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Oberteuringen Bildungspolitik auf dem Prüfstand

Bei einer Podiumsdiskussion der GEW-Ortsverbände Friedrichshafen und Überlingen vor der Landtagswahl am Montagabend nahmen die Kandidaten Stellung zu den unterschiedlichsten Schulthemen.

Wohin geht die Bildungsreise? Unter diesem Motto stand eine Podiumsdiskussion im Vorfeld der Landtagswahl, zu der die GEW-Ortsverbände Friedrichshafen und Überlingen am Montagabend in die „Post“ in Oberteuringen eingeladen hatten. Etwa 50 Interessierte verfolgten hier eine rund dreistündige Diskussion, bei der fünf Landtagskandidaten für den Wahlkreis Bodensee ihre Ansichten und die ihrer Partei vertraten. Sie wurde von Peter Gitzen moderiert, der Elternbeiratsvorsitzender am Albert-Einstein-Gymnasium Ravensburg ist. Obwohl die Veranstaltung auf ein – zudem sehr strittiges – Thema fokussiert war, kam es zwischen Susanne Schwaderer (CDU), Martin Hahn (Grüne), Dieter Stauber (SPD), Klaus Hoher (FDP) und Roberto Salerno (Die Linke) zu keinem kontroversen Schlagabtausch.

Mit einer Solovorstellung der Kandidaten begann die Podiumsdiskussion. Wie würde die Bildungspolitik nach der Wahl ausschauen, wenn die eigene Partei allein regieren könnte?

Susanne Schwaderer (CDU): Für die 38-Jährige sähe die Bildungslandschaft so vielfältig aus wie zu CDU-Regierungszeiten. „Wir setzen nach wie vor auf das mehrgliedrige Bildungssystem“, sagte sie, weil Schüler gemäß ihrem Leistungsniveau „in homogeneren Gruppen besser aufgehoben sind“. Lehrer hatten dann auch bessere Möglichkeiten, auf die Kinder einzugehen. Die Gemeinschaftsschule habe sie persönlich noch nicht überzeugt, auch wenn sie vom Engagement der Lehrer beeindruckt sei. Schließen würde die CDU die neuen Schulen nicht, sie aber wie alle anderen Schulen gleich behandeln, was Klassenteiler, Lehrerausstattung oder Schulmittel angehe. Ganztagsschulen seien sicher nötig, aber „die freiwillige Form die richtige Lösung“. Um die frühkindliche Bildung zu stärken, würde die CDU ein verbindliches, also verpflichtendes letztes Kindergartenjahr einführen.

Martin Hahn (Grüne): Der Landtagsabgeordnete verwies auf die von Grün-Rot eingeführte 67-prozentige Finanzierung der Kitas durch das Land, was die Versorgung mit Betreuungsplätzen stabilisiert habe. „Wir werden künftig aber noch mehr Plätze brauchen“, sagte er. Die Einführung des zweigliedrigen Schulsystems sei eine richtige und wichtige Entscheidung gewesen, die nur Konsequenz einer entwickelten Pädagogik sei, wie gute Pisa-Ergebnisse erreicht werden können. „Dieses Rad wird von niemandem mehr zurückgedreht“, so Hahn. Wie sich die Gemeinschaftsschulen weiter entwickeln, werde sich in der Praxis entscheiden. Fakt sei, dass viele Kommunen dieses Angebot angenommen haben, weil mit der Gemeinschaftsschule die Schule im Ort gehalten werden kann. Eine Rückkehr zum G9 an Gymnasien schloss Hahn aus.

