Bei der Sipplinger Bürgermiliz endet eine Ära

Major Gerold Beirer tritt nach 25 Jahren als Chef zurück.

Sipplingen – Seit mittlerweile über 160 Jahren tragen die kirchlichen und weltlichen Feste und Feiern in Sipplingen durch die Mitwirkung der 1849 gegründeten Bürgermiliz ein besonderes örtliches Gepräge. Unvorstellbar, dass die morgige Fronleichnamsprozession oder das Kirchenpatrozinium St. Martin im November ohne die Bürgerwehr stattfindet. Kaum einer ist mit ihr so verbunden wie Gerold Beirer, seit 25 Jahren ihr Kommandant. Heute Abend, gegen 22 Uhr, wird er im Rahmen des großen Zapfenstreiches auf dem Rathausplatz im Fackelschein das Kommando an Adrian Staiger, Vorsitzender der Musikkapelle, abgeben.

„Es war schon etwas Besonderes, dieses Amt auszuführen und die Gemeinde Sipplingen letztlich zu repräsentieren“, blickte Beirer gestern im Gespräch mit dem SÜDKURIER zurück. Wenn auch damit stets viel Arbeit verbunden gewesen sei, habe ihm das Wirken in der Bürgermiliz stets viel Spaß gemacht. „Es war wirklich eine Bereicherung meines Lebens. Ohne dieses Amt als Kommandant wäre ich niemals mit Größen aus Politik, Wirtschaft und Adel zusammengetroffen“, sagte der 70-Jährige, der aus eigenem Willen als Kommandant aufhört. Nicht etwa aus Frustration oder aus Ärger mit Jemanden, sondern weil ihm das Wohl und die Zukunft der Miliz am Herzen liege. Natürlich sei jetzt etwas Wehmut dabei, „aber man darf nicht an etwas kleben“.

Es war im Jahre 1967, als er von der Bundeswehr zurückkehrte und sein Vater Ignaz ihn bat, in Feuerwehr und Bürgermiliz einzutreten. Schon als Kind war er von der Fronleichnamsprozession und dem Legen des Blumenteppichs – seit 88 Jahren Tradition in Sipplingen – begeistert. „Ich habe das sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen“, sagte Beirer, der an der Feier zum Fronleichnam noch nie gefehlt habe. Beirer: „Es ist für mich das schönste Fest hier in Sipplingen.“ Ganz begeistert war er, als er als kleiner Junge die Pulverkiste für das Salutschießen der Mannschaft mit den alten Vorderladern ins Rathaus habe bringen dürfen. „Heute unvorstellbar“, sagte Beirer in Bezug auf die verschärften Bestimmungen mit Schießpulver.

Dass er eines Tages zum Hauptmann gewählt werden würde, was im Februar 1991 geschah, hätte er sich nie in seinem Leben erträumt. Normalerweise müsse man sich „hochdienen“. Er aber sei als Unteroffizier zu diesem Amt gekommen wie „die Jungfrau zum Kind“. Beirer erinnerte in dem Zusammenhang an seinen Vorgänger Robert Regenscheit, der im Januar 1991 im Alter von 73 Jahren verstorben war und sein Amt nicht übergeben hatte können. Er, Beirer, habe sich nach der Anfrage eine kurze Bedenkzeit erbeten, wohlwissend, dass man sich große Schuhe anziehen müsse, wenn man über 100 Personen vorstehen wolle. Die ältesten Mitglieder der Bürgermiliz hätten ihm geraten, dass man solch ein Amt nicht ausschlage, wenn man dafür vorgeschlagen werde. Und das habe er letztlich befolgt. „Ich denke noch heute mit Herzklopfen an meinen ersten Großen Zapfenstreich als Kommandant. Aber es hat funktioniert“, so Beirer.

Was der scheidende Kommandant bedauert ist das Problem des mangelnden Nachwuchses. „Sipplingen ohne die Bürgermiliz kann ich mir nicht vorstellen", so der Major. ,,Immer wieder" sei ihm von anderen Kommandanten bestätigt worden, dass Sipplingen, die kleinste Gemeinde im Landesverband der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessens, stolz darauf sein könne, über eine Bürgermiliz zu verfügen. „Wir müssen die Bürgermiliz begreifbar für den Bürger machen“, unterstrich Beirer. Er ist überzeugt, dass mit Adrian Staiger der richtige Mann als Nachfolger gefunden ist, nicht nur, was das Gewinnen von Nachwuchs anbelange. "Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Glut", der Ansatz sei schon da, sagte Beirer.

,,Ich blicke mit Stolz zurück; zusammen haben wir viel erreicht. Wir wollen auch in Zukunft Tradition pflegen und die Gemeinde nach außen hin vertreten. Unsere Bürgermiliz ist das Aushängeschild der Gemeinde Sipplingen“, resümierte Beirer. Für ihn sei eine Ehre, weiter der Bürgermiliz anzugehören, „solange es gesundheitlich möglich ist."

Zur Person

Gerold Beirer ist 70 Jahre alt und wohnt in Sipplingen. Er trat 1968 in die Mannschaft der Bürgermiliz ein und wurde 1975 zum Unteroffizier befördert. In der Hauptversammlung am 22. Februar 1991 wurde er zum Hauptmann und Kommandant gewählt, 2008 zum Major befördert. Von 2002 bis 2013 war Beirer stellvertretender Landeskommandant der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessen. Beirer ist gelernter Maurer, war nach einer Umschulung jahrelang im Schichtdienst als Werkschutzfachkraft bei der Überlinger Firma Diehl tätig. Er ist Mitglied in der Alterswehr der Feuerwehr und in der Kolpingsfamilie Sipplingen und ist Kanonier des Bürgerlichen Artilleriecorps Überlingen. In seiner Freizeit betätigt er sich als Fotograf, Filmer und Laienschauspieler. Beirer hat eine Tochter und eine zweijährige Enkeltochter. Heute Abend erhält Beirer die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg. (hk)

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