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Salem Xavier Naidoo in Schloss Salem: (K)ein Konzert wie jedes andere

Die Söhne Mannheims sind beim Salem Open Air zu erleben. Die Polizei spricht von "erhöhter Sicherheitslage" und Veranstalter Allgäu Concerts nennt das "Quatsch". Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung warnt indes: "Er gibt durch seine Songs verschwörungsideologischen Weltbildern Aufwind."

Seit 2005 ist der barocke Salemer Schlossgarten Garant für gut organisierte Konzerte, für Open Airs, die so ziemlich jeden Musikgeschmack bedienen. Meist unterhaltend, manchmal mit Botschaft, doch noch nie stand oben einer vor 4000 Zuhörern wie Xavier Naidoo, von dem die Amadeu Antonio Stiftung behaupten darf, "dass bestimmte Textstellen von ihm als antisemitisch interpretiert werden können". Der sich dem Vorwurf der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit ausgesetzt sieht und der als Anhänger diverser Verschwörungstheorien und der Reichsbürgerbewegung nahe stehend für Schlagzeilen sorgt.

Zuletzt im Mai durch den Song "Marionetten", gemeinsam mit den Söhnen Mannheims, mit denen er auch heute Abend in Schloss Salem auftritt. Die Interpretation, ob der Song rechtspopulistische Verschwörungstheorien bedient, wie Kritiker sagen, oder ob er nur der "poetische Ausrutscher eines Songschreibers" ist, der sich aus einer "wütenden aggressiven Grundlaune heraus auf dem Papier vergaloppiert hat", wie sein Kollege Heinz Rudolf Kunze vor zu viel Aufregung warnt, diese Einschätzung will Hausherr Michael Hörrmann dem Publikum selbst überlassen. "Jeder geht mit einem Vorwissen an das Lied ran und ist gehalten, als Erwachsener sich eine eigene Meinung zu bilden", sagt der Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg (SSG).

"Xavier Naidoos Aussagen, jeder Staat sei sein Feind außer dem Ameisenstaat und auch sein positiver Bezug zu Oliver Janich (Journalist, Klimaskeptiker und Verschwörungstheoretiker, Anm. d. Red.), lässt schon vermuten, dass er im Bereich des rechtslibertären Verschwörungsklüngels einzuordnen ist", sagt Jan Rathje von der Berliner "Amadeu Antonio Stiftung". Der Mitarbeiter der Stiftung, die sich die Stärkung der Zivilgesellschaft gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus zur Aufgabe gemacht hat und mit Naidoo schon vor Gericht stand, meint: "Xavier Naidoo gibt Behauptungen von sich, die im rechtspopulistischen Sinne ausgelegt werden können: Deutschland sei nicht souverän, Deutschland sei fremdgesteuert von irgendwelchen fremden Mächten."

Das Schloss gehört dem Staat – ist es für Michael Hörrmann ein Thema, hier einen Sänger auftreten zu lassen, der die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als souveränem Staat in Frage stellt? "Das ist für mich ein kleines Thema", sagt Hörrmann. "Wir sind der Vermieter und es kommt ein künstlerischer Akt mit seiner Aussage – die kann problematisch sein oder unproblematisch. Mit Blick auf heute Abend sagt der SSG-Chef: "Wenn die Leute ihn auspfeifen, à la bonne heure, wenn sie ihn beklatschen, auch gut, aber wir werden nicht den Oberzensor spielen." Ihm sei wichtig, dass nach der Veröffentlichung von "Marionetten" seit Wochen über das Lied, Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims diskutiert werde. "Jeder geht jetzt mit einem Vorwissen an das Lied ran und ist gehalten, als Erwachsener sich eine eigene Meinung zu bilden."

Xavier Naidoo sei kein Reichsbürger, ordnet Jan Rathje ein, aber er habe auch kein Problem damit, "vor diesen Leuten aufzutreten im Namen der Liebe". Und der Mannheimer bedient die Reichsbürger. "Xavier Naidoo vermischt Verschwörungsideologien und bestimmte Argumente aus dem reichsideologischen Spektrum, aber auch Statements, die schon im Bereich des Rechtsextremismus geäußert worden sind, wie etwa die vom fehlenden Friedensvertrag, die der rechtsextreme Manfred Roeder bereits in den 1970-ern verbreitete", beschreibt Rathje.