Klaus Hoher (FDP): „Wenn ich regiere, ist der Kindergarten Pflicht und umsonst“, positionierte sich der Neuling auf der politischen Bühne. Nur so erreiche man auch die Kinder, die frühkindliche Bildung am nötigsten hätten. Auch zum Streitthema Gemeinschaftsschulen klare Worte: 299 im Land würden „als Versuch“ reichen. Seine Partei sei für Vielfalt in der Bildungslandschaft, da passe auch eine Gemeinschaftsschule hinein – allerdings nicht, wenn dafür eine Realschule weichen müsse. Jetzt müsse die neue Schulart, die ihm vom Konzept her gefalle, zeigen „was sie drauf hat“. Und: „Ich will erst einmal Ergebnisse sehen.“

Roberto Salerno (Die Linke): In einem ausgearbeiteten Vortrag ging der 53-Jährige auf seine eigene Bildungskarriere ein. Er sei als Kind von Gastarbeitern in der vierten Klasse wegen noch mangelnder Sprachkenntnisse „aussortiert“ worden, was seine Laufbahn stark geprägt habe. Es sei ein Unding, zehnjährige Kinder nach ihrem Leistungsstand auf verschiedene Schulen zu schicken, weshalb die Gemeinschaftsschule, die selbst bei CDU-Bürgermeistern als Erfolgskonzept gelte, der einzig richtige Weg sei. Kritisch merkte Salerno allerdings an, dass es noch keine Vorbereitung aufs Abitur an den Gemeinschaftsschulen gebe. Deshalb würde Die Linke in Regierungsverantwortung eine verbindliche Zusammenarbeit mit den Beruflichen Schulen festlegen. Da Schule nur so gut sei wie deren Lehrer, würde seine Partei zudem die Unterrichtsstunden für Lehrer deutlich senken, ohne am Gehalt zu sparen. Die Bildungsfinanzierung insgesamt nannte Salerno „mangelhaft auch in Baden-Württemberg“. Außerdem trete die Linke für kostenfreie Krippen und Kindergärten ein, um die frühkindliche Bildung zu stärken. Stattdessen würden die Elternbeiträge immer höher.

Dieter Stauber (SPD): Auch der SPD-Politiker benannte den „Pakt für Familien“, mit dem Grün-Rot den Ausbau und die Finanzierung der Kitas auf neue Beine gestellt hat, als Erfolg dieser Regierung. Für ihn gehört auch die Einführung der Gemeinschaftsschulen klar in diese Kategorie. „Es ist doch totale Schwachsinn, Kinder in der vierten Klasse auszusortieren“, sagte auch er. Baden-Württemberg gehe hier aber keinen Einzelweg; das Zwei-Säulen-Schulsystem entspreche internationalem Trend und Standard. Deshalb werde die SPD in Regierungsverantwortung schauen, dass man da weiter machen könne, wo man begonnen habe – wenn schon nicht in Alleinverantwortung, dann mindestens im Kultusministerium, auf das die SPD dann erneut Anspruch erheben würde.

Fazit: Gemeinschaftsschulen, Inklusion, die Integration von Flüchtlingskindern: All das war Thema bei der Podiumsdiskussion, bei der zum Schluss auch die Gäste zu Wort kamen. Den GEW-Ortsverbänden war eine Diskussion zur Bildungsgerechtigkeit im Land besonders wichtig. Wie erreicht man diese? Ist es gerecht, Studiengebühren abzuschaffen, aber Elterngeld für Kitaplätze zu verlangen? Auf dem Podium war man sich relativ einig, dass die Bildungschancen von Kindern unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern zu verwirklichen sein sollten. Doch ob man das vom Kitaplatz bis zum Studium finanzieren will und kann, darüber gingen die Meinungen erwartungsgemäß auseinander.

 

GEW

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist die größte Bildungsgewerkschaft in Deutschland, der Ende 2015 rund 280 000 Mitglieder angehörten. Baden-Württemberg hat als größter Landesverband zirka 50 000 Mitglieder, die alle im Bildungsbereich arbeiten: in Schulen, Kindertagestätten, Hochschulen und anderen pädagogischen Einrichtungen. Etwa 40 Prozent der GEW-Mitglieder sind Angestellte, 60 Prozente Beamte. Die GEW setzt sich für gute Bildung und gerechte Arbeitsbedingungen ein, wobei die Lehrer das Bild der Gewerkschaft in der Öffentlichkeit prägen. (kck)

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