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Bodenseekreis Kind auf Privatschule oft wichtiger als Urlaub

14.10.2009


Immer mehr Eltern investieren viel Geld in die Bildung ihrer Kinder und schicken sie auf Privatschulen in der Region. Einige Eltern gehen dabei an ihre finanziellen Grenzen - und verzichten gar auf ihren Urlaub.

Sonnengebräunt lächeln Karina Günther, ihr Mann und die beiden Töchter Kim und Lia in die Kamera. Es hatte ihnen gut gefallen in Tunesien vor einem Jahr. Doch diesen Sommer blieb die Familie in den Ferien zu Hause: Lia (6) kam im September in die erste Klasse der Swiss International School (SIS), eine neu eröffnete Privatschule in Friedrichshafen, die die Günthers künftig 3000 Euro im Jahr kosten wird. „Eine gute Bildung für die Kinder ist uns wichtiger als Urlaub“, sagt Karina Günther (43).

Sie und ihr Mann zählen zu einer immer größer werdenden Gruppe von Eltern, die sich die Bildung ihrer Kinder etwas kosten lassen. Als die erste Pisa-Studie vor acht Jahren deutsche Eltern schockierte, begannen Privatschulen nur so aus dem Boden zu schießen. Einer Umfrage des Magazins „Spiegel“ zufolge würden vier Fünftel der Befragten Geld für die Schule bezahlen, wenn ihr Kind dadurch bessere Lehrer und besseren Unterricht bekäme. Viele Eltern misstrauen staatlichen Schulen und suchen ihr Glück bei den Privaten, deren Gebühren oft hoch sind. Neben konfessionell geführten Einrichtungen und den Waldorf- und Montessori-Schulen drängen vor allem solche an den Markt, die mit Bildung Geld verdienen wollen.

Keine Großverdiener
Die Günthers sind keineswegs Großverdiener: Das Brutto-Familieneinkommen liegt knapp unter 40 000 Euro. Karina Günther jobbt für 400 Euro im Monat in einer Kantine einer großen Firma, ihr Mann ist Kraftfahrer. Sie bekommen 30 Prozent Ermäßigung auf die Schulgebühren, denn sie müssen auch ihre Doppelhaushälfte abbezahlen. Lia ist ein wildes Kind, das sich nur schwer in einen festen Ablauf einbinden lässt. In ihre Klasse gehen zehn Kinder. 30 Schüler und drei Kindergartenkinder hat die SIS insgesamt – eine Insel der Seligen, die sich dort in wenigen Räumen im dritten Stock des Gebäudes eingerichtet hat. Karina Günther ist begeistert von den kleinen Klassen und der frühen Sprachförderung.

Die SIS wirbt damit, dass bereits ab der ersten Klasse 14 der 30 Wochenstunden auf Englisch unterrichtet werden. Fünf der elf Lehrer sind so genannte Native Speaker, die Englisch als Muttersprache haben. „Natürlich können wir bei solch kleinen Klassen ganz besonders intensiv auf die Kinder eingehen“, sagt Schulleiterin Gertrud Schilcher-Fuhrig. So wie auf den elfjährigen Leon. Er wechselte zur SIS von einem staatlichen Gymnasium, wo er über Wochen keine Hausaufgaben erledigt hatte, ohne dass die Mutter davon erfuhr. Kein Lehrer, berichten die Eltern, hätte so richtig Zeit für den Jungen gehabt – kein Wunder in einer Klasse mit 27 Kindern. Leons Eltern zahlen 400 Euro jeden Monat für die neue Schule. Die Mutter hat einen 400-Euro-Job, der Vater ist Arbeiter. Bis 16 Uhr ist Leon in der Schule und meist hat er die Hausaufgaben fertig, wenn er heimkommt.

