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Markdorf Halt am verwaisten Regierungssitz des Dalai-Lama

12.10.2005
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Das Ziel Lhasa ist erreicht, doch die Reise der Radnomaden Lina und Andreas Killat, die Markdorf am 2. September 2004 verlassen haben, ist noch nicht zu Ende. Hier der 23. Bericht von einer ungewöhnlichen Fahrradtour:

Lhasa war für uns der Entscheidungsort, an dem wir beschließen, wie es weitergehen soll: nach Amerika oder Richtung Neuseeland. Da wir hier in Lhasa unsere Visa um maximal zwei Wochen verlängern können, der Winter naht und ein Weiterradeln hier in Tibet bald nicht mehr möglich sein wird, sind wir wohl gezwungen, über den "Friendshiphighway" nach Nepal auszureisen. Unsere weitere Route ist ungewiss. Entweder wir reisen im Frühjahr zurück nach China oder wir fahren über Indien mit dem Boot weiter nach Thailand.

Auf dem monumentalen festungsähnlichen Potala in Lhasa weht die rote chinesische Fahne. Der Potala war der Regierungssitz des Dalai-Lama, des Oberhaupts der Tibeter. Bei der Kulturrevolution in den 50er Jahren wurde ein Großteil der tibetischen Klöster von den chinesischen Aggressoren zerstört, der Dalai-Lama wurde vertrieben. Er lebt jetzt in Indien im Exil und versucht von dort aus der Ferne den Tibetern ein guter Führer zu sein. Allerorten verlangen die Tibeter von uns Bilder von ihrem Oberhaupt, doch diese Bilder zu besitzen oder zu verbreiten ist verboten, und wir tun dies auch nicht, um die Tibeter nicht in Schwierigkeiten mit den Chinesen zu bringen.

Wir befinden uns in der Stadt Lhasa, die Haupstadt von Tibet. Bis zum letzten Jahrhundert war die "verbotene Stadt" für Ausländer unerreichbar. Einst war sie ein Mythos, heute ist sie ein Einkaufsparadies. Wenn man hier durch die Straßen schlendert, fühlt man sich wie auf dem Kurfürstendamm in Berlin. China ist ein reiches Land geworden und die Leute strampeln sich langsam von den Fesseln des Kommunismus frei.

Mit dem Geld kommt auch die Verdorbenheit. Wir beobachten die hier überall anzutreffenden, in Rot gekleideten Mönche, wie sie Cola trinken, mit Handys telefonieren und um Geld betteln, obwohl dies zur Förderung ihres spirituellen Werdegangs sicherlich eher hinderlich ist. Wir sehen dicke Tibeterinnen, die ihre Kinder darauf abgerichtet haben, bei den Touristen um Geld zu betteln und dabei sogar auf die Knie zu gehen. Die Mütter laufen mit Plastiktüten voller Bierflaschen hinterher.

Der Jokhangtempel im Zentrum von Lhasa ist das spirituelle Herz Tibets. In den Nachmittagstunden wird der Tempel für die Pilger geöffnet. Hunderte strömen dann in das heilige Innere des Tempels. Wir wunderten uns über die vielen Thermoskannen, die viele Menschen neben anderen Gaben in den Händen hielten. Wie wir schließlich erfuhren, befindet sich in diesen Kannen erhitzte, verflüssigte Yakbutter, die als Brennmaterial für die überall im Tempel brennenden Butterlampen dient.

Stunden kann es dauern, bis man endlich den bedeutendsten Schrein im hinteren und heiligsten Teil des Tempels erreicht. Der Schrein beinhaltet neben zahlreichen anderen Statuen auch die wohl am meisten verehrte Buddhaskulptur des "Jowo Sakyamuni", die im 7. Jahrhundert von einer chinesischen Prinzessin nach Tibet gebracht worden war. In diesem Schrein hat ein Mönch alle Hände voll damit zu tun, die von den Pilgern gespendete Butter aus den Flaschen in Behälter zu gießen.

Markdorf
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