Meersburg Vorsitzende der Badischen Berufsfischer im Gespräch: "Es geht um die Zukunft der Fischerei"

Elke Dilger, Vorsitzende der Badischen Berufsfischer, spricht über Netzgehege, Nährstoffarmut im See und mehr.

Frau Dilger, seit dem 8. März sind Sie Vorsitzende der Badischen Berufsfischer. Wie sehr nervt Sie das Klischee von der Fischerin vom Bodensee?

Gar nicht! Ich bin stolz darauf, wenn das Lied kommt.

Ist das heute noch ein Thema, dass eine Frau diesen Beruf ausübt?

Nein. Die Frauen sind akzeptiert und gehören dazu. In Baden-Württemberg gibt's derzeit sechs Fischerinnen.

Fahren Sie selbst noch zum Fischen?

Nein. Mir fehlt leider die Zeit, ich arbeite im Augustinum, habe Ferienwohnungen und investiere ganz viel Zeit für den Verband und die Politik, die dazu gehört.

Welche Aufgaben liegen da in den nächsten zwei Jahren vor Ihnen?

Das ist eine ganz entscheidende Zeit für den Bodensee. Zum einen wegen der Netzgehege, deren Einbringung das Land forciert, zum anderen wegen der Nährstoffknappheit. Die Netzgehege sind eine weitreichende Entscheidung, die die nächsten Jahrzehnte betrifft: das Wasser, die Zukunft der Fischerei.

Warum sind die meisten Fischer gegen Netzgehege?

Derzeit lehnen sie rund 90 Prozent ab, weil sie darin eine Gefahr für die traditionelle Fischerei sehen: den Fang von Wildfisch. Dieser Beruf wird in den Nachteil treten und nach und nach verschwinden. Dabei ist der Wildfisch am Bodensee ein Alleinstellungsmerkmal. Zuchtfisch kann man überall auf der Welt essen.

Felchen werden ja auch schon gezüchtet.

Ja, aber zur Zucht eignen sich nur die Sandfelchen. Der Blaufelchen nicht und das ist eine ganz besondere und sehr, sehr seltene Felchen-Art. Vor Kurzem hat die Fischereiforschungsstelle stolz berichtet, dass man den Tiefseesaibling, der als ausgestorben galt, wieder entdeckt habe und wie wichtig das für den Artenschutz sei. Auch der Blaufelchen hat doch diesen Artenschutz verdient.

Fühlen sich Felchen in Gehegen wohl?

Das bezweifle ich. Der Sandfelchen ist sehr empfindlich und im Bodensee herrschen andere Klima-Bedingungen wie in Finnland, wo es solche Gehege bereits gibt. Die Bundesregierung will ein Tierwohl-Label einführen – und das Land Baden-Württemberg Netzgehege im Bodensee. Das ist ja so eine Ironie.

Spricht sonst noch was gegen Gehege?

Ja. Wenn wir Fischer fordern, den Phosphateintrag leicht zu erhöhen, haut man uns das Gewässer-Verschlechterungsverbot intensiv um die Ohren. Dabei ist Phosphat ein Lebensgrundstoff und kein Schadstoff. Wir Fischer fragen uns, wie es mit diesem Verbot vereinbar ist, Fische in Gehegen zu halten und zu füttern, wodurch jede Menge fremde Stoffe ins Wasser gelangen. Und wir haben auch Angst, dass, wenn Baden-Württemberg Netzgehege genehmigt, weitere in anderen Ländern folgen. Dann wird der See langsam aber sicher zur Fischfabrik.

Wenn das so forciert wird: Glauben Sie, dass sich doch noch mehr Fischer von Netzgehegen überzeugen lassen?

Die Gefahr sehe ich, dass manche aus wirtschaftlichen Gründen auf dieses Boot springen. Dass Ängste aufkommen, wenn man nicht dabei ist, sprich: Die, die zuerst eine Genossenschaft gründen, sichern sich ein Mitspracherecht und die Versorgung mit Zuchtfisch.

Wie begegnen Sie diesen Ängsten?

Die ganzen Argumente pro Netzgehege sind ja wirtschaftlicher Natur. Wir Fischer könnten uns sehr wohl eine Felchenzucht an Land vorstellen. Denn unsere Hauptsorge in puncto Gehege ist ja, dass sich dort Krankheiten entwickeln und auch im See verbreiten könnten. In geschlossenen Anlagen an Land besteht diese Gefahr nicht.