Insgesamt sind dem Landratsamt in Friedrichshafen rund 80 im Bodenseekreis ansässige Personen bekannt, die den "Reichsbürgern und Selbstverwaltern" zugeordnet werden können. Ob das Konzert heute Abend eine entsprechende Klientel anlockt, darüber herrschen geteilte Meinungen. Für die Polizeidirektion Konstanz ist es kein Konzert wie jedes andere, erläutert Pressesprecher Fritz Bezikofer. "Wir sehen eine erhöhte Sicherheitslage. Es hat ja bei früheren Veranstaltungen mit Xavier Naidoo immer wieder Probleme gegeben, körperliche Auseinandersetzungen, verschiedene Sachen." Deshalb sei die Polizei "schon stärker sensibilisiert". Und Bezikofer weiter: "Es sind ja auch die Texte, die es zu bewerten gilt, und da wir eben auch wissen, dass es in der Vergangenheit Probleme gab, reagiert man mit mehr und speziellen Kräften."

"Probleme" bei Konzerten der Söhne Mannheims? Michaela Bernhard, Geschäftsführerin von Allgäu Concerts ist ziemlich verwundert. Erhöhte Sicherheitslage? "So einen Quatsch habe ich noch nie gehört, wir haben mit den Söhnen Mannheims schon sehr oft Veranstaltungen gemacht und da gab es noch nie irgendwelche Probleme und damit rechnen wir auch auf Schloss Salem nicht." Heute Abend, das sei für sie als Veranstalter ein Konzert wie jedes andere auch. "Wir hatten noch nie in der Vergangenheit irgendwelche Probleme mit irgendwelchen Gruppierungen, das waren immer total nette Leute und das wird auch dieses Jahr wieder so sein", sagt Bernhard. Für sie sind Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims Künstler wie alle anderen auch, die sie im Angebot hat.

"Aufwind für verschwörungsideologische Weltbilder"

  • Einschätzung: Wie schätzt Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung es ein, wenn Xavier Naidoo wie heute Abend vor 4000 Menschen auftritt, für die er teils auch eine Identifikationsperson ist. Macht der Sänger dann Propaganda für die Reichsbürgerbewegung? "Er gibt durch seine Songs verschwörungsideologischen Weltbildern Aufwind", sagt Rathje, "von dort aus ist es aber immer noch ein weiterer Schritt, um in dieses Milieu hinein zu kommen." Und: "In seinen Songs finden sich Textstellen, die als antisemitische Propaganda von einer Weltverschwörung gegen die Deutschen interpretiert werden können." Rathje sieht schon, dass der Sänger bei seinen Auftritten jungen Leuten ein solches Weltbild nahelege und sagt: "Dem sollte auch entgegengewirkt werden."
  • Verschwörungstheoretiker Janich: Wenn Rathje auf die Nähe Naidoos zu Oliver Janich verweist als Indikator für eine bestimmte Richtung, bezieht sich das unter anderem auf Naidoos Lesetipp zum Janich-Buch "Die Vereinigten Staaten von Europa – Geheimpläne enthüllen die dunklen Pläne der Elite". Naidoo: "Lest mal nach, so seh' ich's auch." Janich vertritt die Überzeugung, dass eine Herrscherklasse die "Vereinigten Staaten von Europa" anstrebe, um einen zentral regierten Weltstaat zu erschaffen. Diese Herrscherklasse betreibe "eine gigantische Gehirnwäsche, damit das Gros der Menschen nicht wahrnimmt, dass sie nur als Sklaven für die wahren Herrscher dieser Welt arbeiten".
  • Die Amadeu Antonio Stiftung wurde 1998 gegründet von Anetta Kahane, bis heute Vorstand, und nach Amadeu Antonio Kiowa benannt, dem ersten Todesopfer rechtsextremer Gewalt nach der Wiedervereinigung. Stifter war der Unternehmer Karl Konrad Wilhelm Alexander Graf von der Groeben-Ponarien (geboren 1918 in Königsberg, gestorben 2005 in Baden-Baden). Die Stiftung will die Zivilgesellschaft stärken gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus. Sitz ist in Heidelberg und Berlin. Schirmherr ist Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident. Im Jahr 2015 erwirkte Xavier Naidoo eine Einstweilige Verfügung gegen die Stiftung auf Unterlassung mehrerer Äußerungen und klagte dann gegen sie. Am Ende stand ein Vergleich, seither behauptet die Stiftung unter anderem nicht mehr, bestimmte Textstellen seien antisemitisch, sondern nur noch, dass sie so interpretiert werden können. (mba)

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