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Langenargen Stefan Lanka und wie er die Welt sieht

Nach seiner Niederlage im Masernprozess lädt Stefan Lanka zum Vortrag nach Langenargen. Seine Fangemeinde ist von seinen „Wahrheiten“ überzeugt.

„Wo du hinschaust nur Nazi-Propaganda.“ Der Mann erntet Nicken. „Man muss sie nur oft genug wiederholen, die alte Lüge“, befindet ein anderer. Die beiden meinen das Gutachten eines Rostocker Universitätsprofessors im „Masernprozess“. Es hat ihrem Idol geschadet, Stefan Lanka, und irgendwie auch ihnen einen Schlag versetzt. Aber sie werden den Kampf aufnehmen. Gegen die Dreistigkeit, mit der der Virologe dargelegt hatte, dass es das Masernvirus gibt, dass in der Forschung darüber „in seltener Eindeutigkeit“ kein Zweifel bestehe. Sie alle hier bezweifeln nicht nur das Virus, sie sind von der kriminellen Energie der Schulmedizin überzeugt: Ihre Infektionslehre, ihre Impfkommission, ihre harten Bandagen bei Krebs – alles Ideologie, alles Lüge, um Leute klein zu halten. Heute Abend wollen sie die Wahrheit hören, hier, im Kavalierhaus in Langenargen.

Stefan Lanka tritt vor das zirka 30-köpfige Publikum, hinter sich eine Leinwand, auf die er gleich Viren-Modelle projizieren wird, Grafiken, Diagramme, ein paar Seiten seiner Doktorarbeit. Lanka ist Biologe. Der Mann, der einst über Viren promovierte und nun vom Leugnen der Viren lebt, wirkt kein bisschen zerknirscht. Obwohl ihn das Landgericht zur Zahlung von 100 000 Euro verurteilt hat – ein von ihm selbst ausgelobtes Preisgeld. Für denjenigen, der die Existenz des Masernvirus nachweist. Ein junger Arzt hat es getan, doch Lanka akzeptiert die sechs Publikationen nicht, die er vorgelegt hat, nach dem Urteil so wenig wie vorher. Er werde nicht zahlen. „Ich habe das Ticket nach Karlsruhe“, verkündet er triumphierend seiner Fangemeinde.

„Der Richter in Ravensburg - habt ihr das gesehen? - der hatte so `nen dicken Ehering und vielleicht seine Kinder impfen lassen. Er denkt, er rettet mit dem Urteil Kinder.“ Gelächter. Aber: „Er hat es nicht mündlich begründet.“ Ein Formfehler, weshalb nun das Bundesverfassungsgericht am Zug sei. Raunen. Das Publikum wird unruhig. Was ist von Karlsruhe zu erwarten? Ist das nicht auch so ein Lügen-Gericht? Lanka beruhigt seine Schäfchen: „Da habe ich keine Bedenken.“

Nein, das Ravensburger Urteil hat das Vertrauen seiner Gemeinde nicht erschüttert. Es fließt ihm unvermindert zu. Jetzt plaudert er über „eine ehemalige Gesundheitsministerin“, die ihn angerufen habe: „Wie können wir die Impfpflicht verhindern?“ Und redet über seine allem Anschein nach glänzenden Kontakte zum Robert Koch-Institut (RKI). Seht her, soll das heißen, ich bin bestens vernetzt und kein unbeachteter Außenseiter.

Das RKI, sagt Lanka und wechselt nun in sein eigenes Universum, kenne „die Wahrheit“: dass es keine Keime, keine Krankheitserreger gebe. Aber: Es publiziere diese Wahrheit nicht. Warum? Lanka holt zu einer kleinen, geisteswissenschaftlichen Vorlesung aus: Weil wir seit Jahrhunderten falsch dächten. Weil wir gelernt hätten, die Welt in gut und böse einzuteilen. Wir bräuchten das Böse, um uns Krankheiten erklären zu können. Den gefräßigen Tumor. Das zerstörerische Virus. Alles ein Irrglaube, den abzuschütteln sich das RKI nicht traue. Die oberste Bundesbehörde zum Schutz der Gesundheit sieht Lanka infiltriert – und zwar vom Vatikan.

Kirche und Päpste hätten uns dieses verheerende Gut-Böse-Denken eingeimpft, dem auch die Medizin bis heute erlegen sei. Antibiotika, Chemotherapie, Bestrahlung – alles theologisch indiziert, um dem Teufel Herr zu werden.

Lanka hat sich warmgeredet. Er springt von Aristoteles zum „Hexenhammer“, von Otto III zu Geheimrat Goethe. Mit allem kann er seine steile Vatikan-These belegen, in ruhigem, freundlichem, pastoralen Ton. Er redet ohne Pause. Ein Dampfplauderer im Gestus des Universalgelehrten. Dass die historischen Koordinaten falsch sind, dass Lanka es mit Quellentexten nicht genau nimmt, die daraus abstrahierten Weltbilder nicht stimmen – niemanden stört das hier. Lanka kann eben auch das: die Geisteswissenschaften abwatschen. Was Historiker, Philologen, Theologen erforschen, das geht eh nicht ans Eingemachte. Das Eingemachte, das sind die Krankheiten. Ein junger Mann erzählt, wie sie seine Mutter „ausgeweidet“ hätten. Sie starb, er kam in Psychotherapie. Eine Frau ist hier, die von ihrer Arbeit mit Krebskranken erzählt. Je größer die Furcht vor einer Krankheit, umso rettender kann der Strohhalm sein, sich einen einfachen Fluchtweg auszudenken. Lanka redet jetzt von Traumata und innerpsychischen Konflikten, die jeder Krankheit zugrunde lägen – also von Dingen, die man in den Griff bekommen kann. Und er erwähnt einen Namen: Ryke Geerd Hamer.

