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Meersburg Literatur live: Peter Stamm liest und diskutiert am Gymnasium

Die meisten Autoren der Texte, die Schüler lesen müssen, sind längst tot. Peter Stamm, dessen „Agnes“ Abi-Pflichtroman ist, ist quicklebendig – und war am Droste-Hülshoff-Gymnasium zu Gast, um den Schülern Rede und Antwort zu stehen.

Etwa drei Viertel der Autoren der Texte, die in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahrzehnten als Pflichtthemen fürs Deutsch-Abitur dienten, waren längst tot, als die Schüler ihre Werke lesen mussten. Fragen an den Dichter also unmöglich. Ganz anders bei Peter Stamm, den die erst 15-jährige Elftklässlerin Verena Theurer im Rahmen einer Schularbeit ans Droste-Hülshoff-Gymnasium geholt hat.

Nachdem Verena knapp und souverän Stamm vorgestellt und dieser zwei kurze Kapitel aus dem Abi-Pflichtroman „Agnes“ gelesen hat, stellen Elft- und Zwölftklässler über eine Stunde lang Fragen, wie man sie sich einmal von einem erwachsenen Lesungspublikum wünschen würde: intelligent, ohne Scheu und ohne sich gegenseitig zu wiederholen – zum Buch und zum Autor bis hin zu Honoraren oder Stamms Einstellung zu E-Books.

Sie nutzen natürlich vor allem die Gelegenheit, mehr über die Hintergründe und Intentionen von „Agnes“ zu erfahren. Und hier zeigt sich, dass auch Fragen an lebende Literaten unbeantwortet bleiben – bleiben müssen. Denn, so Stamm: „Der Autor muss nicht alles wissen über seinen Text.“ Die Sprache beherrsche ein Autor schon, den Inhalt nicht unbedingt. Es gehe bei der Lektüre darum, „was Sie im Text entdecken, nicht was ich gemeint habe“. Da auch von jedem Leser etwas einfließe, gebe es „nicht die einzige richtige Interpretation“. Da fragt ein cleverer Schüler doch gleich nach, ob es dann Stamms Werk gerecht werde, wenn man es im Unterricht Satz für Satz auseinandernehme.

Stamm lächelt: „Das ist letztlich die Frage: Soll man zur Schule gehen oder nicht?“ Die Schüler lachen und applaudieren.

„Doch, schon“, meint Stamm, und er sei auch dafür, dass man in der Schule Bücher lese. Aber beim Wort „Haus“ stelle sich jeder nun mal ein anderes Gebäude vor. „Sie können kein Buch lesen, ohne es zu interpretieren.“ Aber alles starr in eine Richtung, etwa nur psychoanalytisch, auszulegen, findet Stamm öde. Gefragt, ob die Figur der Louise ein Gegenstück zu Agnes sein soll, verneint Stamm und warnt: „Sie dürfen sich ein Buch nicht wie eine Maschine vorstellen. Interpretationen sollten nicht zu mechanisch sein.“

Als Autor lasse er sich eher von „ästhetischen Entscheidungen“ leiten, so habe er lange nach dem richtigen Namen für seine Protagonistin gesucht und gewusst: Agnes, das ist's. Stamm empfiehlt den Schülern auch: „Versuchen Sie den Spaß drin zu sehen, wenn Sie ein Buch lesen. Spaß hat Stamm auch am Schreiben über „Themen, die mich beschäftigen“, wobei ihn autobiographisches Schreiben nie interessiert habe. Gefragt, ob seine Bücher durchstrukturiert seien, erwidert er: „Im Grunde ist ein Text nur gut, wenn Dinge passieren, die man nicht geplant hat.“

„Und wie fühlt man sich als Abi-Autor?“, fragt Schulleiterin Annette Brunke-Kullik zum Schluss. Stamm: „Ich find's toll, besser als jeder Literaturpreis, weil's vor allem auch Leser bringt – auch wenn's Zwangsleser sind“, fügt er hinzu und lacht darüber mit den Schülern.

Reich werde man als Autor sowieso nicht, pro verkaufter Kopie von „Agnes“ bekomme er etwa 50 Cent. Gegen E-Books habe er nichts. Autoren hätten nur Angst, dass irgendwann der Kopierschutz geknackt werde. Zwischen Stamm und den Schülern ist ein flüssiger, lockerer Austausch entstanden, sacht moderiert von Verena. Deutschlehrerin Uta Nagel lobt sie. Dabei, verrät Verena, „dachten die Lehrer erst nicht, dass er kommt“. Doch sie findet „Autorenlesungen genial“ und schrieb Stamm einfach persönlich an. Es klappte – und wie.

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