Meersburg Start der Jüdischen Kulturwochen

Rabbiner Joel Berger hat den Eröffnungsvortrag zum Start der Jüdischen Kulturwochen gehalten. Rund 20 Veranstaltungen stehen nun in Meersburg und Konstanz an.

Meersburg/Konstanz – Die ersten seeübergreifenden Jüdischen Kulturwochen in Meersburg und Konstanz haben gestern mit einem Vortrag des ehemaligen württembergischen Landesrabbiners Joel Berger eröffnet. Berger, dessen sonore Stimme auch SWR-Hörern bekannt ist, referierte mit viel Humor aber auch ernsten Zwischentönen über "das Jüdische in der deutschen Sprache". Am Schluss seines Vortrags wünschte Berger seinen Zuhörern im Spiegelsaal des Neuen Schlosses in Meersburg unter anderem, "dass Sie stets Tacheles sprechen", also offen und unverblümt das Wesentliche erwähnen.

Tacheles redeten auch die vier der insgesamt sechs Schirmherren, die sehr prägnante Grußworte hielten. Darin verliehen sie, ohne Vergangenheit und Gegenwart zu beschönigen, ihrer Freude über das Programm Ausdruck, das vor allem das lebendige Judentum vermitteln will. Denn: "Zu lange war das Judentum nur im Museum wahrnehmbar", sagte Peter Stiefel, Vorsitzender der Synagogengemeinde Konstanz. Diese ist zuständig für die Juden in den Kreisen Konstanz und Bodenseekreis und veranstaltet die Kulturwochen gemeinsam mit dem Kulturverein Meersburg. Stiefel dankte allen Sponsoren und anderen Schirmherren.

Den Anfang machte, quasi als Hausherr, Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. Für Letztere sei es eine Ehre, dass das Schloss Veranstaltungsort sei. Die Akteure hätten das Programm als ganz selbstverständlichen Anteil des Kulturangebots konzipiert. Dabei sei es eben nicht selbstverständlich, so Hörrmann. Die Beschäftigung mit jüdischem Leben müsse man immer auch vor dem Hintergrund des Dritten Reiches und seiner Verbrechen sehen.

Für die Eröffnung der ersten Jüdischen Kulturwochen in Meersburg und Konstanz bietet der Spiegelsaal des Neuen Schlosses in Meersburg einen feierlichen Rahmen.
Für die Eröffnung der ersten Jüdischen Kulturwochen in Meersburg und Konstanz bietet der Spiegelsaal des Neuen Schlosses in Meersburg einen feierlichen Rahmen. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Bernhard Prinz von Baden betonte die "ganz besonderen Beziehungen" seiner Familie zur israelitischen Kultusgemeinde. Baden war der erste deutsche Staat, der mit dem Judenedikt von 1809 die Gleichstellung der Juden einleitete. Mit Blick auf die Nazizeit verschwieg der Prinz aber nicht: "Nichts blieb wie es war, auch nicht in Baden." Als Winzer äußerte er eine Zukunftsvision: koscheren Wein für alle Juden in ganz Baden zu produzieren.

Meersburgs stellvertretender Bürgermeister Peter Schmidt sagte, sowohl der Zeitpunkt für die Kulturwochen sei gut gewählt als auch der Ort – "mitten in Europa". Denn Vorurteile, Halbwahrheiten und Populismus nähmen zu. Mittels jiddischer Begriffe erwies Schmidt launig der Reihe und dem Eröffnungsthema Reverenz. So müsse man nicht "betucht" sein, um sie zu besuchen, keiner mache, trotz "Maloche", einen "Reibach", doch von einer "Pleite" sei nicht auszugehen.

Berger griff prompt auch diese Begriffe auf und ging ebenso auf Prinz Bernhards Angebot ein. Das solle er mal mit dem zuständigen Rabbiner "ausbaldowern", letzteres ebenfalls ein Wort aus dem Jiddischen, das zeitweise etwa auch jüdischen und nichtjüdischen Viehhändlern als Geheimslang diente. Seit fast 2000 Jahren leben Juden in Deutschland und als sie im Mittelalter vertrieben wurden, nahmen sie die deutsche Sprache mit, die so, über das Jiddische, in alle Welt kam. Gleichzeitig existieren viele jiddische Begriffe, oft als solche unerkannt, im Deutschen fort: So kommt etwa die Beiz vom hebräischen Wort "baijt" für "Haus", das auch im Ortsnamen Bethlehem steckt.

Der seltsame Wunsch „Hals- und Beinbruch“ leitet sich vom jiddischen Glück- und Segensspruch „hatslokhe u brokhe“ ab, dem wiederum entsprechende hebräische Vokabeln zugrunde liegen. Sowieso bedeuten dieselben Ausdrücke für Juden und Nicht-Juden nicht immer das Gleiche. Dass eine Person nicht koscher sei, so Berger, würde ein Jude nie sagen, denn für diesen heißt „nicht koscher“: zum Verzehr nicht geeignet, weil nicht den jüdischen Speisegesetzen, der Kaschrut, entsprechend. Ganz subtil erzählt Berger mit mancher Wortgeschichte auch ein Stück seiner Biografie, etwa mit dem „Kassiber“, der Geheimnachricht, wie sie selbst zu Baader-Meinhof-Zeiten öfters aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde. Als er in Ungarn einsaß, so Berger melancholisch, „hätte man nicht mal einen Vogel rausschicken können“. Eines seiner Schlussworte ist Juden wie Christen geläufig und wichtig: „Amen“, so soll es sein.

Zur Person, zum Programm

Joel Berger kam 1937 in Budapest zur Welt. Seine Eltern und er überlebten den Holocaust, doch 40 Mitglieder seiner Familie wurden ermordet. Nach dem Volksaufstand in Ungarn 1956 wurde Berger inhaftiert, 1968 emigrierte er nach Deutschland. Seit 1963 ist Berger orthodoxer Rabbiner, von 1985 bis 2002 war er Landesrabbiner für Württemberg. Außerdem lehrte er an der Uni Tübingen. Berger ist auch als Autor bekannt und spricht für die Sender SWR1 und 2 das "jüdische Wort in den Tag". Er erhielt 2001 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und 2016 den Verdienstorden der Bundesrepublik. (flo)

Programm: Die ersten Jüdischen Kulturwochen finden noch bis 27. Juli in Konstanz und Meersburg statt. Etliche der rund 20 Veranstaltungen werden jeweils in beiden Städten angeboten, so das Konzert mit Robert Kreis (am 27. Juni im Neuen Schloss in Meersburg, am 28. Juni im Kulturzentrum Konstanz, jeweils 19.30 Uhr). Die Kreis-Konzerte (je 20 Euro) sowie das Klezmer-Konzert mit Jossif Gofenberg (2. Juli, 18 Uhr, Neues Schloss Meersburg, 10 Euro) sind die einzigen kostenpflichtigen Veranstaltungen. Bei allen übrigen ist der Eintritt frei (Platzreservierungen für letztere per Mail unter juedische_kulturwochen@yahoo.com). Zusätzlich finden Sonderführungen statt: durchs jüdische Konstanz am 22. Juni, über den jüdischen Friedhof Konstanz am 25. Juni und durch die Ausstellung "Zu Gast bei Juden" am 9. Juli. (flo)

Das komplette Programm und mehr im Internet: www.jsgkonstanz.de

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