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Friedrichshafen Wenn das die Nonnen gewusst hätten!

Adventskalender der Häfler Geheimnisse: Das heutige Bordell an der Flugplatzstraße ist in Klostermauern gebaut.

In dieses Haus gehen Männer entweder schnurstracks hinein oder sie machen einen weiten Bogen darum, damit sie nicht damit in Verbindung gebracht werden. Wer allerdings einfach nur am „Bodensee Bordell“ in Friedrichshafen vorbeispaziert oder -fährt, der wundert sich etwas über die Architektur des Gebäudes: Da ragt ein schreiend rot gestrichenes Haus aus altem Gemäuer empor. Und altes Gemäuer ist im einst weitgehend zerbombten Friedrichshafen ja nun wirklich eine Seltenheit. Befasst man sich intensiver mit der Geschichte dieses Hauses, ist man ziemlich verblüfft und schwankt – je nach persönlicher Prägung – zwischen Amüsiertheit und aufrichtiger Empörung: Bei dem Gemäuer, auf dem sich das heutige Bordell erhebt, handelt es sich nämlich um die letzten Reste des Klosters Löwental, das Ritter Johannes von Ravensburg-Löwental und seine Frau Tuta von Angelberg im Jahr 1250 stifteten. Um das Kloster mit Leben zu füllen, wurde im Gründungsjahr die Konstanzer Beginengemeinschaft der „Konversen von Au“ (conversae de Owe) nach Löwental gerufen, der auch Johannes' Ehefrau Tuta von Angelberg beitrat. Johannes selbst wurde wenige Monate später Mitglied bei den Konstanzer Dominikanern.

Das Kloster entwickelte sich in den ersten 100 Jahren seines Bestehens gut: Zeitweise lebten dort 120 Schwestern und das Kloster Löwental galt als eines der größten und bedeutendsten Dominikanerinnenklöster des Bodenseeraums. Die Nonnen betrieben mithilfe von Mägden und Knechten eine mehr als 200 Hektar große Eigenwirtschaft. Zudem hatten die abhängigen Bauern des Klosters Abgaben und die Höfe der Löwentaler den Pfarreien Zehnten zu leisten. Doch im Laufe des 14. Jahrhunderts geriet der Stern des Klosters Löwental immer weiter ins Sinken. 1416 lebten lediglich noch knapp 30 Frauen im Konvent und auch die bauliche Substanz wurde immer mehr vernachlässigt. Gänzlich in die Knie ging das Kloster während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) im Jahre 1634, als große Teile von schwedischen Soldaten zerstört wurden. Erst 1657 begann man mit dem Wiederaufbau. Mit der Weihe der Klosterkirche waren die Aufbaumaßnahmen im Jahre 1687 fertig gestellt.

Als Schwäbisch-Österreich im Zuge der Säkularisation 1806 an die französischen Verbündeten überging, wurde das Kloster aufgelöst. Noch sechs Jahre war es den Schwestern erlaubt, das Konventsgebäude weiter zu bewohnen. Doch 1812 wurde das Kloster zur Kaserne und die Pfarrrechte der Klosterkirche gingen an die gerade frisch gegründete Stadt Friedrichshafen über. 1826 wurde das Klosterareal versteigert und die Gebäude bis auf einen Teil des Ostflügels und des Kreuzgangs abgerissen. Und schließlich zerstörten die Angriffe der feindlichen Flieger im Zweiten Weltkrieg 1944 weitere Teile der ehemaligen Klosteranlage. Noch erhalten sind die 1709 und 1747/48 entstandene Klostermühle und 230 Meter der westlichen und südlichen Klausurmauer.

Und aus dieser ragt nun ein Häfler Freudenhaus auf. Übrigens wollte Johannes von Ravensburg-Löwental seine Stiftung mit dem Namen „Himmelswonne“ versehen – und in der Tat hieß das Kloster auch bis 1253 so.

Ob sich der Stifter wohl im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, dass der ursprüngliche Name „Himmelswonne“ nun eine ganz andere Bedeutung bekommen hat?

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