Was muss der Herr Pfarrer für eine stattliche Erscheinung gewesen sein, bei 1,92 Meter. Mit seinem schwarzen Filzhut wuchs Dr. Heinrich Hansjakob auf über zwei Meter. Den Heckerhut trug er zeitlebens, der kirchenkritische Priester, der in Millionenauflage verbreitete produktive Bestsellerautor, der unbequeme Politiker und Pazifist, der seine Meinung zweimal im Gefängnis büßte. Die Kopfbedeckung war dem Star seiner Zeit Verbundenheit mit der badischen Revolution, deren blutige Niederschlagung er zwölfjährig in seiner Vaterstadt Haslach im Kinzigtal miterlebte.
„Mit dem Winzerverein hat er die Wirtschaft stabilisiert und die Winzer auf einen besseren Kurs geführt; nicht nur geldlich auch qualitativ“, beschreibt Diethart Hubatsch vom Heimat- und Geschichtsverein. Welchen weltlichen Segen der „Seelsorger und Leibsorger“ (Blümcke) damit über die Hagnauer brachte, kann man bei ihm selbst nachlesen. In seinem Erzählband „Schneeballen vom Bodensee“ (wie viele Titel Hansjakobs aktuell aufgelegt im Silberburg-Verlag Tübingen) hinterlässt er uns eine 500 Seiten starke Kulturgeschichte eines bettelarmen Landstrichs im 19. Jahrhundert. „Die Schneeballen sind für das Dorf eine unschätzbare Quelle“, sagt Hubatsch, der neben den acht Hauptfiguren rund 70 Hagnauer Namen zählte.
Während das Bronzedenkmal vor dem Hagnauer Rathaus ihn erhaben zeigt, setzte ihm Haslach eines mit einem Negativrelief auf der Rückseite. Es steht für die düstere Seite dieses widersprüchlichen Menschen, der ein einsamer Egozentriker war, depressiv, gemütskrank. Was wohl auch mit seinem allergrößten Problem zusammenhing. Mit seiner „wunden Stelle“, wie sie in einer wissenschaftlichen Arbeit genannt wird. Der katholische Priester konnte den Zölibat nicht einhalten. Verbürgt sind vier Söhne, darunter als bekanntester der legendäre Chefarzt des Meersburger Krankenhauses, Dr. Fritz Zimmermann (1873 bis 1959).
Für viel Gesprächsstoff sorgte vor einem Jahr der Winzer und Destillateur Heiner Renn mit seiner Behauptung, er sein ein Urenkel Hansjakobs. Pikant daran: Nachdem seine Familie fast 100 Jahre Mitglied gewesen war, trat Renn 1999 als erster Winzer aus der Genossenschaft aus. „Ich habe ja damit gerechnet gehabt, dass die Hagnauer ablehnend reagieren“, zieht Renn Bilanz. „natürlich gab und gibt es Zweifler, aber überraschenderweise habe ich sogar viel Achtung und Anerkennung erfahren.“ Und viele tolle Gespräche habe er gehabt. Wie das mit einer alten Hagnauerin, die zu ihm sagte: „Heiner, I honn verlebt, wa du fir ein Siech warsch, i glaub des sofort.“
„Die anderen Kindeskinder gehen damit leiser um“, schmunzelt Bürgermeister Blümcke und findet zum Liebesleben des Priesters eine diplomatische Formulierung: „Seiner Leistungsbilanz für Gläubige und Bürger haben seine Verfehlungen im Zölibat keinen Abbruch getan.“ Indes hat Blümcke Zweifel. Es passe nicht zu Hansjakob, dass er – wäre er der Vater gewesen – zur Stigmatisierung geschwiegen haben soll, die Renns Urgroßmutter Franziska Zimmermann nach der Geburt ihrer unehelichen Tochter im Dorf erleben musste. Und dann habe sich der Pfarrer nie um seine mutmaßliche Tochter gekümmert, wo er doch seinen Söhnen die Ausbildung finanzierte und sich auch in deren Erziehung einmischte. Dabei weiß auch Hagnaus Schultes: „Hansjakob konnte mit Mädle nicht so, das stimmt.“
„Ich habe mit Rudolf Dimmeler gesprochen, unser Vorsitzender und aus dem Dorf“, referiert Hubatsch, der habe zu Renns Geschichte gesagt: „Letztendlich ist das offen.“ Dass Hansjakob mehrere Kinder hatte, bezweifele heute indes niemand: „Das Dorf hat still gehalten, man hat dem Pfarrer offensichtlich so großen Respekt entgegengebracht, dass man schwieg – Hansjakobs dunkle Seite war ein Tabu. Und vielleicht sind ja manche Alteingessene auch heute noch gar nicht mal so glücklich, wenn man drüber redet.“
