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Ravensburg Mordanklage: Indizien gegen Ehemann summieren sich

Mittlerweile zählt der Prozess gegen einen 46-Jährigen in Ravensburg zwölf Verhandlungstage. Jeden Morgen drängen die Zuhörer in Saal eins. Bei der Befragung der Kinder am kommenden Dienstag ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Ravensburg – Vor der Landtagswahl 2006 stellte eine Nutzerin einer Internetplattform einem regionalen Kandidaten eine Frage zum „Stellenwert“ seiner Ehefrau. Die Antwort: "Meine Frau ist der Mittelpunkt in meinem Leben und dies sollte für uns alle das Wichtigste sein." Zehn Jahre später, am 15. Juli 2016, wird der Kandidat von damals frühmorgens um 6 Uhr verhaftet. Er wird verdächtigt, seine mittlerweile von ihm getrennt lebende Ehefrau in der Nacht vom 9. auf 10. Juli getötet und die Tat als Suizid getarnt zu haben.

Monatelang sind 30 Beamte mit dem Fall beschäftigt. Umfangreiche Ermittlungen, Zeugenaussagen, kriminaltechnische Untersuchungen und Gutachten füllen Tausende von Seiten. Schließlich wird der 46-jährige Betriebswirt vor der 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ravensburg wegen Mordes angeklagt. Am 15. März formuliert Oberstaatsanwalt Franz Josef Diehl eine schier unglaubliche Geschichte: danach ist der Mann an jenem Sommersamstag mit seinen drei Kindern zu einer Wochenendfahrt ins Erlebnisbad „Galaxy“ im bayerischen Erding gestartet. Nach einem anstrengenden Badetag übernachten Vater und Kinder in dem Hotel.

Als die Kinder schlafen, soll der Angeklagte von Erding mit seinem Auto in die Heimatgemeinde am Rande des Schussentals gefahren sein. Im Schlafzimmer, so das Gutachten des renommierten Gerichtsmediziners Prof. Stefan Pollak (Freiburg), wurde die 43-jährige Frau bis zur Agonie gewürgt, dann in den Heizkeller geschleppt und in die Schlinge eines Kälberstricks gelegt. Der Mann, so die Anklage, fährt zurück ins Hotel nach Erding und gibt sich Stunden später überrascht, als er vom Tod der Ehefrau erfährt. In der Heimatgemeinde sind viele entsetzt: der Vater benutzt, oder, wie manche sagen, missbraucht die eigenen Kinder zur Vertuschung der Tat?

Mittlerweile zählt der Prozess zwölf Verhandlungstage. Jeden Morgen drängen die Zuhörer in Saal eins. Die 70 Plätze sind schnell belegt und wenn draußen auf dem Ravensburger Marienplatz die Menschen bei einem Eis oder Weizenbier sitzen, fragt man sich drinnen, was den täglichen Ansturm auslöst. Neugier und Anteilnahme sind zu hören. Wie sieht der Angeklagte, immer schwarz gekleidet, heute aus? Was sagen die Zeugen, was die Gutachter? Und wie steuert der Vorsitzende Richter Jürgen Hutterer den Mordprozess durch die aufwändige und diffizile Beweisaufnahme?

Stundenlang, tagelang geht es im einstigen Klostersaal um den elenden Tod der dreifachen Mutter, die übereinstimmend freundlich, hilfsbereit, und nach der Trennung „wie gelöst“ beschrieben wird. Es geht um die Kinder und um Familienangehörige, die ihres Lebens nicht mehr froh werden wollen, wie zu hören ist. Was mögen die beiden Schwestern des Angeklagten durchlitten haben, bis sie zu dem bitteren öffentlichen Urteil kommen, sie trauten die Tat dem Bruder zu und hielten ihn für schuldig. Der befragt gestern erneut in inquisitorischem Tonfall Schwester und Schwägerin, beispielsweise, warum seine Ehefrau an einem Julitag zum Baden an den Bodensee wollte, und dies bei 18,7 Grad. Die zwei Verteidiger schweigen.

Dabei geht es um die Schuldfrage und ein Urteil, irgendwann Ende Juni. Weil es sich um einen Indizienprozess handelt, könnten diese „Beweisanzeichen“ entscheidend sein: Die Videoaufnahmen, die zeigen, wie der Angeklagte das Hotel kurz nach Mitternacht verlässt und fast sechs Stunden später wieder betritt. Dazu zeitnah passend die Videoaufzeichnungen seines Autos aus zwei Tunnels zwischen Erding und Ravensburg. Der Gerichtsmediziner Pollak hat an drei Fingern der toten Frau DNA-Spuren des Ehemanns gesichert. Und da sind jene ominösen Faserspuren, die eine Verbindung zwischen Täter und Opfer knüpfen sollen.

Aber immer wieder ist von versteckten Aufnahmen in Auto und Schlafzimmer der Ehefrau die Rede. Gestern wird ein angeblich kompromittierendes Tonband abgespielt. Zu hören ist Wasserrauschen und Geschirrklappern. Ein in Mediation (Schlichtung) erfahrener Rechtsanwalt sprach vor Tagen von einem „Tunnel“, in dem er den Angeklagten 2016 psychisch erlebt habe und lehnt eine Mediation ab. Und die Ehefrau soll Tage vor ihrem Tod gesagt haben: „Wenn das so weitergeht, endet das wie in Untereschach“. In der Ravensburger Teilgemeinde hatte ein Mann in der Nacht zum 2. Juli 2016 seine thailändische Ehefrau und die zwei Stieftöchter erschlagen.

Am kommenden Dienstag findet die Vernehmung der drei Kinder des Angeklagten im Landgericht Ravensburg unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der 46-Jährige darf zudem keine direkten Fragen an die Kinder richten. Bei seiner Befragung der Schwester der Toten nach "einem neuen Freund", rief die Zeugin am Donnerstag empört: "Jetzt passen sie mal auf. Es geht hier darum, warum meine Schwester tot ist." Die Zuhörer applaudierten laut und anhaltend.

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