Mein

Markdorf Von Esoterik-Zutzeln, Bauern, und Taschenharfen

31.01.2012


Bei Kabarettist Martin Herrmann treffen im Theaterstadel Markdorf städtische und ländliche Milieus aufeinander

Wen wundert's? Wer steht nicht knapp davor? Nun, es muss nicht jeder gleich dieselben Symptome bekommen wie Martin Hermann. Bei dem Kabarettisten aus München braucht der Name Christian Wulff bloß zu fallen, um eine üble Tinnitus-Attacke auszulösen. Aber seien wir doch ehrlich: Allmählich mehren sich doch die allergischen Reaktionen auf die mediale Omnipräsenz unseres Präsidenten. Wulff zum Frühstück, Wulff in der Mittagspause, Wulff zum Abendbrot in der Tagesschau. Der gute Mann scheint so tief in höchst mittelmäßigen Machenschaften verstrickt zu sein, dass er beinah schon unser Mitleid weckt.

Wulff ist neben all jenen zu Guttenbergs, Westerwelles und vermutlich auch einigen Zunft-Vertretern aus der SPD Hauptursache dafür, weshalb Herrmann kein politisches Kabarett macht. „Die Politiker sind schneller wieder weg vom Fenster“, so Herrmann, als das Verfallsdatum seiner Programme währt. Folglich müsse er sich anderen Themen widmen: dem Konflikt der Geschlechter oder der Begegnung der Kulturen oder gleich beidem. Etwa indem der Kabarettist das Aufeinanderprallen städtischer und ländlicher Milieus beschreibt. So gestaltet in seinem Programm: „Keine Frau sucht Bauer!“

Anderslautende Berichte entlarvt Herrmann als mediale Verzerrung. Denn die wenigen „Esoterik-Zutzeln“, denen wirklich der Sprung über den urbanen Speckgürtel hinweg raus bis in die Provinz gelingt, suchen alsbald wieder das Weite. Spätestens nachdem ihnen der mythenfreie Alltag im Stall begegnet ist.

Wunderbare Bizarrheit Soweit so desillusionierend überdies klingt es kaum weniger nüchtern als die auf ganz ähnlichen Erkenntnissen aufbauenden Verlautbarungen der Landfrauen in ihren Verbands-Organen. Und wirken diese Diagnosen, sobald sie aus Martin Herrmanns Mund kommen, völlig anders. Der Grund: Oft singt er sie. Mehr noch: Er verpackt und verdichtet sie zu kleinen Gesamtkunstwerken von wunderbarer Bizarrheit. Der Mann ist eine wirkliche Doppelbegabung: einerseits der treffsichere Sprachkünstler mit seiner aussagestarken Bilder-Welt und anderseits der Liedermacher. Zwei Sphären übrigens, die er durch zwei Stühle kennzeichnet, zwischen denen er während des Programms wechselt.

Zum Schluss im Theaterstadel noch ein Relikt aus früheren Programmen, die „kalt geschmiedete tibetanische Taschenharfe mit ihren zehn Saiten aus geweihtem Draht“. Ihre fatale Ähnlichkeit mit handelsüblichen „Eierschneidern“ vergisst, wer die feinen Harmonien des Instruments hört. Das ist gelebte Transzendenz: der Übergang vom Haushaltswarengeschäft zum erlauschten Welt-Klang jenseits aller Tinnitus-Attacken.

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln