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Überlingen „Ich brauche Power um mich rum“

15.01.2011


Auf einen Kaffee mit… Jeannette Munere, Leiterin der Musicalschule Bodensee.

Sie spricht über ihre Liebe zur Musik, ihre Schüler und ihre Arbeit.

Frau Munere, am Wochenende 22. und 23. Januar bringen Sie mit Ihrer Musicalschule Bodensee 60 Stücke aus 21 Musicals auf die Bühne. Dabei machen rund 130 Schüler mit. Wie kann man ein solch enormes Projekt stemmen? Wie schafft man es, dass jeder Akteur im richtigen Moment am richtigen Ort ist und seinen Einsatz nicht verpasst?

Indem man nachts bis zwei oder halb drei Uhr arbeitet und morgens um sechs Uhr aufsteht. So extrem ist die Arbeitsbelastung aber erst seit Anfang des Jahres. Mit den Proben für das Musical haben wir im Oktober begonnen. Und mit der Organisation habe ich etwa ein Jahr vorher angefangen. Jetzt kommen noch die ganzen technischen Details wie Tanzboden, Licht, Sound und Videoanimation.

Was erwartet die Zuschauer beim Musicalwochenende?

Am Samstagabend zeigen wir einen Querschnitt aus unserem Programm. Der Sonntagnachmittag ist Märchen, Disney und Pop gewidmet, das ist auch was für Familien. Und am Sonntagabend treten die Lehrer und Schüler der Vorbereitungsklasse für die Musicalhochschule mit einer Profiband aus München auf.

Apropos Musicalhochschüler: Sie bereiten junge Menschen auf Aufnahmeprüfungen bei Musicalhochschulen vor. Wie hoch ist Ihre Vermittlungsquote?

Momentan noch 100 Prozent. Ich mache das seit eineinhalb Jahren, seither gab es zwei Aufnahmeprüfungen. Bei beiden hat sich je ein Schüler von mir beworben und beide sind genommen worden. Das ist ein großer Erfolg, denn von rund 250 Bewerbern werden etwa 14 genommen. Der Andrang an die Musicalhochschulen ist sehr groß, zumal sich auch viele Schüler aus dem Ausland bewerben. Nächstes Jahr wird es heftig: Da bewerben sich sechs meiner Schüler an Musicalhochschulen.

Wie viel Zeit investieren die Schüler in die Vorbereitung?

Das ist unterschiedlich. Ich würde sagen, etwa eine Stunde Gesang und vier bis sechs Stunden Tanz und Schauspiel pro Woche über ein bis zwei Jahre.

Die Vorbereitung auf Musikhochschulen macht nur einen kleinen Teil der Musicalhochschule Bodensee aus. Was bieten Sie sonst noch an?

Gesangsunterricht, Klavierunterricht, Tanz, Ballett und Schauspiel für alle Altersgruppen. Die Jüngsten sind drei Jahre alt.

Im Juni 2010 sind Sie in das Musicalhaus in der Innenstadt gezogen. Aber Ihre Schule existiert schon länger. Wann und wo haben Sie die Schule gegründet?

Ich habe vor zehn Jahren in Überlingen mit einer Handvoll Schüler angefangen. Die Schülerzahl wuchs rasch an und irgendwann kam ich dann an den Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, ob ich mich verkleinern oder vergrößern soll. Und da ich damals schon Anfragen von Leuten hatte, die an Musikhochschulen studieren wollen, war schnell klar, dass vergrößern der einzige Weg ist. Inzwischen habe ich rund 90 feste Schüler und neun Lehrer.

Was fasziniert Sie am Musical?

Die Leute sind super, die Musicalleute sind nicht zimperlich, sind jeden Tag auf der Bühne. Denen macht es nichts aus, wenn sie irgendein Kratzen im Hals haben. Die kommen auf die Bühne und singen einfach. Sie sind cool drauf, man ist schnell beim Du, alles ist sehr offen. Ich habe eine Ausbildung in klassischer Musik, daher kenne ich den Unterschied. Musical ist einfach mein zu Hause. Ich brauche Power um mich rum. Mir tut es gut, wenn ich so richtig an die Grenzen kommen darf.

Aber Sie stehen ja nicht auf der Bühne, sondern unterrichten. Fehlt Ihnen der Zauber der Bühne nicht?

