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Fasnacht

Friedrichshafen - Weihnachtsoratorium mit Schweigeminute

Beim Konzert des Windsbacher Knabenchors mit dem Kammerorchester Basel im Graf-Zeppelin-Haus wurde auch der Opfer des Terroranschlags in Berlin gedacht

„Jauchzet, frohlocket“ nach dem schrecklichen Attentat von Berlin? Martin Lehmann, Dirigent des Windsbacher Knabenchors und gerade mit dem Weihnachtsoratorium auf Tournee, äußerte dem Publikum gegenüber seine inneren Zweifel. Aber vielleicht kann die Verkündigung der Weihnachtsbotschaft ein wenig Trost spenden.

Die Aufführung der Teile I bis III und Teil VI des Bachschen Meisterwerkes war beispielhaft im Hinblick auf eine historische Klangvorstellung. Zunächst die geschulten Stimmen des Chors. Die Mischung der leuchtenden Knabenstimmen mit jungen Männerstimmen, immer ohne Vibrato gesungen, ergab einen faszinierenden, durchsichtigen Klang. Selbst in den dichten polyphonen Stellen mit lockeren Koloraturen, prägnanten Themeneinsätzen war alles klar durchhörbar. Bewundernswert wie leicht, ohne sichtbare Anstrengung, die höchsten Lagen erreicht wurden. Perfekt intoniert, mit langem Atem, die Schlussakkorde in den Chorälen. Immer vom Text ausgehend in unterschiedlichem Tempo und Phrasierung, Atmung und Haltepunkten bekam jeder Choral seinen eigenen Charakter. Hier zeigte sich Lehmann, der nur ganz kleine Zeichen gab, eng mit seinem Chor verbunden. Im Gedächtnis wird der G-Dur Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“ bleiben: Im A-cappella-Satz, mit kindlicher Frömmigkeit, jeden Vorhalt und Achteldurchgang auskostend und atemberaubendem Piano erlebte man die Anbetung des Christuskindes. Natürlich wie das ganze Konzert alles auswendig gesungen!

Etwas enttäuscht waren manche Zuhörer im ausverkauften EckenerSaal über die fehlende Klangfülle des in Friedrichshafen bekannten Chores. Dies war dem Kammerorchester Basel geschuldet. Durch das Spiel auf historischen Instrumenten, die wesentlich leiser klingen, muss die Dynamik im Chor zurückgenommen werden. Sonst käme der Vorwurf, etwa bei den Chorälen, dass das Orchester zugedeckt würde. Wenn man sich aber darauf einlässt, ergibt sich ein neues, transparentes Hörerlebnis. Deshalb gab es auch keinen ohrenbetäubenden Klang, wenn die drei Naturtrompeten in höchste Höhen hinaufstürmten. Intime Stimmungen entstanden bei den Arien zusammen mit Soli auf Traversflöte, Barockvioline oder Barockoboe. Auch der Wechsel im Continuo zwischen Fagott, Truhenorgel, Cello und Theorbe gab immer neue Klangfarben in den Secco-Rezitativen. Reich ausgeschmückt ebenso die Accompagnato-Rezitative. Klangvoll ausmusiziert die Sinfonia zu Beginn des zweiten Teils im treffend punktierten Siciliana-Rhythmus.

Mit differenzierter Gestaltung, voll in den Gesamtklang des Werkes eingebunden, sangen Solistinnen und Solisten. James Gilchrist überzeugte mit großer Textdeutlichkeit und Spannung als Evangelist. In den Arien gefiel der auch in der Höhe bewegliche Tenor. Mit ihrer warmen Altstimme, behutsamen Umgang mit dem Vibrato, starken Koloraturen und beherzter Tiefe zog Wiebke Lehmkuhl die Zuhörer in ihren Bann. Mit viel Gespür für den Gesamtzusammenhang blieb der Bariton Tobias Berndt beim empfindsamen Oratoriengesang ohne opernhafte Allüren. Sarah Wegener glänzte mit ansatzloser Höhe und klarem, agilen Sopran.

Nach dem Quartett „Was will der Hölle Schrecken“ der hochkarätigen Solisten folgte der Schlusschoral „Nun seid ihr wohl gerochen“ mit homophonem Chor, glanzvollen Orchesterzwischenspielen und virtuoser Trompetenüberstimme. Für den begeisterten Applaus sang der Knabenchor das älteste deutschsprachige Weihnachtslied „Sei uns willkommen, Herre Christ“ im feinsten Piano. Nach dem letzten „Kyrie eleison“ hatte Lehmann um eine Schweigeminute gebeten.

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