Es war schon spät an diesem Tag, so gegen halb vier und die Passhöhe von 1800 Metern hatten wir noch nicht erreicht. Über acht Stunden krochen wir nun schon aufwärts und mein Armbandcomputer verriet mir, dass wir an diesem Tag bereits 1250 Meter gestiegen waren. Wir kamen an einen kleinen Militärposten der türkischen "Jandarma" vorbei und der Wachposten kam mit geschultertem Gewehr auf mich zugestürmt und fragte auf englisch, was ich da eigentlich mache. "Biking", sagte ich wie selbstverständlich. "What?", fragte er mit verzerrtem Gesicht. So etwas hatte er wohl noch nicht gesehen und schien außerstande, zu begreifen, dass jemand zu dieser Jahreszeit bei eisiger Kälte die türkischen Berge rauf- und runterradelt. Als er dann auch Lina erblickte, flippte er völlig aus, hastete auf sie zu und versank dabei hüfthoch im Schnee. "We can help you, we can help you", stotterte er und versuchte den Lenker von Linas Fahrrad zu erreichen und sich dabei aus dem Schnee zu befreien. Als er uns anbot in dem Militärgebäude zu übernachten, konnten wir nicht nein sagen.
Der junge Soldat führte uns in den Raum des Kommandeurs, wo wir mit Tee und Schokolade bewirtet wurden. Unsere Personalien wurden überprüft, und es wurde uns ein bescheidener, aber gut beheizter Raum zugewiesen. Atatürk, der "Vater der Türken", der die Staatsform der Türkei in den 20er und 30er Jahren im westlichen Stil erneuerte, gilt hier als Held, war allgegenwärtig und schaute als Foto oder Gemälde in allen Räumen und Gängen von den Wänden. Das Abendessen wurde in Blechtellern serviert, anschließend in einem anderen Raum noch ein Video mit einem Karatefilm eingelegt. Während des Films gab uns der Kommandeur zu verstehen, dass er uns helfen könne am nächsten Morgen einen Lastwagen oder Bus anzuhalten, um uns in die Nähe der iranischen Grenze zu bringen. Unsere Aufenthaltserlaubnis in der Türkei betrug nur noch elf Tage für 800 bergige, eiskalte Kilometer. Im Sommer schwierig, im Winter für uns nicht machbar.
Ein paar Tage zuvor erst erfuhren wir was es heißt, wenn der Winter seine Zähne zeigt in Ostanatolien. Kurz vor einem 1930 Meter hohen Pass waren wir plötzlich dem Wind schutzlos ausgeliefert. Er blies so stark, dass wir die Fahrräder schieben mussten. Die Strasse war vereist und mit Schneewehen übersät. Es waren minus 6 Grad Celsius und die gefühlte Temperatur lag natürlich wesentlich darunter. Innerhalb von Minuten gefror unser Wasser in den Trinkflaschen und wir konnten uns nur schreiend unterhalten. Mehrmals glitten wir auf der rutschigen Fahrbahn aus und als ein Lastwagen stoppte, und der Fahrer anbot, uns über den Pass zu bringen nahmen wir zähneknirschend an. Das erste Mal seit unserem Start in Deutschland waren wir auf fremde Hilfe angewiesen.
Auch das Angebot des türkischen Militärs schlugen wir nicht aus und nachdem wir dort genächtigt hatten, stoppten die Soldaten am nächsten Morgen einen Bus, der uns samt Rädern 500 Kilometer durch die unwirtliche, schneeweiße, ostanatolische Landschaft bis in die Stadt Tatvan am Vansee trug. Diesen Kampf, die Türkei zu dieser Jahreszeit in ihrer vollen Länge auf unseren Rädern zu durchqueren haben wir verloren. 1:0 für den ostanatolischen Winter.

„Zweite Hälfte war katastrophal“
Lars Menck als Chef-Einheizer
Matthias Lauber bleibt Trainer