Nein. Ich sehe, dass sich die Schule in der kurzen Zeit unglaublich gut entwickelt hat. Es gibt nichts Schöneres und Erfüllenderes, als die Berufung zu leben, die wir von Gott erhalten haben.

Was gefällt Ihnen am Unterrichten?

Ich kann viel bewegen. Nicht nur im musikalischen Bereich, sondern auch im Leben meiner Schüler. Manchmal weiß ich mehr von meinen Schülern als die Eltern. Und Schülern, denen es – wie so vielen Pubertierenden – nicht gut geht, kann ich durch die Musik einen Halt geben. Eine Schülerin von mir ist durch die Scheidung ihrer Eltern fast abgerutscht und sie hat ziemlich viel getrunken. Sie hat im Alkohol Halt gesucht. Dann habe ich ihr gezeigt, dass sie auch in der Musik Halt finden kann – und deshalb konnte sie irgendwann den negativen Halt, den Alkohol, loslassen. Sie hat die Sorgen und Nöte komplett in die Musik gelegt, und sie hat gemerkt, dass sie etwas kann, etwas ist. Sie hat ihre Qualitäten entdeckt.

Also engagieren Sie sich auf der sozialen Ebene mindestens genau so wie auf der künstlerischen?

Auf der psychologischen Ebene, würde ich sagen. Manchmal komme ich natürlich auch an meine Grenzen und muss die Leute an entsprechende Hilfsstellen verweisen.

Und gehen sie dann auch hin? Oder blocken die meisten ab?

Ich schaffe es dann, dass sie hingehen. Sie haben so viel Vertrauen zu mir, dass sie es annehmen.

Man spricht immer von der brotlosen Kunst. Wie ist das bei Ihnen? Können Sie von Ihrem Beruf wirklich leben?

Es ist Passion. Musik ist und bleibt Passion. Ich bin unglaublich glücklich und erfüllt davon, und was gibt es schöneres, als dies von seinem Beruf und von seinem Leben sagen zu können.

Eine Passion, für die man, hart gesagt, auch mal aufs Sattwerden verzichtet? Sehen das die Angestellten auch so?

Nein. Für die Lehrer, wenn sie gut sind, will ich auch gut bezahlen. Es liegt eher an mir, dass ich sage, ich möchte es machen, auch, wenn ich mir keine goldene Nase verdiene. Ich darf gar nicht anfangen zu rechnen, was ich an Zeit in ein Konzert investiere und was ich damit verdiene. Was ich aber wirklich bedauere ist, dass wir nicht zuletzt aufgrund von finanzieller Knappheit noch keinen eigenen Tanzsaal haben. Das Musicalhaus ist zu klein für den Tanz und die Realschulturnhalle, wo der Tanzunterricht stattfindet, ist in den Ferien geschlossen. Das ist natürlich unmittelbar vor einer solch großen Aufführung sehr ungünstig.

Was ist für Sie das größte Glück?

Wenn Schüler, die Angst vor einem Auftritt haben, nach dem Konzert zu mir kommen und sagen: ‚Ich bin so froh, dass ich durchgehalten habe, denn ich bin dadurch gewachsen'. Das zweite Glück ist für mich, wenn ich es schaffe, den Schülern Musik auf ihren weiteren Lebensweg mitgeben zu können.

Haben Sie berufliche Wünsche? Pläne? Träume? Oder haben Sie – bis auf den Tanzsaal – alles erreicht?

Da die Schüler nicht nur Musicals bei der Aufnahmeprüfung singen, sondern auch Pop, bilde ich mich nun in diesem Bereich weiter. Unter der Leitung von Udo Dahmen, Popakademie Mannheim, und seiner Gesangsprofessoren, mache ich die nächsten zwei Jahre eine Popausbildung, bei der ich mit Musikern aus ganz Deutschland, Italien, Schweiz, Österreich zusammentreffe.

Gönnen Sie sich auch mal eine Auszeit?

Ja, wobei ich in meiner Auszeit auch immer mit Musicals beschäftigt bin. Nach der Aufführung im Januar fliege ich nach New York, um mir die Musicalszene dort anzusehen.

Fragen: Eva-Maria Bast

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