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Markdorf Fotos aus dem Leben nach dem Überleben

Die in Markdorf aufgewachsene Fotografin Helena Schätzle zeigt im Auswärtigen Amt Bilder aus dem Alltag von Holocaust-Opfern.

Die Aufnahme wirkt wie ein Familienfoto. Links der Großvater, rechts die Großmutter – beide lächeln in die Kamera. Beide haben ihre Arme um die junge Frau in ihrer Mitte gelegt. Es könnte ihre Enkelin sein. Im Hintergrund eine Hügellandschaft, karstig und dicht besiedelt. Die herzliche Szene spielt sich in Israel ab. Wohin der so nett schmunzelnde alte Herr und seine zum Betrachter hin lachende Frau fliehen oder auswandern konnten. Sie konnten der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten entkommen. Anders als so viele Opfer des Holocaust. Die junge Frau auf dem Bild ist aber nicht ihre Enkelin. Es ist die in Markdorf aufgewachsene, heute in Kassel lebende Fotografin Helena Schätzle. Sie hat in Israel Holocaust-Überlebende und deren Familien besucht, um sie zu porträtieren. Unterwegs war sie im Auftrag der Organisation Amcha Deutschland, die sich um psychosoziale Hilfe für Überlebende bemüht.

Selbst 71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, so Staatsministerin Maria Böhmer, wirken die traumatisierenden Ereignisse nach. Die Davongekommenen leiden immer noch unter ihren Erinnerungen – und mit ihnen die Familien, erläuterte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, als sie Ende Januar im Lichthof des Auswärtigen Amtes die Amcha-Ausstellung mit den Fotografien von Helena Schätze eröffnete. „Die Bilder zeigen, dass die Aufarbeitung der Traumata eine Gegenwartsfrage ist“, sagte die Staatsministerin. Deutlich machten die Fotografien von Helena Schätzle aber ebenfalls, „wie ein Weg wieder zurück ins Leben führen kann.“

Das Paar am Strand. Längst ergraut, den Blick zum Horizont gerichtet. Sie hält sich an der offenen Jacke des Mannes fest. Er hat seinen linken Arm um ihre Schulter gelegt. Andere Senioren bei freudiger Begrüßung, vielleicht zu einer Familienfeier – oder beim Abschied, inmitten von Kindern, Enkeln. Zwei alte Damen, die einander an den Händen haltend ausgelassen lachen. Sie habe natürlich ausgiebig recherchiert, bevor sie sich auf den Weg gemacht habe, Holocaust-Überlebende zu fotografieren, erklärte Helena Schätzle bei einem Interview mit „ Deutschlandradio Kultur. Das Ergebnis dieser Recherche: Ihr seien nur Porträts begegnet – die Aufnahmen von Einzelpersonen, aber keine Fotos, die diese Menschen in ihrer Lebenssituation darstellen, in ihrem Alltag. „Und zu diesem Alltag gehören eben sowohl Momente der Trauer, Einsamkeit wie auch Momente der Freude, Familie, Liebe.“

Eben die zeigt die noch bis zum 9. März gezeigte Ausstellung im Berliner Außenamt aber auch andere Szenen. Die alte Dame, die sich mit geschlossenen Augen wie ein Kind an der Schulter einer weit Jüngeren eingräbt. Oder der alte Mann im groß-karierten Pullover, der sich vor einer in die Wüste führende Piste fragend umblickt. Es sind diese Momentaufnahmen, die den Betrachter ahnen lassen, wie sehr Angst, Trauer und Verlassenheit immer noch fortwirken im Alltag der Überlebenden.

Helena Schätzle hat in Israel nicht nur fotografiert. Sie hat auch Interviews geführt mit den Fotografierten. Die werden nun in ein Buch einfließen, das die Fotografin über ihre Israel-Eindrücke macht. In diesem Buch spricht sie auch die eigenen Gefühle an. Denn da sei selbstverständlich „erstmal eine ganz große Zurückhaltung und Angst, als deutsche Person, Enkelin von Wehrmachtssoldaten, nach Israel zu gehen und mit Holocaust-Überlebenden zu arbeiten“. Wie reagieren die Personen? Begegnet sei ihr Herzlichkeit, Wärme – und große Dankbarkeit dafür, dass jemand diese Lebensgeschichten aufgreift, „in die Welt trägt und sie dadurch auch für die Welt bewahrt“.

Die Ausstellung im Lichthof des Auswärtigen Amtes, Werderscher Markt 1, Berlin, ist noch bis zum 9. März zu sehen.


Zur Person

Helena Schätzle, 1983 in Zell a. H. geboren, wuchs in Markdorf auf. Sie studierte Fotojournalismus an der Fachhochschule Hannover und Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel. Als freie Fotografin arbeitet sie für etliche Medien, zum Beispiel für Spiegel Online, Stern.de oder das Handelsblatt. Für ihre Bilder wurde sie mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Und Helena Schätzle hat zahlreiche Ausstellungen in ganz Deutschland gemacht, darunter auch auf der Kasseler Documenta, aber auch in den USA und in Indien. Im Markdorfer Kunstverein war Schätzle 2012 zu sehen mit „9645 Kilometer Erinnerung“.

Amcha, die 1987 gegründete Selbsthilfeorganisation für Holocaust-Überlebende und deren Nachkommen, bietet psychosoziale und psychotherapeutische Unterstützung. Unterdessen hilft sie rund 17 000 Menschen im Jahr.

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