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Friedrichshafen Vom Sprechen und Schweigen der Historie

Die Installation "Aggregat 4" von "steffenschöni" am Häfler Hafenbahnhof im Rahmen der Triennale

Betonteile als vieldeutige Kriegstrümmer auf dem Hafenbahnhof; unten rechts ein altes Radio. | Bild: Ruppert

Spätestens seitdem im Jahr 2003 das Buch "Friedrichshafen im Luftkrieg 1939-1945" von Raimund Hug-Biegelmann erschien, ist die Zerstörung Friedrichshafens im Zweiten Weltkrieg kein unter der Decke gehaltenes Thema mehr. Warum man lange nur ungern über diese Zeit sprach, lag wohl nur zum Teil an der erlittenen Traumatisierung; eine weitere Ursache lag in dem Umstand, der überhaupt erst zur Bombardierung durch die Alliierten geführt hatte: die in der Stadt angesiedelte Rüstungsproduktion für das Dritte Reich, weswegen wiederum nach dem Luftkrieg den Häflern die einseitige Einnahme der Opferperspektive verwehrt blieb.

"Identität" ist eines der Stichworte, unter denen die 4. Triennale zeitgenössischer Kunst in Friedrichshafen steht, und Identität ist immer das Ergebnis der eigenen Geschichte. Mit der Geschichte, und damit der Identität Friedrichshafens, befasst sich im Rahmen der Triennale eine Arbeit des schweizerischen Künstlerduos "steffenschöni" alias Karl Steffen und Heidi Schöni. Um sie zu besichtigen, braucht man sich keine Eintrittskarte zu kau-fen: Der eine Teil des Kunstwerks befindet sich auf dem Endstück der Gleise des Hafenbahnhofs, der andere in einem Schaufenster der oberen Hafenbahnhof-Unterführung (zwischen C&A und Marktkauf).

Unförmige Betonbrocken, aus denen rostiger Rundstahl herausragt - wie ein vergessener Überrest der doch längst abgeräumten Kriegstrümmer liegen die tonnenschweren Bruchstücke auf den Gleisen. Zugleich jedoch scheinen die Trümmer aufgrund des Titels der Arbeit eine ganz andere Herkunft in sich zu tragen: "Aggregat 4" heißt die Installation, so wie jene Großrakete, die im Zweiten Weltkrieg bei Oberraderach gefertigt wurde - besser bekannt unter der Bezeichnung "V2". Mit der V2 wiederum wurden ab 1944 britische und belgische Ziele angegriffen. Soll es sich bei den Trümmern also gar nicht um Überreste der Zerstörungen in Friedrichshafen handeln, sondern, ganz im Gegenteil, um die Schäden, welche die in Friedrichshafen mitproduzierten Waffen auf Feindesseite anrichteten? Die Arbeit von "steffenschöni" funktioniert wie eine Kippfigur, in der die widersprüchliche damalige Täter/Opfer-Rolle der Stadt zur Deckung kommt.

Man braucht diese Einschätzung nicht zu teilen: Geschichte ist ein Konstrukt, das aus Splittern zusammengefügt werden muss - Splitter, die eine Annäherung an die damalige Unmittelbarkeit der Ereignisse ermöglichen sollen, um dann, in einem zweiten Schritt, zu einer Bewertung des Geschehenen zu gelangen.

Die Kamera-Nachgüsse in der Hafenbahnhof-Unterführung.
Dass Geschichte verschüttete Unmittelbarkeit ist, verdeutlicht die Installation auf den Gleisen, indem sie die Situation einer Ausgrabungsstelle suggeriert: Die Betonteile wirken, als seien sie einer schweigenden Vergangenheit entnommen worden. Sie wurden geborgen und auf Kanthölzern gelagert, um nun gleichsam zum Gegenstand der historischen Forschung zu werden.

Doch an dieser simulierten Ausgrabungsstelle befindet sich neben Trümmern noch etwas anderes: halb im Boden versunkene alte Radiogeräte. Auch sie machen deutlich, dass die Situation gestellt ist: Es handelt sich nicht um echte Radios, sondern um Beton-Nachgüsse von Geräten, wie sie, so die Künstler, noch im Zweiten Weltkrieg in den Haushalten zu finden waren. Wie die Trümmer, sind auch diese "versteinerten" (und somit auf doppelte Weise verstummten) Radios mit Ambivalenz aufgeladen: Einerseits war das Radio ein Propagandainstrument im Dienst des Nazi-Regimes, andererseits konnte es aber auch in den Dienst der Alliierten treten, wenn man es wagte, die Auslandssender abzuhören. So wird das Radio zum Orakel darüber, was die Kriegsgeneration der eigenen Staatsmacht glauben musste, was sie unerlaubterweise dennoch wissen konnte und wem sie letztlich traute, kurz: Wie es um ihr Bild der Wirklichkeit überhaupt bestellt war.

Mit der Frage nach dem Bild der Wirklichkeit dringt "Aggregat 4" ins Innerste der Schwierigkeiten, auf die die historische Forschung bei ihrer "Ausgrabungsarbeit" stößt: Was die Deutschen im Dritten Reich dachten, wussten und fühlten, lässt sich zum einen nur schwer rekonstruieren, und wo es gelingt, lassen sich daraus ohne den Preis der verfälschenden Verallgemeinerung keine kollektiven Antworten destillieren.

"Aggregat 4" ist ein Kunst gewordenes Sinnbild für die Lage, in der wir uns heute befinden, wenn wir versuchen, etwas über eine Vergangenheit herauszufinden, welche die Identität der Stadt mit bedingt. Vielleicht noch einleuchtender für diese Situation der Unbestimmtheit ist jenes zum Kunstwerk gehörende Arrangement von Fotoapparaten, das sich in einem Schaufenster in der Hafenbahnhof-Unterführung findet: Wie bei den Radios handelt es sich nicht um echte Fotoapparate, sondern um Nachgüsse, die teilweise auf merkwürdige Art ihre ursprüngliche Form verloren haben. Der Grund: Es handelt sich um Kameras, die nach dem

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Unglück von Lakehurst aus den Trümmern des verbrannten Luftschiffs Hindenburg geborgen wurden.

Mit den Kameras wurden zugleich die Bilder auf den in ihnen befindlichen Filmen vernichtet. Diese Kameras haben Geschichte gebannt, doch sind diese Zeugnisse unserem Einblick unwiederbringlich entzogen; das Feuer hat sie ausgelöscht. Die Abgüsse dieser Kameras wirken nun wie Miniaturmonumente eines Schweigens, von dem man meint, es müsste jederzeit zu sprechen beginnen.

Ist dieses Paradox nicht zugleich ein Motor, der unser nicht nachlassendes Interesse an Geschichte - auch der Geschichte der Stadt Friedrichshafen - begründet? Vom "beredten Schweigen" über die Vergangenheit der Stadt ist das in "Aggregat 4" zum Ausdruck kommende Verhältnis vom Sprechen und Schweigen der Geschichte jedenfalls weit entfernt.


 

Triennale - Aktionen


Die Triennale in Friedrichshafen ist reich an Kunstaktionen im öffentlichen Raum. Eine Übersicht findet sich auf der Homepage der Trien-nale, im Triennale-Faltblatt und

im Katalog zur Triennale, der für

12 Euro im Zeppelin-Museum zu haben ist.

Informationen im Internet:

www.triennale-oberschwaben.de

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