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Ravensburg Oberstaatsanwalt: „Wohlstand führt nicht automatisch zu geringerer Kriminalität“

Alexander Boger ist seit neun Monaten Leitender Oberstaatsanwalt in Ravensburg. Er spricht über spektakuläre Fälle, seinen Berufsalltag und das Thema Flüchtlinge. 

Herr Boger, zunächst die aktuelle Frage: Gab es viel Arbeit für die Staatsanwaltschaft über die Feiertage?

Unser Bezirk ist sehr groß und über die Feiertage gab es unter anderem Verkehrstote, Brände und Gewaltdelikte. Im Vergleich zu München, wo es an Silvester eine konkrete Terrorwarnung gab, hatten wir jedoch ruhige Feiertage.

Psychologen kennen das Gewaltpotenzial familiärer Konflikte, die in den eigentlich friedlichen Tagen hervorbrechen. Hatten Sie auch solche Fälle in den zurückliegenden Tagen?

Ja, am ersten Weihnachtsfeiertag hat ein Mann seine Frau in der Gegend von Biberach mit einem Messer verletzt. Häufig ist es in solchen Fällen allerdings so, dass Familien gar nicht wollen, dass solche Taten strafrechtlich aufgearbeitet und geahndet werden und die Frauen auch keine Angaben machen wollen.

Nun sind Sie seit April 2015 als Leiter der Staatsanwaltschaft Ravensburg im Amt. Können Sie zwei Fälle aus dieser Zeit nennen, die besonders spektakulär oder berührend waren?

Spektakulär war der Überfall am 15. April 2015 auf ein Juweliergeschäft hier in Ravensburg. Am helllichten Tag stürmten vier Männer in das Geschäft, setzten die Mitarbeiter mit Tränengas außer Gefecht, zertrümmerten Vitrinen mit Hammer und Axt und entwendeten Uhren im Wert von mindestens 70 000 Euro. Wir gehen von einer hochprofessionellen Bande aus Osteuropa aus. Die Ermittlungen der Polizei sind sehr aufwendig.

Für mich bewegend war ein Todesermittlungsverfahren, weil ein 15-jähriges an Magersucht erkranktes Mädchen wenige Tage vor Therapieantritt in der elterlichen Wohnung plötzlich verstorben ist. Zwar gab es kein Verschulden Dritter, aber so etwas macht einen persönlich betroffen.

Wie kommen solche Fälle auf Ihren Schreibtisch?

Ich bearbeite persönlich sämtliche Todesermittlungsverfahren in unserem Bezirk. Wenn der Arzt also bei der Leichenschau keine natürliche Todesursache bescheinigt, muss das Verfahren klären, ob ein Verschulden Dritter in Frage kommt. Häufig handelt es sich um Suizide.

Und wo tut sich die Strafverfolgung besonders schwer?

Im Bereich Internet und EDV haben Polizei und Staatsanwaltschaft zunehmend mit riesigen Datenmengen zu arbeiten. Da ist die Auswertung zum Beispiel wegen des Verdachts des Besitzes kinderpornografischer Bilder äußerst komplex. Schwierigkeiten können auch Ermittlungen im Ausland bereiten. Bei schweren Delikten ist die Zusammenarbeit in der EU mittlerweile ganz gut. Aber wenn es um Alltagskriminalität geht, sind Rechtshilfeersuchen meist langwierig und aufwendig.

Die Region zwischen Biberach und Bodensee zählt zu den wohlhabendsten in ganz Deutschland. Man könnte annehmen, es gibt also auch weniger Gründe straffällig zu werden?

Wohlstand verhindert nur einzelne Delikte, führt jedoch nicht automatisch zu einer geringeren Kriminalitätsbelastung. Delikte wie Anlagebetrug setzen sogar einen gewissen Wohlstand voraus.

Wie viele Ermittlungsverfahren gibt es derzeit gegen Flüchtlinge in Ihrem Bezirk? Da ist gelegentlich zu hören, solche Fälle würden bewusst der Öffentlichkeit vorenthalten?

Natürlich begehen auch Flüchtlinge Straftaten. Aber wir können nicht feststellen, dass diese überproportional straffällig wurden. Und Delikte von Flüchtlingen werden der Öffentlichkeit auch nicht vorenthalten. Wir bemühen uns um Transparenz.

Ihre Behörde ermittelt derzeit gegen den Oberbürgermeister der Stadt Weingarten, Markus Ewald, im Zusammenhang mit dem Finanzdebakel am Städtischen Krankenhaus „14 Nothelfer“. Wie weit sind Sie mit den Ermittlungen? Im Juli ist OB-Wahl. Sollte die juristische Hängepartie nicht bis dahin beendet sein?

Ich kann nicht vorhersagen, wie lange die Ermittlungen noch dauern. Derzeit schauen wir uns die Führung der Sonderkasse genauer an, mit der die Stadt Weingarten das Krankenhaus finanziert hat. Ein bevorstehender Wahlkampf kann und darf unsere Arbeit nicht beeinflussen. Und es ist offen, ob unsere Ermittlungen zu einer Anklage führen oder eingestellt werden. So lange gilt die Unschuldsvermutung.


Zur Person

Alexander Boger, neuer Leitender Oberstaatsanwalt, bezeichnete Landesjustizminister Rainer Stickelberger bei der Amtseinsetzung im Juli 2015 als „Idealbesetzung“. Der 1969 in Ravensburg geborene Boger hat vielen Juristen etwas voraus: seit 1995 im württembergischen Justizdienst, war er nach Stationen am Amtsgericht Tettnang, im Justizministerium in Stuttgart und am Ravensburger Landgericht acht Jahre Leiter der Justizvollzugsanstalt Hinzistobel in Ravensburg, bevor er für zwei Jahre noch die Leitung des Amtsgerichts Biberach übernahm. Das Gebiet der Staatsanwaltschaft Ravensburg umfasst die Landkreise Ravensburg, Biberach und Teile des Landkreises Sigmaringen und des Bodenseekreises mit rund 620 000 Einwohnern. (wr)

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