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Markdorf Die „Sprachlosigkeit“ der Sehnenden

14.02.2012


Abschluss der Predigtreihe der evangelischen Kirchengemeinden

Am Ende stand sie stumm da. Mit geneigtem Kopf und leicht erhobenen Händen war Pfarrerin Silvia Johannes gänzlich Geste geworden: das Bild einer Gebenden und auch einer Empfangenden. Vor dem Altar der evangelischen Kirche, ins von außen einströmende Sonnenlicht getaucht, von den Kerzen zusätzlich beschienen, hatte die Seelsorgerin zu einem Moment der Stille eingeladen. Einem Schweigen, das umso länger erschien, da die zuvor gehörte Predigt reich an Worten, Bildern und Begriffen war.

„Gott im Pop“ hieß jene Reihe, unter deren Motto die drei evangelischen Kirchengemeinden von Immenstaad, Meersburg und Markdorf während dreier Wochen die sonntäglichen Gottesdienstfeiern gestellt hatten. Um den Menschen, um seine Rettung und um die Verbindung von Spiritualität, Geistigkeit und Erotik, verstanden als eine sowohl das Körperliche wie auch die geistig-seelischen Anteile umfassenden Liebe, war es gegangen.

„Der Mensch soll lernen, so zu lieben, wie Gott liebt“, hatte Pfarrerin Johannes zuletzt gesagt. Als Resümee und Begründung ihrer Darstellungen, deren Ausgangspunkt ein Pop-Song war, der in den Ohren vieler wie die Laut gewordene Verkürzung auf den bloßen Sexus klingt. Auf den Chanson „Je t'aime“, den Serge Gainsbourg ursprünglich für Brigitte Bardot komponierte, den dann aber Jane Birkin, Gainsbourgs Frau, interpretierte. Und der alsbald wegen seiner Anzüglichkeit in England und Italien auf den Index gelangte.

Lernen, wie Gott zu lieben, was mag das heißen? Das war die Kernfrage, um die all die Annäherungsversuche der Predigt kreisten. Antworten mit eindeutigen, fest umrissenen Zielen konnte es keine geben. Viel zu umfassend, auch viel zu erhaben deutete sich dafür das Thema an. Denn die Gottesliebe zu seinen Geschöpfen mache den Menschen sprachlos. So sprachlos, dass er, statt auf fest umrissene Begriffe setzen zu können, Bilder verwenden muss. Zum Beispiel das Hohe Lied Salomons. Das beschreibe, erläuterte die Pfarrerin, das Verhältnis Gottes zu seinem Volke auf sinnbildlicher Ebene. Buchstäblich jedoch sei dies biblische Gedicht Liebeslyrik, Lobpreis des Bräutigams für den Körper seiner Geliebten.

Diesem Pfad ging die Predigt weiter nach. Anhand von Beispielen aus verschiedenen Jahrhunderten, zumeist Texten von Mystikern, die ihre Glaubenshoffnung kaum anders als in die Sprache der Liebenden zu kleiden wussten. Darin erschöpfte sich die Predigtbotschaft aber keineswegs. Pfarrerin Johannes zeigte noch zweierlei: zum einen, dass solche mystische Suche ein sowohl epochen- als auch kultur- und damit auch konfessions- und religionsübergreifendes Phänomen ist; zum anderen, dass Erotik nicht unrein ist. Dazu werde sie erst gemacht von jenen, die sie auf das rein Körperliche begrenzen. Jenen, die scharf trennen zwischen gutem Geist und schlechtem Fleische.

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