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Friedrichshafen Wahlkampf hinter den Kulissen

20.12.2010


Die Überraschung war am Wahlsonntag in Lichtenstein perfekt: „Erdrutschsieg für Peter Nußbaum“ titelte die lokale Presse. Der 41-Jährige Herausforderer hatte den seit 24 Jahren amtierenden Bürgermeister Helmut Knorr schon im ersten Wahlgang mit knapp 62 Prozent aus dem Amt gefegt.

Hinter den Kulissen rieb sich einer die Hände, der am Wahlerfolg beteiligt war: Bernd Richard Hinderer, auch „Bürgermeistermacher“ genannt, wenngleich er den Titel nicht sonderlich mag. Aber wenn er einem Verwaltungsfachmann wie Nußbaum, der bisher im Landratsamt Göppingen Dienst tat, den Weg in den Chefsessel einer 9000-Einwohner-Gemeinde auf der Schwäbischen Alb ebnen kann, dann wird er diesem Namen vollauf gerecht.

„Tach, ich will Bürgermeister werden.“ Mit diesem Satz haben sich schon Dutzende – fast immer Männer – an ihn gewandt. Der 60-jährige Wahlkampfstratege berät und unterstützt Jene, die Rathauschef bleiben oder werden wollen. Manchmal bekomme er auch Anrufe von „engagierten“ Bürgern, die ihren Bürgermeister gern in den Wind schießen möchten und mit Hinderers Hilfe einen Kandidaten finden und aufbauen lassen wollen. Solche Offerten allerdings lehne er in der Regel ab.

Ortsfremde Verwaltungsfachkraft mit Karriere-Ambitionen, die bei Neuwahlen „landen“ will: Das ist in drei von vier Fällen sein „Standardkunde“ und der klassische Bürgermeisterkandidat im Württembergischen. Im Badischen habe eher noch der ortsansässige, angesehene Typ wie der Sparkassenchef oder Hauptamtsleiter beste Chancen, aber „das verwässert sich immer mehr in Richtung württembergisches Modell“, meint Hinderer, der seinem Kandidaten zunächst die passende Gemeinde aussucht. Wo Der- oder Diejenige regieren will, sei den Meisten egal. „Der Bodensee ist natürlich beliebt.“

Nicht katholisch und kein Badener: Eigentlich hätte der Pfullinger Simon Blümcke 2003 nach den Regeln der Bürgermeistermacher keine Chance in Hagnau gehabt. Doch der damals 28-Jährige kam, sah und siegte – sogar vier Mal, bis er offiziell Bürgermeister in dem Weinbauort wurde. Nachdem die erste Wahl wegen juristischer Spitzfindigkeiten annulliert worden war, trat Blümcke bei der zweiten frustriert nicht mehr an und wurde trotzdem von 299 Hagnauern gewählt. Im Mai nächstens Jahres will er im Amt bestätigt werden. Lässt er sich im Wahlkampf beraten? „Wenn ein Bürgermeister beratungsresistent ist, wäre er der Falsche für diesen Job,“ meint Blümcke. Dass er professionelle Hilfe in Anspruch nahm, daraus habe er kein Geheimnis gemacht. „Aber entscheiden tue ich selber.“

Vor 15 Jahren war Bernd Richard Hinderer der Erste im Land, der die Kandidaten strategisch beraten hat. Seither hat der kantige Gomadinger mit dem spitzbübischen Lächeln nach eigenen Angaben fast 100 Kandidaten betreut. Diese Form der individuellen Wahlkamphilfe geht auch nur in Baden-Württemberg mit seinen 1101 Städten und Gemeinden, weil in allen anderen Bundesländern sämtliche Bürgermeister am selben Tag bei der Kommunalwahl gekürt werden. „Meine Aufgabe ist, dass der, der mich bezahlt, die Wahl gewinnt“, sagt Bernd Richard Hinderer. Eine Erfolgsgarantie freilich gebe es in diesem Geschäft nicht. Seiner Meinung nach gewinne eine Wahl aber nicht per se der bessere Bürgermeister, sondern der bessere Wahlkämpfer. Wenn ein Amtsinhaber jedoch acht Jahre schlecht in seinem Job war, dann könne man das in vier Wochen Wahlkampf nicht mehr wettmachen. Über Erfolg und Niederlage entscheide letztlich ohnehin, ob der Funke vom Kandidaten zum Volk überspringt oder eben nicht. „Aber die überwiegende Mehrheit meiner Kunden gewinnt die Wahl“, sagt Hinderer, der stets im Hintergrund bleibt. Die Wenigsten stehen dazu, dass sie professionelle Hilfe hatten.

Andreas Brand, Oberbürgermeister in Friedrichshafen, schon. Und er verrät auch, dass von den Bürgermeistern, die er kennt, sich 80 Prozent externer Hilfe beim Wahlkampf in unterschiedlichster Tiefe bedient hätten. Er hält das für legitim, jeder Kandidat will letztlich erfolgreich sein. Nicht zuletzt sei es eine persönliche Investitionsentscheidung in die eigene Zukunft, Bürgermeister werden zu wollen. Zum Nulltarif gibt es das nicht. Etwa einen Euro pro Einwohner koste der Wahlkampf, „ohne Mitbringsel und rote Rosen auf dem Markt“, so Brand. Er selbst hat für den Kandidatenwettstreit in Friedrichshafen mit damals rund 56 000 Einwohnern einen Kredit aufgenommen. Was seine Hilfe kostet, sagt Bernd Richard Hinderer nicht. Es kommt darauf an, welches Paket der Kunde bucht. Er ist nicht nur Coach und Redenschreiber, Rhetorik-Trainer und, zusammen mit einem Grafiker, auch der Mann fürs Wahlkampfplakat und den passenden Internetauftritt. Zum Job gehöre es, seinen Kandidaten an den Fettnäpfchen vorbei zu navigieren. „Man gewinnt eine Wahl manchmal nur dadurch, dass die anderen die Fehler machen.“

Nicht zuletzt versorgt er seine Kandidaten mit „weichen“ Informationen aus dem Archiv der Lokalzeitung oder dem Wirtshaus um die Ecke über die Probleme der Leute und die Stimmung vor Ort. Darauf das Profil seines Kandidaten abzustimmen, gehört zur Dienstleistung auf Wunsch dazu. Er ist längst nicht mehr der Einzige seines Fachs. Konkurrenten sind Unternehmensberater, PR-Büros oder Männer wie Erich Holzwarth, der für den SPD-Landesverband Genossen oder nahestehende Parteilose in ihrem Bürgermeisterwahlkampf unterstützt. Auch die Verwaltungsfachhochschulen Kehl und Ludwigsburg, die seit Jahren – bundesweit einzigartig – Bürgermeisterkandidaten-Seminare als dreitägigen Crashkurs anbieten, bereiten die Anwärter aufs Amt vor. Strategien für den Stimmenfang kann man lernen, ebenso Klinkenputzen, Garderobe und Rhetorik. Ein Kandidat muss aber überzeugen. Dabei kann ihm kein noch so professioneller Berater helfen.

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