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Überlingen 15-Jähriger schnüffelt sich an Deospray zu Tode

Ein Gymnasiast aus Überlingen ist am vergangenen Freitag gestorben, nachdem er eine Überdosis Deospray inhalierte. Sein Vater sucht nun die Öffentlichkeit, um andere Eltern zu warnen.

Das letzte Foto, das von dem 15-jährigen Überlinger geschossen wurde: Fabian bei einem Snowboardkurs in den Alpen Anfang Januar. Ende Januar 2010 starb er beim Schnüffeln von Deospray.
Das letzte Foto, das von dem 15-jährigen Überlinger geschossen wurde: Fabian bei einem Snowboardkurs in den Alpen Anfang Januar. Ende Januar 2010 starb er beim Schnüffeln von Deospray. | Bild: privat

Offenbar verschaffte ihm das Schnüffeln von Deospray einen Kick. Dass es ihm auch sein Leben kosten könnte, bedachte der 15-jährige Gymnasiast aus Überlingen nicht. Heute vor einer Woche ist Fabian N. gestorben. Die Staatsanwaltschaft Konstanz teilte inzwischen das vorläufige Obduktionsergebnis mit. Todesursache ist demnach „Ersticken als auch die Inhalation des schädlichen Butangases“.

Fabians Vater ist es ein dringendes Anliegen, andere Eltern aufzuklären. Deshalb sucht er den Weg an die Öffentlichkeit und bittet darum, das Foto seines Sohnes abzudrucken. Es solle der Warnung dienen. „Das hilft mir nicht bei meiner Trauer. Der grausame Tod meines Sohnes muss aber reichen. Andere Eltern dürfen nicht das gleiche erfahren.“ Der 41-Jährige ist sich sicher, dass viele nicht wissen, welche Form des Drogenkonsums manche Kinder und Jugendliche pflegen. „Man muss als Eltern wissen, dass Deospray eine Droge sein kann.“

Für den Historiker kommt dieses Wissen zu spät. Er fand Fabian am vergangenen Freitag leblos in dessen Kinderzimmer. Der Junge hatte sich eine Mülltüte über den Kopf gestülpt und Deospray einströmen lassen. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos.

Warnzeichen, die in den Wochen zuvor auf ein gefährliches Treiben seines Sohnes hingedeutet hätten, gab es nicht, sagt der Vater. „Fabian hat sich weder von uns, von der Familie, zurückgezogen. Noch war sein Wesen verändert. Die Noten in der Schule waren gleichbleibend gut.“ Im Nachhinein sehe er den hohen Deodorant-Verbrauch seines Sohnes natürlich anders. Auch das häufige Nasenbluten. Oder dass der 15-Jährige auffallend oft trotz kalter Außentemperaturen die Fenster seines Zimmers öffnete. Erst recht die nach Deo stinkenden Plastiktüten, die man nach Fabians Tod unter seiner Matratze fand. Das sind für die Familie lauter Anzeichen dafür, dass Fabian nicht zum ersten Mal schnüffelte. „Fabian wurde mitten aus dem Leben gerissen. Hätte ich gewusst, dass Deoschnüffeln heutzutage angesagt ist, hätte ich mit ihm darüber gesprochen. Jetzt ist es für mich schwer, damit zu leben, dass ich ihm das Deo auch noch gekauft habe.“

Da das Schnüffeln der chemischen Substanzen, die in jedem Haushalt vorkommen, nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, fehlt eine exakte Statistik. Ob es einen Trend unter Kindern und Jugendlichen gibt, sich mit solchen Methoden einen Kick zu verschaffen, kann deshalb niemand mit Sicherheit beurteilen. Auch was Erich Miltner, Ärztlicher Direktor am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Ulm, dazu sagt, ist nur eine Annäherung: „Todesfälle beim Schnüffeln von Treibgas, Feuerzeuggas oder Lösungsmitteln sind im Verhältnis zu den Gesamttodesfällen an legalen und illegalen Drogen eine Rarität. Es gibt zwar immer einmal Häufungen wie vor sieben Jahren, als in einem begrenzten Zeitraum über drei Todesfälle in Deutschland berichtet wurde. Eine rechtsmedizinisch beobachtete Häufung von Todesfällen in letzter Zeit ist mir aber nicht bekannt.“

