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Friedrichshafen Vom Alltag aus dem Flüchtlingswohnheim im Fallenbrunnen

250 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten leben seit Mittwoch, 27. Januar, in den Containern im Fallenbrunnen. Damit ist die Gemeinschaftsunterkunft jetzt voll belegt. Wie das Zusammenleben funktioniert und wie wichtig Vertrauen ist, das erzählen Sebastian Bretz und Arezoo Golshiri, die Sozialarbeiter vor Ort.

Rund um den Hangar stehen einige Leute, sie rauchen, sie unterhalten sich. Im Obergeschoss des Gebäudes befindet sich das Büro der Sozialarbeiter des Flüchtlingswohnheims im Fallenbrunnen. Der Hangar, das ist das Zentrum der Wohnanlage: Versammlungsraum, Veranstaltungsort und Ankunftsplatz. Sebastian Bretz und Arezoo Golshiri, Sozialarbeiter des Roten Kreuzes, sind gerade beschäftigt. Im großen Raum im Obergeschoss befinden sich einige Tische und Stühle, in der Ecke steht ein Holzschaukelpferd. Wenn es Probleme oder Fragen gibt, dann kommen die Bewohner der ehemaligen Container-Uni hierher. Eine Wohnung habe keinen Kühlschrank, berichtet ein Asylbewerber. Ein Kühlschrank gehört eigentlich zu der Grundausstattung der Zimmer. Kühlschrank plus Tisch und Stühle sowie ein Starterpaket mit Putzzeug und Hygiene-Artikeln. „Wir kümmern uns darum“, sagt Bretz. Neben dem Kontakt mit den ehrenamtlichen Helfern, der Koordination von Deutsch-Kursen und verschiedener weiterer Anmeldungen sind Bretz und Golshiri die direkten Ansprechpartner für die Menschen im Wohnheim.

Das ist seit Mittwoch, 27. Januar, mit 250 Bewohnern voll ausgelastet. In der Gemeinschafts-Unterkunft warten die Flüchtlinge, während ihr Asylverfahren läuft. „Das ist ganz individuell. Bei manchen ist das nach zwei Monaten schon durch, andere warten länger“, sagt Sozialarbeiter Bretz. Die Bewohner der Gemeinschafts-Unterkunft haben pro Person Anspruch auf viereinhalb Quadratmeter Wohnraum. Es gibt Zweierzimmer und Familienzimmer. Familien hat es generell sehr viele im Fallenbrunnen: „Rund 30 bis 40 Prozent der Bewohner sind Kinder“, sagt Bretz.

Ein kleines Mädchen mit einer Bommelmütze läuft über den Vorplatz bei den Containern. Golshiri ist Iranerin, spricht Farsi und ermahnt die Kleine, sich richtig anzuziehen: „Wieder ohne Jacke, sie holt sich noch eine Erkältung.“ 2011 kam die 37-Jährige selbst als Flüchtling nach Deutschland. Jetzt möchte sie mit ihren Erfahrungen den Flüchtlingen von heute beistehen und helfen: „In Bezug auf die Versorgung der Flüchtlinge ist heute vieles sehr viel besser geworden.“ Im Fallenbrunnen befinden sich derzeit Leute aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Gambia und aus dem Irak. Gegenseitige Ressentiments gibt es jedoch keine.

 

 

Vertrauen aufbauen: Das Wichtigste bei der Arbeit sei die Kommunikation mit den Leuten im Wohnheim: „Wir wollen das Gefühl vermitteln, dass man hier nicht als Flüchtling behandelt wird, sondern als Mensch. Ich behandle hier keinen anders als andere Menschen“, erklärt Bretz und ergänzt: „Wenn man vernünftig mit den Leuten redet, dann entsteht auch ein Vertrauensverhältnis.“ Da erhalte niemand eine Extra-Behandlung: „Ich bin ja nicht der Einheimische, der die Welt erklärt“, sagt der 46-Jährige.Dieses Vertrauen zeige sich dann auch in Gesprächen, in welchen die Bewohner des Heims im Fallenbrunnen auch von ihren Schicksalen berichten. Auf dem Handy haben viele Flüchtlinge Bilder von der Flucht, vom zerstörten Haus in der Heimat: „Das sind zutiefst menschliche Momente, mit denen wir auch umgehen müssen“, sagt Bretz.

