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Friedrichshafen Viel Arbeit für Streetworker in Friedrichshafen

Die Sozialarbeit auf der Straße ist in Friedrichshafen nach wie vor nötig. Der Gemeinderat entscheidet am Montag über die Verlängerung des Projekts.

Seit 2008 sind unter dem Dach des Ravensburger Vereins Arkade Streetworker in Friedrichshafen unterwegs, um jungen Menschen in Krisen einen Ausweg aufzuzeigen. Zielgruppe sind Jugendliche, die Alkohol oder Drogen im Übermaß konsumieren, Schule oder Ausbildung abgebrochen haben, auf der Straße leben, überschuldet und oft orientierungslos sind. Sie erhalten Hilfe und Unterstützung bei der Alltagsbewältigung und Entwicklung einer Lebensperspektive. Aus anfänglich einer Stelle wurden inzwischen 2,8 Stellen; drei Streetworker kümmern sich derzeit vor allem um die mobile Jugendarbeit in der Stadt.

Am Montag entscheidet der Gemeinderat, ob das Projekt, das bis Oktober befristet ist, bis zum Jahr 2020 verlängert wird. Aus Sicht der Verwaltung führt kein Weg daran vorbei. Der Bedarf wird "dauerhaft für notwendig erachtet", steht in der Ratsvorlage. Angesichts der zunehmenden Zahl an Jugendlichen, die gesellschaftlich ausgegrenzt oder von Ausgrenzung bedroht sei, gewinne Streetworking "immer mehr an Bedeutung". Diese Tendenz belegt nicht zuletzt der Tätigkeitsbericht der Arkade für 2016, der ebenfalls vorgelegt wird. 204 junge Menschen wurden allein im vergangenen Jahr begleitet und beraten, darunter mehr als die Hälfte Minderjährige und 65 unter 25-Jährige.

Für Florian Nägele, der als Mitarbeiter der Arkade die Bereichsverantwortung für die aufsuchende Sozialarbeit, Streetwork und Wohnungslosenhilfe innehat, ist gerade die mobile Jugendarbeit in Friedrichshafen eine Erfolgsgeschichte. Nägele war seit 2008 selbst als Streetworker unterwegs, kennt die Szene und den Bedarf. Er ist froh, dass benachteiligte Jugendliche hier nicht sich selbst überlassen bleiben, auch wenn sie keine Hilfe mehr in Anspruch nehmen wollen oder können. "Wir bieten Hilfe und Beratung auf ganz niederschwelligem Niveau an und profitieren heute auch von einem Netzwerk, das wir über viele Jahre in der Stadt aufgebaut hat", erklärt er. So ist die Arkade zusammen mit dem Verein Dornahof beispielsweise in der Wohnungslosenhilfe in Friedrichshafen tätig und betreibt die Obdachlosenunterkunft in der Keplerstraße. Gute Kontakte bestehen zu Polizei, Fachämtern, Sozial- und Drogenhilfe und weiteren Partnern.

Soziale Beratung für Prostituierte

Seit drei Jahren gibt es im Streetwork, also der Sozialarbeit auf der Straße, ein weiteres Projekt, das auf Initiative der Freien Wähler hin eingerichtet wurde. Als der Gemeinderat im Juli 2014 mehrheitlich beschloss, auch für "Menschen in der Sexarbeit" in der Stadt eine soziale Beratung zu ermöglichen, war das Neuland. Dementsprechend groß war die Skepsis. Am Montag soll der Gemeinderat auch dieses Projekt um drei weitere Jahre verlängern. "Es ist nicht nur der Bedarf da, sondern das Angebot wird angenommen", erklärt Florian Nägele, der auch für dieses Projekt zuständig ist. Rund 80 Prostituierte sind in der Stadt angemeldet, aber mindestens doppelt so viele Frauen seien in diesem Gewerbe tätig. Das reicht vom Escort-Service über Terminwohnungen bis hin zum Bordell.

 

Verein Arkade

Die Arkade ist ein 1977 gegründeter Verein mit Sitz in Ravensburg. Neben seinem Engagement für die Gemeindepsychiatrie ist die Arkade ein starker Träger der Jugendhilfe, der sich im Süden Baden-Württembergs um junge Menschen in Gastfamilien genauso kümmert wie um unbegleitete minderjährige Ausländer oder die mobile Jugendarbeit. Seit 2008 verantwortet die Arkade im Auftrag der Stadt die mobile Jugendarbeit/Streetwork in Friedrichshafen. Die Bereichsleitung der Jugendhilfe liegt bei Werner Nuber, die Bereichsverantwortung für die aufsuchende Sozialarbeit bei Florian Nägele. (kck)


Nach sehr intensiver Vorarbeit in einer zweijährigen Startphase sei es gelungen, Zugang zu diesem Klientel zu erhalten. Wurden im ersten Jahr 42 Prostituierte, aber auch deren Kunden beraten, waren es im vergangenen Jahr nahezu doppelt so viele. Dabei geht es nach Aussage von Florian Nägele nicht nur um Ausstiegshilfe, sondern um vielfältigste Beratung – von Gesundheitsfragen über die Vermittlung zu Ämtern bis hin zur Krisenintervention.

Auch aus diesem Grund wollen Stadt und Arkade das Angebot ausbauen und eine Beratungsstelle, also einen festen Anlaufpunkt für diese Frauen, einrichten. Bislang gibt es solch ein Angebot in Baden-Württemberg nur in Großstädten wie Freiburg, Karlsruhe oder Stuttgart. Wo diese Beratungsstelle etabliert werden soll, steht noch nicht fest. Aber mit Zustimmung des Gemeinderats am kommenden Montag sind im Budget für dieses Projekt neben den Personalkosten für eine halbe Sozialarbeiter-Stelle auch Mietkosten für ein Beratungsbüro und Sachkosten einkalkuliert. Für Florian Nägele und die Arkade ist die Fortführung dieses Projekts alternativlos, wenn man die bisherigen Erfolge im Kontakt zu den Prostituierten nicht infrage stellen will.

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