Die Krise ist anderswo. In Baden-Württemberg wird noch kräftig gekauft. Finanzminister Willi Stächele im Glück: Seine Beamten ersteigerten gerade in Paris zwei Wand-Konsoltischchen, die dereinst die Beletage des Barock-Schlosses Bruchsal zierten. Auf verwinkelten Wegen gelangten die reich geschnitzten Ablagen ins Heim des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint-Laurent. Nun tauchten sie bei Christie's auf, wo der Nachlass von YSL versteigert wurde. Mit 91000 Euro liegt der Preis unter dem Schätzpreis von 100000 bis 500000 Euro. Man habe "bedeutsame Ausstellungsstücke zu einem kunsthistorischen Schnäppchenpreis erworben", jubelte Stächele.
Kein Schnäppchen
Beim "Deal" mit dem Haus Baden wird der Bund der Steuerzahler "Schnäppchen" kaum entdecken. Nach Monaten der Vertragsverhandlungen ist der Kauf der Schlossanlage Salem durch das Land nahezu perfekt. Fast 60 Millionen Euro werden an das Haus Baden überwiesen: Für Gebäude, Kunst und Kulturgüter. In den kommenden 25 Jahren soll der Steuerzahler zudem 47 Millionen in Salem investieren - im Durchschnitt jedes Jahr zwei Millionen. Das unterscheidet sich kaum von Investitionen in Ludwigsburg, Heidelberg oder Schwetzingen. Nur: Es passt für viele nicht in die Zeit, dem Adelshaus Baden solche Summen zu überweisen, während andere Privatfirmen Insolvenz anmelden müssen, weil die Banken keine Kredite mehr geben. "In finanziell schwierigen Zeiten, wo alles teurer wird, ist es schwierig zu vermitteln, dass wir mal eben 60 Millionen für das Haus Baden geben", sagte FDP-Fraktionschef Ulrich Noll an Weihnachten. Nun trägt er es mit. Das Kabinett von Günther Oettinger (CDU) und die Regierungsfraktionen CDU und FDP gaben ihr Ja zu einem Vertragsentwurf, der, so der Plan, am 19. März 2009 beim Notar unterzeichnet werden soll.
Monatelang durchliefen Scharen von Architekten und Kunsthistorikern die frostkalten Gemäuer. Jedes Bild, jeder Wandbehang, jeder Leuchter wurde inventarisiert, geschätzt und auf Besitz und Eigentum geprüft, was ein kleiner, aber erheblicher Unterschied im Streit um die badischen Kulturgüter ist. Anders als das Haus Württemberg, beließ es das Haus Baden seit Beginn des 20. Jahrhunderts bei einem rechtlich diffusen Zustand (siehe Text rechts). In den Museen und Bibliotheken des Landes hingen und standen Kunst- und Kulturgüter, die, wie die so genannten Tulpenbücher oder die Wessenberg'sche Gemäldesammlung in Konstanz, eindeutig dem Haus Baden gehörten.
Im Zuge der Verhandlungen kam, gestützt auf vorhandene Expertisen, mehr Licht ins Dunkel. Experten von der Kulturstiftung der Länder rieten, badische Kulturgüter für 17 Millionen Euro zu kaufen. Dabei nahm man längst nicht alles. Mal wollte das Haus Baden sein Klosterarchiv, den alten Thronsessel oder die Abtskrümme nicht veräußern, mal lehnte das Land wie bei der Jüncke'schen Sammlung dankend ab, weil deren historischer Wert den ministeriellen Fachleuten schon sehr übersichtlich schien.
Die "Einschränkung der freien Beweglichkeit" der rund 200 Gegenstände musste ebenso geprüft werden wie deren Eintrag in der Denkmalschutzliste. Man sprach über Preise, über Abschläge und Rabatte, weil etwa ein Beichtstuhl oder ein Kruzifix aus dem Salemer Münster zwar verkauft werden kann, seinen angestammten Platz aber wohl nie verlassen wird. Ein bisschen Bazar also. Aber es gab auch Gegenstände, die nicht eindeutig zuzuordnen, also juristisch "strittig" waren. Streitwert: rund 300 Millionen Euro. Als Oettinger einen ersten Vergleich anstrebte, scheiterte er kläglich. Die internationalen Hüter der Bibliophilie schlugen Alarm, als historische Bücher und Handschriften in der Verhandlungsmasse aufgehen sollten. Und Oettinger haftete der Ruf des geschichtslosen Managers an.
Das wurmte den Christdemokraten. War er doch der einzige, der dieses heiße Eisen anpackte, während die Filbingers, Späths und Teufels die Causa Baden immer aufs Neue in der untersten Schublade abgeladen hatten. Auch wenn der schwäbische Premier das frühere Zisterzienserkloster schon mal als "alten Kasten" tituliert, mit dem man kein Geld verdienen könne, wird er ins Geschichtsbuch eingehen als Ministerpräsident, der Rechtsfrieden herstellte mit dem Haus Baden. Zwar wird es keinen formellen "Klageverzicht" geben, aber doch eine Art "Generalbereinigung": Das Haus Baden übergibt Kunst und Kultur offiziell ans Land. 15 Millionen Euro zahlt das Land im Gegenzug. "Angemessen" sei das, meint Wissenschaftsminister Peter Frankenberg. Die Summe könne man "guten Gewissens" zahlen, um "reinen Tisch zu machen".
Das Land wird sich nicht verschulden müssen für die Salemer Immobilie samt "Aufbauten und Zubehör", die ab diesem Sommer durch die Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg "bespielt" werden soll. Finanzminister Stächele gibt bereits den selbstbewussten Schlossherrn: "Vom Tag der Vertragsunterzeichnung an, muss spürbar sein, dass der Wind des Landes weht." Im Sommer ist ein großes Landesfest geplant. Dann allerdings könnte doch Manches beim Alten bleiben: Weinproben im Herbst, Weihnachtsmarkt im Advent.
Immerhin möbliert
Die markgräfliche Familie muss - theoretisch - für "private" Veranstaltungen auf dem Areal Raummiete zahlen, "wenn es nicht karitativ ist", so heißt es aus der ministeriellen Fachabteilung. Es scheint nur eine vertragliche Fußnote, aber für die politische Opposition bleibt es der zentrale Kritikpunkt: Das Adelshaus mit Oberhaupt Max an der Spitze residiert weiter in der Schlossanlage, genauer: in der Prälatur. Den "Prinz zum Anfassen", wie Oettinger einmal flapsig formulierte, wird es zwar nicht geben. Der Generalbevollmächtigte und Baden-Manager Bernhard wohnt mit Familie längst im früheren Forsthaus abseits. Aber das Haus Baden bleibt doch deutlich präsent. "Wir wären dumm, die Familie nicht als Ratgeber zu nutzen", verteidigt Finanz-Staatssekretär Gundolf Fleischer die öffentlich-private Lösung.
So scheinen für den Moment alle zufrieden, das Haus Baden, das Land, die Region sowieso. Immerhin: Die Immobilie wird möbliert gekauft. Nachträgliche Ersteigerungen allfälliger Konsolentische stehen so nicht an.
Ich würde den Ministerpräsidenten zum Ritter schlagen. mehr ...