 

Handy ist wichtig: Ganz oft müsse sich Sebastian Bretz allerdings auch an den Kopf fassen und sich wundern, was für ein Bild viele Menschen von Flüchtlingen haben: „Auch in Damaskus und Aleppo gibt es große Boulevards wo Autos fahren.“ Ärgerlich findet er auch das Gerücht, Flüchtlinge bekämen bei ihrer Ankunft hier Smartphones geschenkt: „Sie bringen das Handy aus ihrer Heimat mit. Es ist wichtiges Kommunikationsmittel und Navigationsgerät“, beschreibt Bretz und fordert: „Ein gedanklicher Seitenwechsel ist da immer von Vorteil. Einfach mal sich selbst fragen, was würde ich mitnehmen?“ Auf dem Innenhof habe ein Familienvater per Video-Telefon mit seinem Bruder in Syrien gesprochen und schließlich dann auch die Kamera auf Sebastian Bretz gehalten: „Das ist der Mann, der auf uns aufpasst“, habe er erklärt.Bretz' Handy klingelt im Minutentakt. „Das geht hier immer so“, erklärt er. Bei einer Größenordnung wie im Fallenbrunnen sei es äußerst selten, dass es ruhig sei. Es gebe immer jemanden, der eine Frage habe: „Man muss sich Zeit nehmen und vernünftig reden. Die Leute geben ihr Wissen dann weiter“, sagt Sozialarbeiter Bretz.

 

Spaß zu helfen: Abseits des gekiesten Innenbereichs des Flüchtlingswohnheims spielen Kinder im Matsch. Auch hier wird Sebastian Bretz angesprochen und um Hilfe gebeten. Hassan aus dem Libanon übersetzt. Er hilft damit den anderen Bewohnern der Container. In seiner Heimat sei er Team-Manager in einem Betrieb gewesen, erklärt Hassan in gutem Englisch. Er habe Spaß daran, wenn er anderen Menschen helfen könne: „Wenn man etwas mit Freude macht, geht es viel einfacher und besser.“ Derzeit übe er Deutsch: „Ich übe mit dem Handy“, hält er sein Smartphone in die Höhe.

 

Große Solidarität: „Ich habe selten so viel Solidarität erlebt wie hier“, sagt Bretz und berichtet: „Wenn neue Leute ankommen, müde von den Strapazen, dann sieht man, wie die Bewohner, die schon länger hier sind, zusammenkommen. Da wird dann Essen mitgebracht und den Neuankömmlingen gegeben. Alle helfen mit.“ Bei Gruppenterminen für das wichtige Gespräch in der Landeserstaufnahmestelle sei Hassan einer von vielen, die dann die Leute zusammentrommeln und übersetzen. „Wir achten sehr früh darauf, dass sie sich selbst um die Dinge kümmern. Es soll keine Service-Mentalität entstehen“, erklären die Sozialarbeiter vom Roten Kreuz. Es gebe im Fallenbrunnen die unterschiedlichsten Berufsgruppen: Ärzte, Bäcker, Maschinenbau-Ingenieure, einfach alles querbeet und jeder helfe.

 

Auch mal Ärger: Im Wohnheim sei jedoch nicht alles nur harmonisch: „Wenn 250 Leute auf so einem Raum zusammenleben, dann gibt es zahlreiche Missverständnisse“, erklärt Sebastian Bretz. Allerdings, so betont er, ließen sich viele Angelegenheiten sehr schnell lösen: „Da kommt es zu Konflikten um banale Sachen, die aber unkompliziert geklärt werden können“, sagt der 46-Jährige.

 

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