Fabian war sehr beliebt. Seine Mitschüler am Überlinger Gymnasium haben eine Trauerecke gestaltet, in der sie Blumen und Kerzen aufstellten, ein Kondolenzbuch auslegten und Gedanken an Fabian auf Notizzetteln formulierten. Daraus geht hervor, dass der 15-Jährige ein aufmerksamer Gesprächspartner war, ein höflicher Junge, der gerne und viel lachte. Ein von Schulleiter Hans Weber zusammengestelltes Krisenteam hatte den Mitschülern die Nachricht gleich am vergangenen Montag überbracht. Die Aufgabe der Schule sei es nun, der Trauer einen Raum zu geben und Fabians Mitschüler behutsam wieder zurück in den Alltag zu holen. Darüber hinaus gehe es darum, die Suchtvorbeugung, die in der achten Klasse fest im Unterrichtsplan verankert ist, zu überdenken, „damit wir noch mehr Schüler erreichen“.

Doch wie kommt ein 15-Jähriger darauf, mit einer Tüte über dem Kopf Deospray zu inhalieren? Michael Moravek, Suchtberater in der diakonischen Beratungsstelle Friedrichshafen, kannte den Fall Fabian nicht, erläutert aber im Allgemeinen: „Die Plastiktüte wird verwendet, um das Gemisch berauschender Gase zu konzentrieren.“ Eine Wirkung setze oftmals schon nach Sekunden ein. „Letztlich geht es ums Abschalten, um das Wegdrücken der Realität.“ Wie bei der Vorbeugung gegen andere Rauschmittel müssten die Eltern darauf achten, den Kontakt zu ihren Kindern nie zu verlieren, Veränderungen an ihrem Kind wahrzunehmen und sie darauf ansprechen. „Eltern müssen danach fragen, was ihre Kinder mit wem konsumieren. “ Rauschmittel seien wichtige Themen in einem bestimmten Alter, sagt der Diplom-Sozialarbeiter: „Es gibt kein trautes Heim, in dem man sicher sein kann, dass das eigene Kind nichts nimmt.“ Deosprays nun wegzupacken, sei aber keine Lösung. „Denn egal, was Sie wegpacken wollten: Die Griffnähe und das Thema bleiben.“

„Ich empfinde eine tiefe Traurigkeit. Ich habe Fabian als lebenslustigen fröhlichen und sympathischen Menschen erlebt, der für mich völlig unerwartet gestorben ist“, sagt Schulleiter Hans Weber, der Fabian früher unterrichtete. Er maße sich nicht an, nach Gründen für Fabians Tod zu suchen. Ganz allgemein formuliert, meint er: „Der Wunsch nach Grenzerfahrungen steckt latent in vielen Menschen. Unsere Gesellschaft ist in hohem Maße geprägt von der Freiheit der Menschen; leider sind nicht alle so weit, mit ihr verantwortungsvoll umzugehen - auch gegenüber sich selbst.“ Sozialarbeiter Moravek ergänzt: „Uns macht es Sorge, dass der riskante Konsum ganz allgemein zunimmt.“ Egal, um welches Rauschmittel es sich dabei handelt. Die Suche nach dem schnellen Kick: „Sie hat auch etwas damit zu tun, dass das Tempo im Leben ganz allgemein zunimmt.“

Gefährlicher Konsum

Das Schnüffeln von Treibgasen oder Feuerzeuggas, aber auch von Lösungsmitteln, kann zu plötzlichem Herztod führen. Andere Gefahren sind zentralnervöse Effekte und Lungenschädigungen, informiert die Rechtsmedizin der Uniklinik Ulm. Bei chronischem Konsum kann es auch zu Leber- und Nierenschäden kommen. Beim Benutzen einer Tüte oder einem Plastiksack über dem Kopf besteht zusätzlich die Gefahr einer Kohlenstoffdioxid-Narkose und Ersticken durch Sauerstoffmangel. Durch Schnüffeln kann es zu Vergiftungen, Atemlähmungen, Hirnschädigungen, lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen und Kreislaufzusammenbrüchen kommen.

Eine seriöse Internetseite über Wirkungsweisen und Gefahren von Drogen trägt die Adresse www.pille-palle.net. Sie wird betreut von Fachleuten aus der Suchthilfe. Die Gefahr, dass Medienberichte und das Internet zur Nachahmung animieren, sei grundsätzlich gegeben, meint Suchtberater Michael Moravek, der die Internetseite mit begründete. Das müsse man aber hinnehmen. „Denn die Aufklärungsarbeit ist zu wichtig, als dass man sie beenden könnte. Die Informationen über die Gefährlichkeit solcher Stoffe müssen objektiv verbreitet werden.

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