben sie geheiratet. Und im November wurde Kostja (Konstantin) geboren.“

Zärtlich streicht Sojas Hand über Fotos von einem Blondschopf mit dunklen Augen. Kostja mit vier und mit elfeinhalb, kurz vor dem Unglück. „Seine Klassenkameraden bereiten sich inzwischen auf die Aufnahmeprüfungen für die Uni vor“. Das Haus, vor fünfzehn Jahren gebaut, müsste mal renoviert werden, meint Soja. Aber dazu können sich weder sie noch Witali aufraffen. Weil dann Schluss wäre mit der Illusion, die Schlaf- und Kinderzimmer vorgaukeln: Svetlana, Kostja und Diana sind bloß mal auf einen Sprung zu den Nachbarn gegangen und gleich zurück.

Kalojew schläft seither meist im Arbeitszimmer und er schläft schlecht. Es ist schon spät, trotzdem macht er sich an der Kaffeemaschine einen doppelten Espresso und raucht. Obwohl er Medikamente gegen hohen Blutdruck nehmen muss. Sojas Essen rührt er nicht an. Er habe schon. Geburtstag eines Kollegen, mit dem er in Südossetien war. Angeblich Tabu-Thema Nr. 2.
 
„Interessant“, sagt Kalojew, und lacht jungenhaft. Das erste Mal und es steht ihm gut. Sein Beitrag, sagt er, sei nicht kriegsentscheidend gewesen, er habe einen Kindergarten von Minen und Bombensplittern gesäubert. Ein paar „Trophäen“ liegen auf seinem Schreibtisch, andere auf der Speicherplatte seines Handys: Ein selbst aufgenommenes Video. Georgische Kriegsgefangene treten die eigene Flagge mit den Füßen und verfluchen Saakaschwili. Kalojew schließt nicht aus, dass man sie gezwungen hat. Dennoch: „Ich hätte mich nicht zwingen lassen zu so etwas“.

Soja legt ihr Besteck fast lautlos auf den Tellerrand und sieht den Bruder scheu von der Seite an. Doch dessen Zorn sackt in sich zusammen wie ein Häuflein Asche. Kalojew ist müde. Sehr müde.
Flugzeugunglück von Überlingen - Chronologie der Ereignisse
...
Was will man auch von jemandem, der in einem Land aufgewachsen ist, dass keinen Rechtsstaat ...
Nationalhelden
Von unbekannt
Einen Mörder machen die zu ihrem Nationalhelden, schönes Volk ist das.
Bananen-Republik
Von unbekannt
So geht man also in Russland mit Mördern um. Aber der hat ja 'nur' einen Ausländer umgebracht ...
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln