Lina und Andreas Killat aus Markdorf sind Anfang September 2004 zu einer abenteuerlichen Fahrradreise nach China aufgebrochen. Sie berichten in loser Folge von ihren Eindrücken und Erlebnissen. Diesmal aus Pakistan:
Durch die Verschiebung der Kontinente und daraus resultierende Spannungen in der Erdkruste werden auf natürliche Weise Erdbeben verursacht, aber viele Menschen hier in Pakistan glauben an die zerstörerische Macht von Allah, der die Menschen bestraft, wenn sie schlechte Moslems sind. Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Pakistans ereignete sich im Oktober 2005 und kostete mehr als 50000 Menschen das Leben.
Zufällig führte unser Weg durch dieses zerstörte Gebiet. In der Stadt Balakot sind nahezu alle Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Die Asphaltstraße ist teils völlig weggerissen. Tiefe Spalten im Belag zeugen von der Gewalt der Erschütterungen. Die Menschen leben in Zelten oder Wellblechhütten, denn das Gebiet um Balakot wurde zur "Roten Zone" erklärt und ein Wiederaufbau der eingestürzten Häuser ist strengstens untersagt, denn man rechnet mit weiteren Beben.
Nördlich von Balakot wurde die Straße immer schlechter. Begleitet von zwei ebenfalls radelnden Franzosen sollte es für uns über den 4100 Meter hohen Babusar-Pass gehen und dann 3000 Höhenmeter steil abwärts auf den berühmten Karakorum-Highway. In Reiseführern steht, dass der Pass ab Mitte Juli mit geländegängigen Fahrzeugen befahrbar sei. Wir waren dieses Jahr wohl zu früh dran und die Menschen schienen nach dem Erdbeben anderes zu tun zu haben, als die Straße freizumachen. So quälten wir uns mit unseren schwer beladenen Fahrrädern über verschüttete Straßenabschnitte und ungeräumte Schneefelder. Meist war Schieben angesagt. So ging es tagelang. Schließlich kreuzte die Straße einen reißenden Gebirgsfluss - die Brücke war weggerissen.
Nun gab es zwei Möglichkeiten: 200schwer erarbeitete Kilometer zurück auf den Karakorum-Highway oder durch den Fluss. Ohne Zögern entschieden wir uns für Letzteres. Fünf Stunden dauerte es, bis Fahrräder und Gepäck sicher auf der anderen Seite waren. Die Fahrräder konnten nur zu zweit Zentimeter um Zentimeter quer zur kräftigen, teils hüfthohen Strömung fortbewegt werden. Nach der Querung hatten Kamera, Armbandcomputer und Schuhe einen Wasserschaden, doch wir waren heilfroh, dass nicht mehr passiert ist und alle Sachen wieder beisammen waren.
Das Abenteuer Babusar-Pass war jedoch noch nicht zu Ende: Wir befanden uns in der Provinz Kohistan, bekannt durch konservative, ausländerfeindliche Moslems. Kurz vor dem Babusar-Pass wurden wir schiebend von einer großen Schar Kinder begleitet. Anfangs halfen sie beim Schieben, dann forderten sie Geld, errichteten Barrikaden und fingen an mit Steinen zu werfen. Ein etwa 14-Jähriger erwies sich als besonders gewalttätig: Mit immer größeren Steinen zielte er auf unsere Köpfe. Lina setzte sich vorsorglich ihren Fahrradhelm auf. Als uns die Sache zu gefährlich wurde, stürmten wir den Hang hinauf und versuchten den Übeltäter zu fassen. Doch wir hatten keine Chance. Auf 4000 Metern fehlte uns einfach die Kraft und Geschicklichkeit der an die Berge gewohnten Kids. Doch wir konnten sie vertreiben. Erst jetzt merkte ich, dass ich am Kopf blutete. Ich war getroffen worden und schob notdürftig etwas Klopapier unter die Mütze. Erschöpft, beschädigt und blutend erreichten wir die Passhöhe auf 4100 Metern, in der Ferne der 8125 Meter hohe Nanga-Parbat. Auf dieses Abenteuer hätten wir in diesem Fall liebend gerne verzichtet."

„Zweite Hälfte war katastrophal“
Lars Menck als Chef-Einheizer
Matthias Lauber bleibt Trainer