Ali/Markdorf - Etwas Schlimmeres kann einem Tourenbiker auf der höchsten Straße der Welt wohl kaum passieren: Kurz nach der Überwindung eines 4800 Meter hohen Passes freuten wir uns auf eine 45 Kilometer lange Abfahrt, als es plötzlich "knack" machte. Der Rahmen meines Fahrrads war gebrochen. Lina setzte sich an den Straßenrand und weinte. Der Traum, die 3000 Kilometer lange, vorwiegend unasphaltierte Piste mit zahlreichen Pässen über 5000 Meter, durch die chinesischen Provinzen Xinjiang und Tibet, von der Stadt Kashgar bis zum ehemaligen Regierungssitz des Dalai Lama, der Stadt Lhasa in Tibet, mit unseren eigenen Kräften, nur auf den Sätteln unserer Fahrräder, zu überwinden, war zu Ende.
Drei Stunden warteten wir, bis das erste Fahrzeug vorbeikam, das in unsere Richtung fuhr. Wir luden die Fahrräder samt Gepäck auf die Ladefläche eines Lastwagens und fuhren in die 40 Kilometer entfernte Ortschaft Xaidulla. Diese Siedlungen bestehen meist nur aus einer einzigen Reihe von Häusern neben der Straße. Jedes hat einen Hinterausgang, und die Plätze dort dienen als Toilette und Abfallhalde, in denen sich Enten und Hühner ihr Futter suchen. Sonst gewohnt an der frischen Luft draußen zu campen, mussten wir uns die nächsten Tage frustriert in so genannte "Dormitories" einmieten. Das sind meist hinter Restaurants liegende, fensterlose, notdürftig aus Brettern zusammengenagelte Unterkünfte, die gestressten Truckfahrern als Nachtlager dienen. Mehr als schlafen kann man in diesen stinkenden Löchern wirklich nicht.
Am nächsten Tag ergatterten wir für umgerechnet 65 Euro zwei Plätze in einem Lastwagen, der uns ins 700 Kilometer entfernte tibetische Ali brachte, die nächste Stadt mit Internetanschluss. Die Fahrt war die reinste Tortur und dauerte vier Tage. Der "Highway" ist auf nahezu der ganzen Länge unasphaltiert, und es ist, als ob man über Wellblech fährt. Mehr als 30 Stundenkilometer sind meist nicht möglich. Oft führt die Straße durch reißende Flüsse und nur dem Geschick unseres Fahrers war es zu verdanken, dass wir nicht stecken blieben. Einmal ging es wirklich nicht mehr weiter. Das angestaute Wasser eines Flusses hatte die halbe Straße weggerissen und in einen Wasserfall verwandelt. Stundenlang suchten die Männer nach einer Lösung, doch gegen die Wassermassen waren sie hilflos. Im Laufe des Tages verschwand die Straße in ihrer voller Breite im Fluss. Ein Lastwagen einer Straßenreparaturstation lud große Steine ab. Langsam begannen die Männer eine Rampe zu bauen und zu befestigen. Das ist nicht so einfach auf 4800 Metern über dem Meer. Jeder half mit, auch wir, und nach neun Stunden konnte es weitergehen.
Einige Lastwagen blieben im Fluss stecken. Von einem Tibeter verlangte unser Fahrer aus Xinjiang umgerechnet zehn Euro für das Herausziehen. Nur unter chinesischen Truckfahrern herrscht Solidarität. Mit zitternden Händen gab der Tibeter unserem Fahrer das Geld. Die anderen Chinesen lachten schadenfroh. Hier bekamen wir erstmals die Unterdrückung der Tibeter durch die Chinesen zu spüren.
Jetzt sitzen wir in Ali im westlichen Tibet fest. Die winzige Stadt liegt auf 4200 Metern und hat keinen Flughafen. Tibet ist Sperrzone. Tausende von Kilometern um uns herum ist nichts als Wildnis. Der Fahrradrahmen lässt sich nicht mehr reparieren.
Siehe auch "Guten Morgen"

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