Tettnang CDU läuft sich in Tettnang warm für den Wahlkampf

CDU-Fraktionschef Volker Kauder war auf Einladung des CDU-Ortsverbands Tettnang zu Gast in der Seldnerhalle in Kau. Thematisch bewegte er sich zwischen lokal – schnelles Internet im ländlichen Raum – bis international – Trump, Erdogan, Europa.

Tettnang-Kau – Volker Kauder und Campino: Eigentlich passt da tonnenweise Papier dazwischen. Aber nicht am Donnerstagabend in der Seldnerhalle. Der CDU-Frontmann erzählt, ganz am Ende seines Vortrags, eine Anekdote über den Frontmann der Toten Hosen. Erzürnt sei der gewesen, als die CDU ihren Sieg bei der letzten Bundestagswahl mit seinem Erfolgstitel "An Tagen wie diesen" feierte. Darauf habe es zwei Telefonate gegeben. Volker Kauder zu Campino: "Wir haben die Gema-Gebühren bezahlt." Angela Merkel zu Campino: "Kauder singt das Lied ja nicht jeden Tag." Die Kanzlerin hatte den Punkrocker sogar höchstpersönlich angerufen. Seither ist er ihr Fan. "Kennen sie jemand, der die Gestaltung der Zukunft so gut wie Merkel hinkriegt?" habe der Sänger jüngst einen verdutzten Reporter gefragt. Für Kauder ist diese Frage wie maßgeschneidert, um den rund 200 Zuhörern im Publikum eine galante Schlussfolgerung mit auf den Weg zu geben: "Wir haben allen Grund, nicht hinter Campino zurückzustehen."

Kauder ist auf Einladung des CDU-Ortsverbands Tettnang gekommen. Im Publikum sitzen Parteimitglieder und politisch Interessierte, die – wie die Fragerunde zeigt – vorwiegend konservativen Schlags sind, an langen Tischen mit Rosen und Servietten in der Wahlkampffarbe orange. Auch Kauder ist im Wahlkampfmodus, freilich der etwas anderen Art. Warmlaufen für die heiße Phase lautet das Motto. Bis dahin bemühen sich die Parteien, die eigenen Mitglieder und Anhänger artikulationsfähig zu machen. Sie sind wichtige Multiplikatoren. Sie zu motivieren und mit den passenden Argumenten auszustatten ist von enormer Bedeutung.

Kauder gelingt das im Handumdrehen. Denn er beherrscht das Politik-Einmaleins perfekt. Er setzt auf den Bonus der Kanzlerin. Und hält sich mit Vergangenheitsbewältigung erst gar nicht auf – das macht ja der Koalitionspartner SPD, ausdauernd und freiwillig. Kauder weiß, dass Wahlentscheidungen mit Erwartungen an die Zukunft verknüpft sind, und so verspricht er hier, im ländlichen, aber wirtschaftsstarken Raum, erst mal "Milliardenbeträge, dass das schnelle Internet kommt". Auch sonst hat er sein Ohr an allem, was Wachstumsmotoren so brauchen – digitale Datensicherheit, Fachkräfte.

Kauder geht schließlich zu den Themen über, die in Berlin auf der Agenda stehen: die Brennpunkte dieser Welt. Seit Neuestem gehört Amerika dazu, das heißt, sein neuer Präsident. Kauder spricht seinen Namen nur einmal aus, in einer Nebenbemerkung: "Vom Klimawandel hält er ja nicht so viel, der Trump." Vom freien Welthandel allerdings auch nicht – das kann für Exportweltmeister Deutschland gefährlich werden, allerdings auch für die USA selbst: "Das muss man dem noch erklären."

An dieser Stelle kommen die ersten Pfeile gegen die SPD, doch sie betreffen ausschließlich Stilfragen. Während die Kanzlerin gelassen und sachgerecht auf den Provokateur reagiere, hätten SPD-Politiker, allen voran der Außenminister und der Bundespräsident, das demokratisch gewählte amerikanische Staatsoberhaupt "zur Sau gemacht". Den "Gesprächsfaden offen halten", diese Devise gelte auch für Provokateur Erdogan. Die Türkei entwickle sich zu einer Diktatur, dennoch will Kauder die Beitrittsverhandlungen mit der EU – hier brandet in falscher Erwartung bereits Beifall auf – nicht einfrieren. "Ich rate, der Türkei ein Angebot zu machen über die Beitrittskapitel Religionsfreiheit, Menschenwürde und Rechtsstaat." Erdogan sozusagen auf dem falschen Fuß zu erwischen. Und: Trotz eklatanter Christenverfolgung "müssen wir natürlich auch mit den Saudis sprechen." Der Orient sei ein Pulverfass, "wenn es explodiert, gibt es nicht nur Flüchtlingsbewegungen, sondern Krieg".

Kauder streift natürlich auch das Sorgenkind Europa, sieht Polen und Ungarn den demokratischen Pfad verlassen, doch mit dem neuen französischen Präsidenten Macron auch einen Silberstreif am Horizont. Mit Frankreich wolle man ein Institut für künstliche Intelligenz schaffen, ein Zukunftsprojekt für Europa. Grundkenntnisse des Programmierens müssten bereits in den Schulen vermittelt werden.

Und damit kommt Kauder doch noch zur Innenpolitik, die er in wenigen Zügen streift: Abschaffung des Solidaritätszuschlags in Stufen, 25 Euro mehr Kindergeld pro Kind und Monat, Häuslezuschuss für Familien, kein Verbot des Verbrennungsmotors.

In der anschließenden Fragerunde kommt das Thema Flüchtlinge noch einmal aufs Tablett. Kauder bleibt souverän und auf Merkel-Linie. "Es stimmt einfach nicht, dass wir sie eingeladen haben", sagt er. Und: Das "C" im Parteinamen sei auch Verpflichtung, "wir machen Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes". Der Sorge, das christliche Abendland sei mit muslimischen Zuwanderern in Gefahr, entgegnet der bekennende Protestant: "Das christliche Abendland ist nicht durch Muslime in Gefahr, sondern durch die rasende Geschwindigkeit, in der es sich selbst entchristianisiert."

Das Publikum applaudiert. "Wir könnten Ihnen noch länger zuhören", sagt Sylvia Zwisler, die den Abend moderiert hat. Doch draußen wartet schon die Limousine inklusive Begleitschutz.

Zur Person

Volker Kauder ist seit 2005 Vorsitzender CDU/CSU-Bundestagsfraktion und der am längsten amtierende in der Geschichte der Fraktion. Von Januar bis Dezember 2005 war er Generalsekretär. Parteikollege Georg Brunnhuber sagte über ihn: "Der Kauder ist der katholischste Protestant, den ich kenne. Wenn's ums C geht, wird der zur Dampfwalze." Der 68-Jährige wuchs in Singen auf und studierte Jura in Freiburg. Bereits als 17-Jähriger engagierte er sich bei der Jungen Union im Landkreis Konstanz. Kauder vertritt den Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen im Bundestag. Er ist mit einer Ärztin verheiratet. (baf)

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