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Markdorf Fremde Blicke ins Schlafzimmer

08.03.2006
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Am 2. September 2004 sind Lina und Andreas Killat in Markdorf zu einer Fahrradreise nach China aufgebrochen. Mittlerweile waren sie dort, haben Tibet und Nepal besucht und sind nun in Indien.

Indien übertrifft unsere Befürchtungen um ein Vielfaches. Der Subkontinent ist mit seinen 329 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der dichtest bevölkerten Regionen der Erde. Sich das Elend vorzustellen oder mittendrin zu stecken, ohne Fluchtmöglichkeit, sind zwei Paar Schuhe. Wir erleben Indien nicht aus der Sicht des Pauschalurlaubers, der sich die für Touristen herausgeputzten Sehenswürdigkeiten anschaut. Wir erleben das Indien auf der Straße, ertragen den Dreck und Gestank, und die Aufdringlichkeit der ungebildeten Landbevölkerung, in deren Gesichtern man weder Zu- noch Abneigung erkennt und in deren Augen man meist ins Leere schaut.

Freies Campieren in Indien wird von keinem vernünftigen Radfahrer empfohlen. Um den schmutzigen Städten zu entgehen, in denen man gezwungen ist, sich in die bedrückende Enge der muffigen Hotelzimmer zurückzuziehen, versuchten wir es dennoch mehrmals.

Wenn man nichts dagegen tut, wird man beim Zelten schnell von Dutzenden von Leuten umringt. Wir Europäer sind es gewohnt, eine Privatsphäre zu haben, aber dieses Wort ist in der hiesigen Sprache wahrscheinlich unbekannt. Bereits um sechs Uhr morgens, wenn wir noch schlafen, kommen Leute, starren schamlos in unser "Schlafzimmer" und putzen sich dabei wie selbstverständlich mit Bambusstöcken die Zähne. In solchen Situationen platzt uns natürlich der Kragen und wir schreien die Menschen an, dass sie fortgehen sollen, und das meist auf Deutsch, denn die Sprache spielt in dem Fall keine Rolle.

In Englisch kann man mit der Landbevölkerung hier meist nicht kommunizieren, obwohl Indien lange Zeit britische Kolonie war und Englisch Amtssprache ist. Allein durch das wilde Gestikulieren und den rohen Ton unserer Stimmen verstehen sie meist, was wir meinen, und ziehen enttäuscht ab. Man erntet dadurch natürlich keine Sympathie und das zehrt an den Nerven. Anders als in Deutschland wird man nicht vertrieben, sondern willkommen geheißen und darf fast überall zelten. Die Menschen sind nicht schlecht, sie sind nur neugierig, und machen sich sogar Sorgen um unser Wohlergehen. Deshalb tut es besonders weh, sie schlecht behandeln zu müssen, und man fühlt sich danach miserabel. Aber kaum jemand kann sich vorstellen wie es ist, von Dutzenden von Augenpaaren schamlos angestarrt und bei jeder Bewegung beobachtet zu werden.

Wir waren völlig überrascht, auf unserem Weg in Richtung Kalkutta nach einer schlecht asphaltierten, zweispurigen Straße plötzlich ein kurzes Stück Autobahn vorzufinden. Die westbengalische Landbevölkerung nutzt den Highway jedoch auf andere Weise. Die Standspur wird von Fahrrädern und Ochsenkarren genutzt und auf der Überholspur breiten Frauen zum Trocknen Getreide und Kuhfladen aus.

Jetzt sitzen wir in Kalkutta fest und warten auf eine Sondergenehmigung der Regierung von Myanmar (früher Burma), mit dem Fahrrad durch das Land reisen zu dürfen. Viele Chancen geben wir uns nicht, denn unseres Wissens ist es noch keinem Fahrradfahrer gestattet worden das Land der goldenen Pagoden auf dem Landweg von Indien nach Thailand zu durchqueren.

Markdorf
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