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Markdorf Zu Gast im Nirgendwo bei Tante Hildegard

10.08.2006
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Bei 40 Grad über die abgasverseuchten Autobahnen Pakistans zu radeln, ist wirklich kein Vergnügen. Wir werden von der hitzegewohnten Bevölkerung für verrückt erklärt. Deshalb fahren wir lange vor der Dämmerung los, um der um 8 Uhr einsetzenden Hitze zu entgehen. Meist haben wir dann schon einen großen Teil des angestrebten Streckenabschnitts geschafft. Bei einer Erfrischungspause wurden wir nach 100 schwer erradelten Kilometern ins Büro einer Tankstelle eingeladen und der Neffe vermittelte uns an seine deutsche Tante Hildegard. Ehe wir uns versahen, standen wir im Innenhof ihres Hauses, in einem kleinen Paradies mit vielen Pflanzen, einer Voliere mit Dutzenden von Wellensittichen, zwei kurz geschorenen Yorkshire-Terriern und deutschem Satellitenfernsehen. In diesem schmutzigen Dorf hatten wir wirklich keine Leute aus Deutschland erwartet. Die Gassen sind eng und verwinkelt, die Abwasserkanäle sind offen. Die Deutsche hatte vor 27 Jahren den in Deutschland arbeitenden Pakistani Ali kennen gelernt und geheiratet. Ali nahm die deutsche Staatsangehörigkeit an, doch nach 16 Jahren gingen beide in seine Heimat, ins Haus der verstorbenen Eltern. Inzwischen sind sie im Dorf hoch angesehen und bekannt wie bunte Hunde. Vom ersten Augenblick fühlten wir uns wie zu Hause. In Gesprächen erfuhren wir immer mehr von islamischen Bräuchen und Sitten und von der pakistanischen Lebensart.

Anders als im Iran ist für Frauen das Kopftuch keine Pflicht. Häufig sieht man Frauen in der Burka, eine Ganzkörperverhüllung, bei der sogar die Augen durch einen Schleier verdeckt sind. Viele Frauen werden vom Mann und der Familie aus religiösen Motiven gezwungen die Burka zu tragen. Doch häufig fielen uns die glänzenden Stöckelschuhe und lackierten Fußnägel auf, und nach den Aussagen von Hildegard und Ali sind diese Frauen die "Schlimmsten". Ein großer Teil der Frauen soll die Burka freiwillig tragen, um das geschminkte Gesicht, blondierte Haare und eng anliegende westliche Kleidung zu verbergen. In diesem Aufzug wären sie sofort Freiwild für die pakistanischen Männer.

Die Ehe gilt im Koran als Pflicht eines Moslems, die arrangierte Ehe wird der Liebesheirat vorgezogen. Den Männern in Pakistan ist es erlaubt, mit bis zu vier Frauen verheiratet zu sein und mit ihnen Kinder zu haben. Das gibt es nur sehr selten. Zwei Frauen zu haben, ist aber völlig normal. Der Islam schreibt vor, dass die erste Frau mit der Zweit-Ehe einverstanden sein muss und genauso gut behandelt wird wie die erste Frau. Unfruchtbarkeit der ersten Frau und Frauenüberschuss sind oft die Gründe. Manchmal wird dieses Recht jedoch missbraucht und es wird geheiratet, weil die erste Frau an Attraktivität verloren hat.

Nierentransplantationen sind in Pakistan der letzte Schrei. Für etwa 4000 Euro kann man sich eine von lebenden Menschen gespendete Niere einpflanzen lassen. Behandlungsdauer vier bis fünf Wochen. Arme Menschen gehen hier zum Krankenhaus und können völlig legal eine Niere spenden und bekommen Geld dafür, wie viel wissen wir nicht. Über die Moral lässt sich streiten. Einerseits helfen die gesunden Armen den kranken Reichen zum Überleben. Kann jedoch ein armer Pakistani das Geld für eine Operation nicht aufbringen, muss er an Nierenversagen sterben.

Markdorf
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