Es herrscht eine seltsame Ruhe auf der Pflegestation 20 des Häfler Klinikums, nur ab und an wird sie unterbrochen von einem Piepsen oder einem Alarmsignal, das aus dem Monitor kommt, den Schwester Franziska ständig im Blick hat. Acht Frühchen sind ihre Schützlinge – alle haben sie viel zu früh das Licht der Welt erblickt und liegen in Brutkästen oder Wärmebettchen, werden beatmet oder mit Sonden ernährt. Hier auf dieser ganz besonderen Station sind Leben und Tod manchmal ganz nah beieinander. Kinder, die nur 950 Gramm bei ihrer Geburt wiegen, werden hier liebevoll aufgepäppelt.
Heike Vass Hand umfasst Alexanders kleinen Kopf, dann gibt sie ihm ein Fläschchen mit abgepumpter Muttermilch. Heute schafft Alexander 30 Milliliter, „ein irrer Erfolg“, so seine Mutter, in den ersten Tagen schaffte er gerade einmal einen. Für die 32-Jährige und ihren Mann begann mit der Geburt ihrer Zwillinge eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Glücksgefühlen und Momenten der Angst. „Ich habe immer nur gehofft, dass die Apparate nicht anfangen zu piepsen“, gesteht die Mutter.
Frühgeborene wie Sebastian und Alexander sind besonders gefährdet, denn sie sind empfindlich und brauchen einen Schutzraum, in dem sie sich entwickeln können. „Heute ist die Medizin so weit fortgeschritten, dass wir die Babys gut behandeln können“, weiß Oberarzt Steffen Kallsen, der die Verantwortung für seine kleinen Patienten trägt. „Wir versuchen, der Situation im Mutterleib so nah wie möglich zu kommen, im Brutkasten nähern sich Temperatur und Luftfeuchtigkeit der der Gebärmutter weitestgehend an“, so Kallsen. Trotzdem bleibt ein Restrisiko, die Kinder hängen an Schläuchen, müssen manchmal künstlich beatmet werden. „Wir müssen immer ganz genau beobachten, ob der Blutdruck oder die Sauerstoffsättigung schwanken“, erklärt Kallsen. Bei manchen Frühchen ist auch die Lunge noch nicht vollständig ausgereift. Die größte Gefahr für Frühgeborene sind Gehirnblutungen, damit verbunden sind Behinderungen.
Allein 2011 wurden auf der Neonatologie im Häfler Klinikum 81 Frühgeborene behandelt, das Kleinste wog nur 850 Gramm. Auch für Oberarzt Kallsen ist sein Job nicht immer ganz einfach: „Ich bin ja auch nur ein Mensch und sehe, wie sich die Eltern dieser Babys fühlen. Für mich ist es wichtig, dass wir hier alles richtig gemacht haben. Trotzdem gibt es in manchen Fällen auch so etwas wie Schicksal, das nimmt mich dann natürlich auch mit“, gibt er zu. Doch in den meisten Fällen geht alles gut und die Frühchen kommen früher oder später nach Hause zu ihren Eltern und Geschwistern. Auf einer riesigen Pinwand auf der Station hängen Unmengen von Fotos und Dankeskarten – alle von Eltern, die sich für die Unterstützung und die liebevolle Pflege ihrer Kleinsten bei den Mitarbeitern bedanken.
Während der Oberarzt gerade mit einer Schwester spricht, klingelt sein Piepser – im Kreissaal ist eine Mutter mit Zwillingen, die per Kaiserschnitt entbunden werden müssen und Kallsens nächste Patienten werden.
Von Hektik ist auf der Station PG 20 trotzdem nichts zu spüren, ruhig informiert Kallsen die Schwestern über die erwarteten Neuzugänge. Wenige Stunden später sind sie da – klein und zerbrechlich liegen sie in den Inkubatoren. Hochkonzentriert beginnen Oberarzt Kallsen und Schwester Franziska gemeinsam, die Geschwisterchen zu versorgen, ihnen Zugänge zu legen und gleichzeitig den Vater zu beruhigen.
Schwester Franziska ist schon seit zwei Jahren hier und bezeichnet ihren Beruf als „Traumjob“, auch wenn es manches Mal Situationen gibt, die auch ihr schwer zu schaffen machen. „Aber eigentlich überwiegt die Freude. Jeden Tag sieht man die Fortschritte, die die Kleinen machen, wir arbeiten eng mit den Eltern zusammen und freuen uns darüber, wenn wir unsere Kleinen gesund und munter entlassen können“, sagt die 22-Jährige lächelnd.
Mama Heike Vass versucht, so oft wie möglich ihre Zwillinge zu besuchen, denn die körperliche Nähe mit den Eltern ist für die Babys besonders wichtig. Wenn genügend Zeit ist legt sie sich ihre Söhne auf die Brust – „Känguruhen“ heißt das im Fachjargon. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die wie kleine Känguruhs nahe bei ihren Eltern sind, weniger Stress haben, sich schneller entwickeln und besser schlafen. „Leider kann ich nicht dauernd hier sein“, sagt die Mama aus Markdorf. Sie wechselt sich mit ihrem Mann Uwe ab, denn auch ihre zweijährige Tochter Sara soll nicht zu kurz kommen. „Das ist manchmal wirklich eine Zerreißprobe für uns alle“, sagt Vass. Aber jetzt muss die Familie nur noch ein paar Wochen durchhalten – dann können Alexander und Sebastian nach zehn Wochen Klinikaufenthalt endlich nach Hause. „Dann werden wir alles nachholen und ganz viel kuscheln“, flüstert sie dem kleinen Alexander ins Ohr. Er hat seine Augen geschlossen und schmiegt sich an seine Mama.
Um das Klinikum Friedrichshafen ist der Medizin Campus Bodensee mit Mutter-Kind-Zentrum, Psychiatrischer Klinik und weiteren Angeboten entstanden.

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