Ist die vom Staat angestrebte Reduzierung der Fischerpatente sinnvoll?

Nein, denn das löst nicht das Problem der niedrigen Fangzahlen. Die Rechnung: mehr Fisch für weniger Fischer geht schon deshalb nicht auf, weil ja jeder der übrig bleibenden Fischer ein fünftes Netz dazu bekommen soll. (Derzeit darf ein Fischer zwischen 1. April und 15. Oktober von Dienstag bis Freitag jeweils vier Netze ausbringen). Der Druck, mit dem das Land Fischer dazu bringen will, ihre Patente zurückzugeben, grenzt meiner Meinung nach an Enteignung.

Ist der Kampf für mehr Phosphat nach wie vor ein Thema für die Fischer?

Ja. Es gab 2016 ein internationales Forum mit allen Beteiligten am See. Dabei bestätigten Wissenschaftler, dass ein Gewässer mit einem Phosphatgehalt von unter zehn Milligramm pro Kubikmeter Wasser unwirtschaftlich ist. Eine geringe Nährstofferhöhung von derzeit sechs auf zehn Milligramm Phosphat würde dem See und dem Trinkwasser nicht schaden und gleichzeitig könnte der See ökologisch und eigenständig Fisch produzieren.

Und die Fischbrutanstalt bräuchte man dann nicht mehr?

Doch, die ist eine gute Sache, da sie den Jungfischbestand unterstützt, und zwar nicht nur bei Felchen, sondern auch Saiblingen, Forellen und Äschen.

Kann es sein, dass es früher "zu viele" Fischer gab, weil damals der See zu nährstoffreich war?

Die 1990er Jahre waren die fischreichste Zeit des 20. Jahrhunderts. Solche Fänge wollen und brauchen wir Fischer gar nicht mehr. Ich betone: Wir wollen keinen überdüngten See. Übrigens waren es damals wir Fischer, die darauf aufmerksam machten, dass der See eutrophiert, und die Landesregierung hat reagiert, wofür wir Fischer dankbar sind. In den 1980er Jahren war der Phosphatwert extrem zu hoch und jetzt ist er extrem zu niedrig.

Was glauben Sie: Wird es in 50 Jahren noch Berufsfischer geben? Und wenn ja, wovon leben sie dann?

Ja. Und sie leben vom Wildfang.

Ist das Wunschdenken?

Schon auch. Aber ich habe eine Vision: Die Bevölkerung und die Touristen wollen weiterhin Wildfisch und den traditionellen Fischer, der mit seinem Boot und seinen Netzen rausfährt.

Setzen Sie da auch auf den Verbraucher?

Ja, er ist gefordert, bei seinem Bodenseefischer Fisch zu kaufen.

Welchen Fisch essen Sie am liebsten und wie bereiten Sie ihn zu?

Den Blaufelchen: mit vielen Kräutern und in Folie im Backofen gegart, dazu Salat von der Reichenau und ein Viertele Bodenseewein.

Fragen: Sylvia Floetemeyer

Zur Person

Elke Dilger, die neue Vorsitzende der Badischen Berufsfischer, spricht im Gespräch mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Sylvia Floetemeyer Tacheles. Bild: Andreas Dilger
Elke Dilger, die neue Vorsitzende der Badischen Berufsfischer, spricht im Gespräch mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Sylvia Floetemeyer Tacheles. Bild: Andreas Dilger | Bild: Andreas Dilger

Elke Dilger, 47, trat als Ältere von zwei Töchtern des Meersburger Fischers Berthold Klingenstein beruflich in dessen Fußstapfen. Nachdem sie bereits eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau absolviert hatte, wurde sie Fischwirtschaftsmeisterin. Dilger ist verheiratet und hat zwei Söhne. Der Verband Badischer Berufsfischer wählte Dilger, die bisherige Schriftführerin, am 8. März 2017 einstimmig zur neuen Vorsitzenden. Ihr Vorgänger Martin Meichle war wegen eines Interessenskonflikts vorzeitig zurückgetreten. Meichle ist, anders als die Mehrheit der Fischer, pro Netzgehege. Am gesamten See gab es 2015 noch 110 Berufsfischer. Bis 2020 soll die Zahl der Vollpatente auf 80 verringert werden, in Baden-Württemberg auf 36. Im Bereich Baden gibt es derzeit 35 Fischer, davon haben 26 Vollpatente, acht Alterspatente und einer ein Zusatzpatent.

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