Nicht weit entfernt, im Hinterland von Überlingen, liegt eine Privatschule mit ganz anderer Tradition und dem Ruf, eine Eliteschmiede und Schule der Reichen zu sein: Die Schule Schloss Salem. Zehn bis 15 Prozent der Schüler kommen hier aus Familien, die das jährliche Schulgeld von rund 30 000 Euro für einen Platz im Internat ohne Probleme zahlen können. „Manche finden die Schule so gut, dass sie sogar 1000 Euro mehr pro Monat überweisen. Das kommt wiederum anderen Schülern zugute, deren Eltern nicht so gut betucht sind“, sagt Michael Meister, seit zwölf Jahren Latein- und Griechischlehrer an der Schule. Der 45-Jährige wundert sich immer wieder, was Eltern finanziell auf sich nehmen, um ihren Kindern das Salemer Internat zu ermöglichen: „Einige gehen wirklich an die Substanz.“

Auch Eltern, deren Kinder ein Stipendium bekommen, müssen einen Eigenanteil am Schulgeld übernehmen. Wieviel ihre Eltern jeden Monat zahlen, weiß Sophie aus Rosenheim nicht. Ihre Mutter arbeitet bei der Nachbarschaftshilfe, ihr Vater bei der Kriminalpolizei. Als sie in die fünfte Klasse kam, erzählte ihr Opa ihr von der Schule Schloss Salem. Sophie bewarb sich, wurde für ein Wochenende eingeladen und ausgesucht für ein Stipendium. „Das erste Jahr war hart“, sagt sie heute rückblickend. „Da hatte ich oft Heimweh.“ Doch längst genießt die 15-Jährige das Leben auf dem Campus zwischen den altehrwürdigen Mauern des Schlosses. Alte Holztreppen führen in den Mädchentrakt: Neben dem Tischkicker öffnet sich eine Teeküche und ein Aufenthaltsraum mit Fernseher. Vom Flur zweigen die Zimmer der Schülerinnen ab. Sophie wohnt mit zwei Freundinnen zusammen. Sie schläft im Stockbett unten, jedes Mädchen hat einen Schreibtisch und in einer Nische mit großem Spiegel einen Schrank. „Mir gefällt die Gemeinschaft hier und dass wir immer zusammen sind“, sagt sie.

Jeder Tag hat eine feste Struktur. Dazu gehören der Morgenlauf im Schlosshof, die Versammlung aller Schüler vor dem Unterricht sowie die Aktivitäten und Dienste am Nachmittag. Nach dem Unterricht hat sich Sophie dieses Schuljahr für Hockey, Badminton, Kunsthandwerk und Stepaerobic entschieden. Außerdem macht sie das Bodenseeschifferpatent. Gegen Abend erledigt sie die Hausaufgaben. Wenn sie Fragen hat, kann sie sich jederzeit an ihre Mentorin wenden. Ab der neunten Klasse muss jeder Schüler einen Dienst belegen: Das kann etwas Soziales sein, wie Besuche im Altenheim, oder eine Ausbildung zum Rettungshelfer oder das Anlegen eines Biotopes. Den großen Unterschied zu einer staatlichen Schule sieht der Salemer Lehrer Michael Meister in diesem Engagement. Auch die Lehrer arbeiten fast alle irgendwo mit – als Mentor oder Leiter einer Arbeitsgemeinschaft. Er selbst hat zwölf Jahre mit seiner Frau und den drei Kindern auf dem Campus gewohnt und ist erst vor kurzem in einen Ort in der Nähe gezogen.

Vorgezogenes Erbe
Auch den van Houtens geht Bildung für ihre drei Kinder über alles: Beide sind Ärzte und haben das Schulgeld aufgebracht, indem sie das Erbe ihrer drei Kinder vorgezogen haben. Als Holländer, die in der Schweiz lebten, ehe sie nach Überlingen kamen, sind ihnen Sprachen immer wichtig gewesen. Die Schule Schloss Salem bietet ab der 8. Klasse einen zweisprachigen Zweig an, in der Englisch die Hauptunterrichtssprache ist. Auch die kleinen Klassen, es sind im Schnitt 16 bis 17 Schüler, haben Martine van Houten gefallen. An einer staatlichen Schule liegt der Klassenteiler bei 32.

Sie arbeitet als Schulärztin an der Waldorfschule in Überlingen: Ihre drei Kinder, die 18, 21 und 24 Jahre alt sind, besuchten die Waldorfschule, die Söhne wechselten später nach Salem: „Wir haben immer eine Schule gesucht, die einen großen Ausgleich zwischen künstlerischer, kognitiver und seelischer Entfaltung bietet.“ Für sie kam eine staatliche Schule deshalb nie in Frage. „Wir investieren in das Jetzt“, sagt sie. Ähnlich formuliert es Leons Vater: „Mein Sohn erbt keine Wohnung, doch vielleicht kann er sich durch seine gute Bildung später ein Haus kaufen.“

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