„Hamer hat mir die Angst vor Krebs genommen“, bekennt Lanka. Er habe ihn erstmals im Jahr 2000 kontaktiert, wegen einer Krebspatientin. Da hatte der Mann, der alle Erkrankungen auf ein Schockerlebnis zurückführt, bereits seit 14 Jahren seine Approbation als Arzt verloren. Hamer war zu dieser Zeit auch schon mehrfach verurteilt, wegen Betrugs, Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz, unterlassener Hilfeleistung. Behördlich untersucht wurden in Deutschland und Österreich über 80 Todesfälle, bei denen Hamer Patienten nach seiner „Germanischen Neuen Medizin“ behandelt hatte. Immer wieder handelte er sich Haftstrafen ein, floh quer durch Europa. Seit 2007 hält er sich in Norwegen auf, wo er unter dem Namen einer Scheinuniversität einen Kleinverlag betreibt. Sein Gesuch, in Norwegen approbiert zu werden, wurde gerichtlich abgewiesen.

„Diese Krebsart kann’s gar nicht geben“, hatte Hamer im Fall von Lankas Krebspatientin befunden. Also nahm Lanka sie aus der Klinik. Und befolgt seither auch sonst die Prinzipien der „Neuen Medizin“: „Gibt’s Erreger?“ fragt er sein Publikum und antwortet prompt: „Nein. Punkt. Aus.“ Jede Impfung, jede Operation, jedes Antibiotikum: eine Körperverletzung, um sich Patienten gefügig zu machen. In diesem Parallel-Universum wirft sich nun das Publikum die Bälle zu. „Was muss ich tausenden Menschen eigentlich geben, dass sie so erbärmlich verrecken wie bei Ebola?“ fragt einer. „Die Impfer wollen doch immer alles ausrotten“, wirft ein anderer ein.

„Und dann räuchern sie auch noch die Häuser aus und wickeln die Leichen in phenolgetränkte Laken. Kein Wunder, dass die Angehörigen auch noch krank werden.“ Natürlich kommt auch die Frage aller Fragen auf: „Wer hat denn die Patente auf Impfstoffe?“ Lanka weiß es nicht genau, aber auf jeden Fall „die Amis“. „Klar“, tönt es von hinten.

Mehr Verschwörung geht nicht. Aber: Lanka ruft seine Schäfchen auch zur Räson. Immer dann, wenn es heikel wird: „Das Gerichtsgutachten ist Betrug!“ „Bitte nicht von Betrug reden“, weist Lanka den Zwischenrufer zurecht, „nennen sie es lieber eine Fehldeutung. Betrug müssen sie nachweisen.“ Lanka kennt sich aus mit justiziablen Äußerungen. Er hat Erfahrung mit Gerichten. 2002 nannte er einen Richter in Rosenheim „scientologischer Babyficker“ – und kam dran wegen Beleidigung. 2009 wurde Lanka verurteilt, weil er den damaligen RKI-Präsidenten als „Massenmörder“ beschimpft hatte.

Jetzt achtet er darauf, juristisch unanfechtbare Sätze von sich zu geben. Auch als er gefragt wird, ob er mit einer aidskranken Frau ohne Kondom verkehren würde, wo Aids doch nicht ansteckend sei. Lanka antwortet hinterlistig-verklausuliert: „Ich würde nur mit einer Frau verkehren, die sicher ist, dass sie damit keine Straftat begeht.“ Kondome? Ja, sicher. Aber nur, „weil sie vor Schwangerschaftskonflikten schützen.“ Vor mehr nicht.

Die Frage, warum Masern denn so viele auf einmal haben, wo es doch ein innerpsychischer Konflikt sei, zerredet er erst mal. Schweift ab zu Nanopartikeln in Impfstoffen, schwadroniert über den plötzlichen Kindstod, der eintrete, wenn der Säugling von Vater oder Mutter abgestoßen werde. Morgen will er das alles genauer erläutern. Will den Leuten zeigen, was labortechnisch schiefläuft in der Medizin, weshalb sie Viren nie werde nachweisen können. Sein Tagesseminar kostet 90 Euro. „Und sagen sie nie: ‚Die Ärzte sind blöd‘ oder ‚Die bringen uns absichtlich um‘“, mahnt er, „denen fehlt nur das richtige Wissen.“

„Herr vergib‘ ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, spricht ein Lanka-Jünger das Schlusswort. Es könnte eigentlich auch für seinen Meister gelten. Wenn sich über drei Stunden hinweg da nicht ein Zweifel eingeschlichen hätte. Müsste es nicht heißen: „Vergib ihm, obwohl er weiß, was er tut“?

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